Die digitale Zukunft der Medizin

An Rhein und Ruhr..  Nordrhein-Westfalen plant die digitale Revolution, die Bundesregierung sowieso und selbst auf dem platten Land sind bereits viele Haushalte an superschnelle Netze angeschlossen. Nur im Gesundheitswesen hakt es noch erheblich bei der Digitalisierung. Die volle Funktionsfähigkeit der elektronischen Gesundheitskarte beispielsweise lässt auf sich warten, die Vernetzung zwischen Ärzten und Krankenhäusern ist mangelhaft. Allerdings finden sich in Nordrhein-Westfalen bereits einige Projekte, die zeigen, wie die digitale Zukunft im Gesundheitswesen aussehen könnte.

Die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte wurde bereits 2004 beschlossen, die Idee dahinter klingt einleuchtend: Die Karte soll eine Art Schlüssel zu zentral gespeicherten elektronischen Patientenakten sein, um Ärzten schnellen Zugriff auf alles Wissenswerte über ihre Patienten zu ermöglichen und Doppeluntersuchungen zu vermeiden. Außerdem sollen auf dem Chip direkt abrufbare Notfalldaten gespeichert werden, um beispielsweise bei einem Unfall Mediziner mit den wichtigsten Informationen zu versorgen.

Gegen das Projekt leisteten Teile der Ärzteschaft lange Widerstand, jetzt soll es mit dem „E-Health-Gesetz“ beschleunigt werden, das Anfang kommenden Jahres in Kraft treten soll. Für die Ärzte könnte die Umsetzung lukrativ werden, für sie sind in dem aktuellen Referentenentwurf zahlreiche finanzielle Anreize für die Unterstützung der digitalen Offensive enthalten: So sollen sie zwischen Juli 2016 und Juli 2018 für die bloße Entgegennahme elektronischer Entlassbriefe aus Krankenhäusern jeweils 50 Cent erhalten – insgesamt rund 20 Millionen Euro. Für die Übermittlung elektronischer Arztbriefe bietet der Gesetzgeber jeweils 55 Cent.

Die Krankenkassen sind seit jeher Befürworter der elektronischen Gesundheitskarte, auch, weil sie sich Kostenersparnisse versprechen. Den immer wieder erhobenen Vorwurf, damit der werde der „gläserne Patient“ geschaffen und die Warnung vor einem möglichen Missbrauch von Daten will Günter van Aalst nicht gelten lassen: „Jeder Patient entscheidet selbst, ob medizinische Daten gespeichert werden und wer sie nutzen darf“, sagt der Chef der NRW-Landesvertretung der Techniker Krankenkasse (TK) .

Van Aalst begrüßt deswegen auch den Entwurf zum „E-Health-Gesetz“ als überfällig. Mit einer Ausnahme: „Bedauerlicherweise finden sich in dem Entwurf keine Fristen zur Lösung der Schnittstellenproblematik.“ Damit meint van Aalst: Im Gesundheitssystem wird derzeit mit rund 200 verschiedenen Softwaresystemen gearbeitet, die größtenteils nicht miteinander kommunizieren können. „Das muss gelöst werden“, fordert der Kassenchef.

Experten beraten Kollegenin umliegenden Krankenhäusern

Welch positive Wirkung die elektronische Kommunikation haben im Gesundheitswesen haben kann, zeigt das Beispiel Aachen. Dort arbeitet das Universitätsklinikum seit geraumer Zeit mit mehreren Krankenhäusern in der Umgebung im Bereich der Teleintensivmedizin zusammen. Spezialisten im Klinikum erhalten online die Vitaldaten von Intensivpatienten und geben ihren Kollegen therapeutische Ratschläge. Ein wegweisendes Projekt, findet van Aalst: „Es wäre sinnvoll, in Zukunft Expertenzentren zu schaffen, die Grundversorgungs-Krankenhäuser telemedizinisch unterstützen.“

Im Siegerland wiederum läuft derzeit ein Projekt, das für von Ärztemangel betroffene ländliche Regionen beispielhaft sein könnte. Dort machen statt Medizinern höherqualifizierte Arzthelferinnen oder Krankenpfleger Hausbesuche bei älteren Menschen – ähnlich dem Dorfschwester-Modell, wie man es aus Großbritannien kennt. So erspart sich der Arzt zeitaufwendige Fahrten zu den Patienten. Stellt das „Assistenzpersonal“ medizinische Auffälligkeiten fest, könnte es zukünftig Videoschaltung zum Mediziner herstellen – und der entscheidet, ob der Patient in seine Praxis kommen sollte.

Generell scheint die Abneigung von Patienten gegen Telemedizin nicht sonderlich stark ausgeprägt. Laut einer Umfrage der TK wären 37 Prozent zu einem Videogespräch mit ihrem Arzt bereit, um abzuklären, ob sie bei ihm einen Termin machen sollen. „Es gibt eine Menge Einsatzmöglichkeiten“, sagt van Aalst. „Noch stecken wir aber in den Anfängen.“