Die Existenz des Jemen steht auf dem Spiel

Sanaa/Genf..  „Ihr seid Kindesmörder, Kriminelle und Hunde“, schrie die junge Frau und warf ihre Schuhe in Richtung Podium. Hamza Al-Houthi hatte gerade auf einer Pressekonferenz im UN-Hauptquartier in Genf für die jemenitischen Rebellen das Wort ergriffen, als ihn der wütende Angriff unterbrach. Im Saal brachen Faustkämpfe aus und es flogen Flaschen, bis Sicherheitskräfte die Kontrahenten vor die Tür bugsierten. Der erregte Zwischenfall bei den bislang erfolglosen Vermittlungsgesprächen in der Schweiz ist symptomatisch für die verfahrene Situation im Jemen. „Die Existenz des Landes steht auf dem Spiel“, hatte zu Beginn der Woche UN-Generalsekretär Ban Ki-moon die angereisten Unterhändler beschworen.

Zerstörung der Kulturschätze

Fast drei Monate lang bombardiert die saudische Luftwaffe nun schon das Nachbarland an der Südspitze der Arabischen Halbinsel. Dem erklärten Kriegsziel, die nach Riyadh geflohene Exilregierung unter dem bisherigen Präsidenten Abed Rabbo Mansour Hadi zurück an die Macht zu schießen, ist das ölreiche Königreich keinen Schritt näher gekommen. Denn nach wie vor kontrollieren seine Gegner, ein Bündnis aus Houthi-Stammeskriegern und Streitkräften des früheren Langzeitherrscher Ali Abdullah Saleh, den Großteil des Landes mitsamt der Hauptstadt Sanaa.

Die 24 Millionen Jemeniten jedoch erleben den Krieg als eine beispiellose humanitäre Katastrophe. 2600 Menschen sind nach Angaben der WHO bisher getötet worden, über 11 000 verletzt. Eine Million befindet sich auf der Flucht. Aber auch wichtige Kulturschätze des Landes, dessen Zivilisation mehr als 2800 Jahre zurückreicht, wurden zerstört. In Sanaa legten Bomben fünf jahrhundertealte Lehmziegelhäuser in der Altstadt in Schutt und Asche, die zum Weltkulturerbe gehört. Der älteste Staudamm der Menschheit in der Provinz Marib aus dem 8. Jahrhundert wurde durch eine Rakete beschädigt.

Die Hälfte der jemenitischen Bevölkerung ist inzwischen von Hunger bedroht, weil saudische und ägyptische Kriegsschiffe sämtliche Häfen im Golf von Aden blockieren. In der hart umkämpften Hafenstadt Aden ist das Dengue-Fieber ausgebrochen, weil in den Straßen Berge von Müll bei brütender Hitze vor sich hinfaulen. Die Zahl der Erkrankten liegt mittlerweile bei mehr als 5000. Jeden Tag kommen nach Angaben der städtischen Krankenhäuser 100 bis 200 Fälle dazu. „Wir leben nur noch von Beerdigung zu Beerdigung“, zitierte eine lokale Zeitung einen Bewohner.

Am Freitag appellierten die Vereinten Nationen an die internationale Gemeinschaft, 1,6 Milliarden Dollar an Hilfsgeldern aufzubringen, auch weil Saudi-Arabien seine zugesagten 540 Millionen Dollar bisher nicht eingezahlt hat. „Der bewaffnete Konflikt sowie der Mangel an Lebensmitteln und Benzin treiben den Jemen in einen totalen Zusammenbruch bei der Versorgung“, erklärten die UN.

Attentate der Gotteskrieger

Gleichzeitig spielt der Staatszerfall islamistischen Gotteskriegern in die Hände. Seit Ende März hat „Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel“ (AQAP) die Hafenstadt Mukalla am Golf von Aden unter seiner Kontrolle. Der „Islamische Staat“ bekannte sich bislang zu sieben Selbstmordattentaten auf Moscheen der Houthis, bei denen über hundert schiitische Gläubige starben. Kriegsherr Riyadh wiederum manövriert sich mit seiner Angriffspolitik immer tiefer in eine strategische Sackgasse hinein. Und so wird seine Führung schon bald vor der Entscheidung stehen, entweder einen Waffenstillstand und damit die Präsenz seiner Feinde in Sanaa zu akzeptieren oder den Krieg weiterzuführen mit dem Risiko, dass der Jemen total zerfällt.