Die Freunde Russlands sterben

Kiew..  Gestern hat die Polizei in der Kleinstadt Neteschin bekannt gegeben, dass die Lokaljournalistin Olga Moros in ihrer Wohnung getötet wurde. Am Donnerstag erschossen Unbekannte den prorussischen Publizisten Oles Busina vor dem Hauseingang seiner Kiewer Wohnung. Am Mittwoch wurde der Oppositionspolitiker Oleg Kalaschnikow ebenfalls in Kiew erschossen. Laut Polizei verschwanden aus der Wohnung der Journalistin Olga Moros mehrere Wertgegenstände. Außerdem arbeitete Moros mit einer Kollegin an einem Artikel über illegale Holzgeschäfte in ihrer Region. Allerdings sagten Mitarbeiter und Bekannte, ihnen seien keine Drohungen gegen Olga Moros wegen ihrer beruflichen Tätigkeit bekannt.

Andere ehemalige Mitglieder der „Partei des Regionen“ des 2014 gestürzten und nach Russland geflohenen Staatschefs Janukowitsch hatten im Februar nach Angaben der Behörden Selbstmord begangen; drei Exparlamentarier, dazu der Bürgermeister und der Polizeichef der Kreisstadt Melitopol. Ukrainische Separatisten und russische Kommentatoren behaupten nun, auch sie seien ermordet worden.

Businas Tod wurde Russlands Präsidenten Wladimir Putin am Donnerstag während eines Live-Auftritts im Staatsfernsehen gemeldet, Putin kommentierte prompt. „Das ist ja nicht der erste politische Mord in der Ukraine.“

Beginn einer politische Säuberung?

Ein erbitterter russisch-ukrainischer Streit tobt. Marija Sacharowa, Sprecherin des russischen Außenministeriums, verkündete auf Facebook „den Beginn der politischen Säuberungen in der Ukraine“. Der ukrainische Regierungsparlamentarier Juri Luzenko aber bezeichnete die Ermordeten als „sakrale Opfer des Kremls“. Ukrainische Blogger behaupten gar, Busina sei während Putins Live-Show erschossen worden, um ihm Gelegenheit zu geben, von dem unaufgeklärten Nemzow-Mord abzulenken. Viele Beobachter halten beide Versionen für möglich. „Was Kalaschnikow angeht, ist es auch möglich, dass der Mord etwas mit seinen korrupten Geschäften zu tun hat“, sagt der Kiewer Politologe Wadim Karasjow unserer Zeitung. „Aber Busina ist aus politischen Gründen ermordet worden. Entweder das war die Rache ukrainischer Untergrundnationalisten oder tatsächlich die lange Hand Moskaus, die die Ukraine weiter destabilisieren und gleichzeitig Nemzows Tod in den Hintergrund schieben will.“

Tatsächlich ist nicht auszuschließen, dass Russland seine offiziell verleugnete Militärintervention in der Ukraine durch die zum Teil blutigen Bombenanschläge unterstützt, die Charkow und Odessa seit Monaten erschütterten. Aber auch durch provokative Morde in Kiew.

Allerdings sind ukrainische Rechtsradikale zu ebenso mörderischen Gewalttaten fähig. Für sie ist es auch kein Problem, ihre prorussischen Widersacher ausfindig zu machen. So sammelt das Internetportal Mirotworez (deutsch: Friedensstifter) persönliche Daten und Anschriften von „Vaterlandsverrätern, Separatisten und Kollaborateuren der russischen Besatzer“. Auch die Wohnadressen Kalaschnikows und Businas sind auf dieser schwarzen Liste zu finden. Beiden Seiten ist alles zuzutrauen, aber die Schuld werden sie immer auf den Anderen schieben.