Die CSU tankt Kraft in Kreuth

Kreuth..  Die Kraftquelle der CSU, wie es Gerda Hasselfeldt nennt, liegt abgeschieden in einem engen Tal südlich und leicht oberhalb des Tegernsees. Zwei Straßen führen hierher, eine hinein, eine weiter in die Berge. Wer eingeladen ist, findet seinen Weg nach Wildbad Kreuth zur Neujahrsklausur der CSU-Landesgruppe im Bundestag, diesmal Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg und EU-Kommissar Günther Oettinger, aus Berlin Innenminister Thomas de Maizière (CDU), aus den USA der Philosoph Vittorio Hösle. Hasselfeldt, die Chefin der Landesgruppe, ist „stolz auf die hochkarätigen Gäste“. Es gibt aber auch Zeitgenossen, die Jahr für Jahr übersehen werden, so etwa Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU).

Narzisstische Störung: Immer aufder Suche nach Aufmerksamkeit

Der gelb getünchte Prachtbau der parteinahen Hanns-Seidel-Stiftung ist der Stein gewordene Selbstbehauptungswille. 1976 beschloss die Partei hier, ihre Fraktionsgemeinschaft mit der CDU aufzulösen. Nur einen Monat hielt der Beschluss. Dann zog die Partei den Schwanz wieder ein. Und doch war der Sturm im Wasserglas der Beginn des Mythos Kreuth.

Die CSU ist eine Regionalpartei mit einer narzisstischen Störung, immerzu auf der Suche nach Aufmerksamkeit. Der Trick ist: Wer sich selbst imponiert, der imponiert auch anderen. Regelmäßig stellt die Partei zugleich unter Beweis, dass sie eine politische Größe ist. Sollte es zum Beispiel zur Pkw-Maut kommen, dann nur, weil es der CSU und den Bayern gefällt, mit Österreich gleichzuziehen. Dem Rest der Republik zwingt die CSU ihren Willen auf, was eine Definition von Macht ist und nebenbei erklärt, warum sie alle nach Kreuth kommen, Politiker, Wirtschaftschefs, Gelehrte, Künstler und Journalisten.

Kreuth, hat der langjährige Parteichef und Ministerpräsident Edmund Stoiber geschrieben, mache deutlich, dass es keinen Bindestrich gebe, keine CDU-CSU, sondern zwei Parteien. Aber ob die Schwesterparteien noch auf Augenhöhe sind? Wie verzichtbar sie geworden ist, machte ausgerechnet Seehofer zu Beginn der Klausur deutlich. Auf die Frage nach seinem Rückzug sagte er über CDU-Kanzlerin Angela Merkel: „Sie käme auch heute schon allein zurecht.“ Ohne den CSU-Vorsitzenden. Dieser Schwächeanfall von einem Satz wäre Seehofer noch vor ein, zwei Jahren nicht über die Lippen gekommen; und seine Vorgänger wären gar nicht erst auf den Gedanken gekommen. „Seehofer“, klagt ein Mitstreiter, „hat sich von Merkel den Schneid abkaufen lassen“.

Zu beobachten ist es seit Langem, zum Jahreswechsel etwa, als CSU-Fraktionsvize Hans-Peter Friedrich es wagte, die Kanzlerin zu kritisieren und umgehend von Seehofer und Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt zur Ordnung gerufen wurde. Das spricht nicht für den Korpsgeist der CSU. Im Berliner Kabinett hat die CSU nach der letzten Wahl kein klassisches Ressort für sich herausholen können. Und als Merkel im Sommer mit der SPD über Waffenlieferungen für die Kurden beriet, bat sie keinen CSU-Vertreter an den Tisch. Einfach übergangen.

Früher hat die CSU Wahlsiege nicht wegen, sondern oft genug trotz CDU-Kanzler erzielt. Aber bei der Bundestagswahl 2013 schnitt die CSU nicht zufällig besser ab als auf Landesebene – es war Merkels Wahl. Auch bei der Landtagswahl profitierte man vom Kanzlerbonus: 47,7 Prozent. Wie tief es runtergehen kann, zeigte sich aber bereits ein halbes Jahr später bei der Europawahl, wo man nur 40,5 Prozent errang, ein Menetekel.

Mit der AfD etabliert sicheine Partei rechts der CSU

Seither rätselt die CSU über ihre Stärke. Die Zeichen der Schwäche sind unübersehbar. 40 000 Mitglieder hat man in den letzten Jahren verloren, wie in CSU-Kreisen zu hören ist. Es seien noch 140 000 Mitglieder. Auch finanziell ging es 2014 dem Vernehmen nach ans Eingemachte. Gewöhnungsbedürftig ist auch, dass sich rechts von der CSU mit der AfD eine Partei etabliert. Ein Alarmzeichen.

Früher hätten viele Menschen außerhalb Bayerns die CDU gewählt, „weil es die CSU gab“, rief Rebell Friedrich seiner Partei in Erinnerung. „Dahin müssen wir wieder kommen“, forderte er Ende Dezember, damals wohl schon in Gedanken in Kreuth, dem Ort der Sehnsucht.