Die Katastrophe von Tschernobyl
25.04.2011 | 19:38 Uhr 2011-04-25T19:38:00+0200Tschernobyl. Eigentlich sollte ein Notfall nur simuliert werden. Aber das Experiment im ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl in der Nacht zum 26. April 1986 löste den größten anzunehmenden Unfall aus.
Es ist der Wind, der die Menschen aus der Ahnungslosigkeit reißt. Am 28. April 1986, zwei Tage nach dem Unfall, schlagen Geigerzähler am schwedischen Atomkraftwerk Forsmark aus. Die Messtrupps sind ratlos, denn innerhalb der Anlage läuft der Betrieb störungsfrei. Auch in Finnland war am Tag zuvor erhöhte Radioaktivität gemessen. Es ist der Wind, der eine radioaktive Wolke über Skandinavien getrieben hat. Experten verfolgen die Spur zurück, bis hin zum Reaktorblock 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl im Norden der Ukraine. Er brennt.
Tschernobyl , die stolze Kraftzentrale. In den frühen Morgenstunden des 26. April 1986 ist hier ein Belastungstest im Reaktorblock 4 angesetzt. Überprüft werden soll, ob die Turbinen bei einem kompletten Stromausfall im Kraftwerk noch genügend Strom liefern können, um die Notkühlung des Reaktors zu gewährleisten. Unter realistischen Bedingungen soll das stattfinden. Dafür wurde der Reaktor quasi schutzlos gemacht: Das Notprogramm „Havarieschutz“ wurde abgeschaltet. Sicherheitseinrichtungen wie die Notkühlung oder das Einfahren der Bremsstäbe sind deaktiviert. Der Beginn des Tests hatte sich verschoben, nun übernimmt die Nachtschicht des 26. April. Sie ist unvorbereitet.
Das Team simuliert den Totalausfall der Stromversorgung. Das Experiment geht schief: Technische Pannen treten auf, hinzu kommen Bedienfehler. Die Notabschaltung erfolgt nicht, plötzlich und unerwartet kommt es zu einem Leistungsanstieg. Denn der Tschernobyl-Reaktor vom Typ RBMK, ein Siedewasser-Druckröhrenreaktor, hat einen gravierenden Konstruktionsfehler: Die Einfahrgeschwindigkeit der Bremsstäbe ist viel zu niedrig, deutlich langsamer als in westlichen Kernkraftwerken. Das Graphit am Ende der Brennstäbe beschleunigt die Kettenreaktion nur noch. Der Reaktor gerät außer Kontrolle, die Katastrophe nimmt ihren Anfang.
Der Reaktor brennt zehn Tage lang
Um 1:23 Uhr erschüttert die erste gewaltige Explosion die Kraftzentrale. Im Reaktorbehälter haben Wasserstoff und Sauerstoff ein Knallgasgemisch gebildet. Die Explosion sprengt die fast 1000 Tonnen schwere Betondecke des Reaktorblocks in die Luft. Radioaktiver Staub wird mehrere Kilometer hoch in die Atmosphäre geschleudert. Das glühende Graphit fängt Feuer. Graphit ist Kohlenstoff in Reinform. Tschernobyl brennt zehn Tage lang. Es ist der Super-GAU.
Die meiste Radioaktivität entweicht in den ersten Tagen. Hubschrauber werfen Sand und Wasser auf den glühenden Reaktor. Die Explosion aber hat über 100 radioaktive Elemente freigesetzt. Die meisten von ihnen zerfallen innerhalb weniger Stunden. Doch die gefährlichsten - Jod, Strontium 90 und Cäsium 137 – werden in Wolken fortgetragen. Etwa 150 000 Quadratkilometer in Weißrussland, Russland und der Ukraine werden verseucht. Am Ende wird man die Isotope in 40 Prozent des europäischen Kontinents nachweisen. Auch Süddeutschland ist betroffen.
Die Welt jenseits des Eisernen Vorhangs aber ahnt zunächst nichts. Die Menschen in der DDR lesen auf Seite fünf der Zeitung „Neues Deutschland“ eine knapp gefasste Meldung der sowjetischen Nachrichtenagentur Tass. Sie lautet: „Im Kernkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine hat sich eine Havarie ereignet. Einer der Kernreaktoren wurde beschädigt. Es werden Maßnahmen zur Beseitigung der Folgen der Havarie ergriffen. Den Betroffenen wird Hilfe erwiesen. Es wurde eine Regierungskommission eingesetzt.“ Einen Tag später spricht die UdSSR erstmals von einer „Katastrophe“ und zwei Todesopfern.
Trümmerteile vom Dach geschaufelt
Moskau entsendet Hunderttausende Helfer, so genannte Liquidatoren - Soldaten, Studenten, Freiwillige. 600 000 sollen es gewesen sein, so Schätzungen. Die Aufräumarbeiter erhalten die höchsten Strahlendosen. In Minuteneinsätzen beseitigen sie kontaminierte Trümmerteile, die meisten von ihnen tragen nur unzureichende Schutzkleidung . Innerhalb von sechs Monaten bauen sie eine provisorische Schutzhülle um die Reaktorruine .
Wie viele Menschen starben oder sterben werden, ist bis heute umstritten. Es ist eine Glaubens- und Wissensfrage. Die Vereinten Nationen verweisen darauf, dass in der unmittelbaren Nähe des Reaktors von Tschernobyl rund 50 Menschen ums Leben kamen – durch herabstürzende Trümmerteile oder die Strahlung. Bei den Langzeitfolgen spricht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) heute von 9000 Todesfällen. Die Umweltorganisation Greenpeace indes bezieht sich auf regionale 50 Gutachten und Studien, kommt so auf allein 93 000 Krebstote.
Die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW hat vor wenigen Tagen in Berlin noch dramatischere Zahlen genannt. Danach seien allein von den rund 600 000 Liquidatoren über 112 000 gestorben. Der Biostatistiker Hagen Scherb hat errechnet, dass wegen des Tschernobyl-Unglücks in Europa 800 000 weniger Kinder geboren wurden als eigentlich zu erwarten sei. Es spricht von der „Generation der verlorenen Geburten“.

16:16
#9
ne, ne, ne, lieber FernerBeobachter
das ist aber so nicht richtig, was Sie da unter #9 behaupten.
1. haften die AKW Betreiber in D bis max. 2,5 Mrd. Euro (Versicherungsdeckungssumme)
http://goo.gl/QRjGS
2. kommen die Betreiber nicht für die Entlagerung auf, sondern der Bund (Indiz dafür sind z.B. die Castorentransporte deren Begleitschutz der Steuerzahler zahlt)
3. Sind die Entlagerungskosten nicht wie sie behaupten im Strompreis enthalten. Können sie ja auch gar nicht, weil man bis heute nicht weiss, wie man den Müll los wird. Wie soll denn da eine Kosten-Kalkulation möglich sein ? ;-)) Vielleicht mit der Glaskugel ?
Wenn ich auch Wikipedia nicht unbedingt als verlässliche Quelle einstufen möchte, so empfehle ich Ihnen trotzdem mal hier unter dem Punkt Kosten nachzuschauen:
http://goo.gl/qmuUU
Wenn Sie dann immer noch nicht überzeugt sind, empfehle ich Ihnen sich über die unten aufgeführten Quellen durchzuwühlen. Sie werden garantiert fündig und sehen, dass Atomstrom ein hoch subventioniertes Geschäftsmodell ist, vorausgesetzt, es werden alle entstehenden Kosten mit einbezogen (und das rechnet sich auch ohne Supergau nicht, außer für den subventionierten AKW Betreiber).
Lieber ferner Beobachter, wir können ja gerne miteinander Fachsimpeln, aber bleiben Sie doch bitte bei den belegbaren Fakten und nicht bei dem was Hochglanzheftchen und BILD Zeitung so versprechen und behaupten. ;-)))))))))
13:42
@8Supergrobi,
beide Beispiele hinken natürlich, denn die Betreiber (in D.) haften sehr wohl über die Landesgrenzen hinweg mit ihrem gesamten Vermögen für Unfälle in ihren Anlagen. Und die (voraussichtlichen) Enlagerkosten sind ebenfalls schon im Strompreis eingepreist ; genauso, wie der Mietnomade für die Sachbeschädigung und seine Folgen haftet, sofern er nicht versichert ist...
Und um ein Flugzeug sicher zu landen, braucht es nicht zwingend einen Flughafen. Eine leere & lange Strasse oder eine große Freifläche reicht, und die gibt es schon. Eigentlich wollte man einen großen Flughafen bauen und fertigstellen, bevor dem Flugzeug der (fast) unendliche Treibstoff ausgeht. Zur Zeit aber versucht man, es vom Himmel zu schießen...
Bildlich gesprochen :-)
Um auf das konkrete Beispiel Norwegen zurückzukommen: Wenn es letztendlich doch nur ums liebe Geld geht, warum schafft es N. nicht, den blauen Strom aus ihrer unerschöpflichen und kostenlosen Wasserkraft so billig anzubieten, dass die Nachbarländer nicht nein sagen können? Das müsste doch irgendwie gehen, wenn zur Erzeugung des Wasserstroms nichts eingekauft oder kostenpflichig weggeworfen werden muss.
Oder???
Oder warten die Schweden und Finnen auf die baldige Flatrate aus grünem deutschen Öko-Wind-Solar-strom aus dem weiter entfernten Deutschland???
Hmmmmmmmmm :-)))
13:24
#7 FernerBeobachter
siehste, geht doch ;-)
Bezüglich Schweden und Co:
Es geht letztendlich immer nur ums Geld. Scheinbar wird mit der Atomverstromung soviel Geld verdient, dass die Energie-Konzerne und Staaten, nur die Dollarzeichen im Auge haben, egal wie hoch das Restrisiko auch ist. Solange, sie nicht für die Zahlung für Entsorgung, Zwischenlagerung und Folgekosten bei einem Atomunfall zur Rechenschaft gezogen werden und nur den reinen Gewinn abschöpfen können, wird sich daran auch nicht ändern.
Frei nach dem Motto:
Ich miete mir eine Wohnung, spitze dort die tragenden Wände, aus welchen Gründen auch immer, heraus und wenn das ganze Haus anschließend zusammenbricht, ziehe ich einfach wieder aus und der Vermieter kommt für den Schaden auf.
Nun gut, es war ein Versuch das ganze in Bildsparche zu kleiden ;-)
Einen habe ich noch ;-)
Wir bauen ein Flugzeug nach neustem Stand der Technik, fliegen alle damit um die Welt und wissen noch gar nicht wo wir später landen sollen, denn, Flughäfen wurden noch nicht erfunden ;-((
13:02
@5Supergrobi:
Die Signalwirkung, mit der im Zusammenhang mit der momentan in D. veranstalteten Hexenjagd immer wieder zu locken versucht wird, funktioniert jetzt schon nicht.
Beispiel gefällig?
Norwegen z.B. bezieht 100% des auf ihrem Festland verbrauchten Stromes aus Wasserkraft. Also aus einer natürlichen und quasi unerschöpflichen und vor allem KOSTENLOSEN Quelle. Strom ist in Norwegen in einem so überschüssigen Maß vorhanden, dass sich hartnäckig das Gerücht hält, dass es in öffentlichen Gebäuden keine Lichtschalter gibt, weil die Kosten für die Anschaffung der Schalter teurer ist als der Mehrverbrauch durch die permanent durchbrennende Beleuchtung.
Trotzdem besitzt und betreibt Schweden Kernkraftwerke. Und ebenso Finnland. Warum tun die das???? Warum nehmen diese Länder das Risiko auf sich, Kernanlagen zu betreiben und zu bewachen, zu warten, instandzusetzen und irgendwann rückzubauen und den Müll quasi auf ewig endzulagern? Nein, im Gegensatz zu den russischen und kanadisch-indischen Druckröhrenreaktoren kann mithilfe der westlichen Leichtwasserreaktoren keines der Länder waffenfähiges Plutonium erbrüten. Das kann also nicht der Grund sein.
Österreich ist übrigens auch Atomfrei. Und bezieht regelmäßig Strom aus Deutschland, der Schweiz und Tchechien. Trotz ihrer Laufwasser- und Speicherkraftwerke.
Natürlich birgt die zivile Nutzung der Kernspaltung bestimmte (ja, sie heissen nunmal so:) Restrisiken. Ein Phantast wäre, wer dies leugnen würde. Ein erlicher Realist aber muss zwingenderweise erkennen, dass ein deutscher Alleinausstieg nicht dazu führen wird, dass die restliche Welt atomfrei wird.
Fest steht, dass die Tage der Kernenergie in Deutschland schon lange gezählt sind. Die bestehenden Kraftwerke können schon aus technischen Gründen nur eine begrenzte Zeit in Betrieb gehalten werden, und ein Neubau ist nicht vorgesehen. Somit ist der Ausstieg in D. schon seit Jahren im Vorraus festgelegt (den ich im übrigen auch grundsätzlich unterstütze).
Richtig ist auch, dass langfristig nur ein nachhaltiger und schonender Umgang mit den vorhandenen Ressourcen das Überleben der menschlichen Spezies ermöglichen kann.
Und richtig ist auch, dass die Probleme der Welt sich nicht in polemische Parolen und Totschlagargumente pressen lassen. Wer dies trotzdem im gleichen Maße mit Einzelaspekten der Energieversorgung versucht, hat in der Tat keine Ahnung, welcher Rattenschwanz...usw.
12:20
Es gibt nur den Weg des Ausstiegs. Wenn es Deutschland schnell schafft, folgen andere Länder. Atomenergie ist nicht beherrschbar. Niemals. Wo sind die Verantwortlichen mit allen Konsequenzen bei einem Gau?
11:30
#4 FernerBeobachter
Natürlich ist sich fast jeder, der gegen Atomkraft opponiert, dessen bewusst, dass in den Nachbarländern dann noch Atomkraftwerke eine Gefahr darstellen. Trotzdem kann das große Deutschland eindrucksvoll beweisen, dass es sich auch ohne Atomstrom bestens wirtschaftlich leben lässt und zwar ohne Volkswirtschaftliches Restrisiko. Dagegen ist derjenige, der lieber immer wieder gerne relativiert und lieber darauf wartet, das die Weltgemeinschaft einen Schlußstrich zieht, ein Fantast, der immer von anderen den Aktionismus erwartet und nie mit gutem Beispiel voran gehen will. Wenn wir Deutschen der Welt beweisen können, dass man mit regenerativer Energie ein vollwertiges Stromnetz garantieren kann, dessen Energiequellen kostenlos sind und damit Arbeitplätze ausbauen kann und richtig viel Geld verdient, dann wäre Frankreich und Co. ziemlich blöd da nicht mit einzusteigen.
Wieviel atomare Unfälle bedarf es eigentlich, bis der Weltgemeinschaft ein Licht aufgeht ? Wieviel atomare Unfälle kann sich die Weltwirtschaft noch leisten?
Wir diskutieren und diskutieren und diskutieren lieber und warten darauf, bis wieder einmal ein riesen Areal an fruchtbaren Böden mit einem GAU unfruchtbar wird. Haben wir nicht schon jetzt das Problem, fruchtbaren Boden durch natürliche Wüstenbildung und Erosionen zu verlieren? Muss der Mensch durch seine starrsinnige Unvernunft diesen Prozess im großen Stil und innerhlab kurzer Zeit beschleunigen? Wenn wir weiter so leichtfertig mit Böden, aus denen Nahrungsmittel gewonnen werden können, umgehen, dann werden die Hungersnöte in der Welt weiter zunehmen und an der Grenze von Europa und Deutschland nicht halt machen. Sie werden kommen in das Land, wo Milch und Honig fließen. Sie werden kommen zu hundeten von Millionen und kein Zaun und kein Panzer wird diese Masse aufhalten können.
Wer die Probleme der Welt auf Grundlast und Wohlstand begrenzt, hat wirklich keine Ahnung welcher Rattenschwanz daran hängt und soll weiter, die Zeit die ihm noch in seiner Wohlstandhängematte bleibt genießen und weiter pennen.
10:27
Ein realitätsblinder Idealist, wer ernsthaft daran glaubt, dass allein durch den Rückbau der deutschen Kernkraftwerke das Land der (streiche:) Dichter und Denker (setze: Dämagogen und Dagegen-Demonstranten) von zukünftigen Nuklearkatastrophen sicher verschont wird.
09:40
Wer gibt uns die Garantie, dass so ein Ding nicht mitten im dicht besiedelten Zentraleuropa hochgeht ?
Politiker ?
Energie-Lobbyisten ?
Wer übernimmt die Verantwortung, wenn so ein Ding mitten im dicht besiedelten Zentraleuropa hochgeht ?
Politiker ?
Energie-Lobbyisten ?
Wer kommt für die Folgekosten auf, wenn so ein Ding mitten im dicht besiedelten Zentraleuropa hochgeht ?
Politiker ?
Energie-Lobbyisten ?
Tschernobyl ist für uns alle ein Mahnmal für Dinge, die danach, trotz Einsatz von bisher 200 Mrd. Dollar, nicht wieder, von kein Geld der Welt ersetzt werden können. Die unbewohnbare Gegend, die 800.000 nicht geborenen Kinder wegen Tschernobyl (Volkswirtschaftlicher Wertverlust) usw. usw., dass alles wird überhupt nicht berechnet und lässt,
Politiker ? und
Energie-Lobbyisten ?
weitermachen wie bisher.
Ich zahle seit vier Jahren keinen Euro mehr für Atomstrom, dass ist meine Demonstration für die ich nicht auf der Straße mit Strickwollpulli gehen muss.
Brent Spar hat einst SHELL in die Knie gezwungen.
Das klappt auch ganz sicher mit dem Atomstrom, dessen Wahrscheinlichkeit für das Restrisiko NIEMAND garantieren kann, NIEMAND.
09:12
Stimmt,@1
Noch immer schwafeln diese Kreise von einem Restrisiko, ähnlich wie bei anderen Techniken. Dabei ist inzwischen mehr als deutlich geworden, dass man nach einem Reaktorunfall eben nicht einfach aufräumen und wieder aufbauen kann, sondern für lange Zeit unbewohnbare und auch sonst nicht nutzbare Länder hinterlassen hat. Unsere Nachfahren werden uns die Gräber umpflügen...
08:16
Und was haben Manager und Politiker daraus gelernt...nichts!