Die Bahn kommt wieder

Berlin..  Der zähe Tarifkonflikt bei der Bahn ist beendet. Endgültig. Die Tarifverträge sind unterschrieben. Bahnkunden können gelassen in den Sommer gehen: Nach neun Streikrunden sind weitere Arbeitsniederlegungen bis Ende September 2016 ausgeschlossen. Antworten auf zentrale Fragen:

Wer hat sich durchgesetzt?

Beide Seiten. „Wir haben einen Abschluss mit Vernunft und Augenmaß hingekriegt“, sagt der SPD-Politiker Matthias Platzeck, der mit Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow von der Linkspartei die Schlichtung geleitet hat. GDL-Chef Claus Weselsky ist in gewisser Hinsicht der eigentliche Gewinner der Tarifauseinandersetzung. Seit Dienstagabend gibt es einen „Bundesrahmentarifvertrag Zug“. Die wichtigste Forderung der kleinen Lokführer-Gewerkschaft ist damit zumindest dem Buchstaben nach erfüllt. Nach Angaben der Schlichter wurden 16 Tarifverträge unterschrieben.

Ist die Streikgefahr gebannt?

Ja. Bis 30. September 2016 sind weitere Streiks ausgeschlossen. Auch danach sollte es ruhiger zugehen auf Deutschlands Bahnsteigen. Denn es gibt ein neues Schlichtungsverfahren: Künftig kann auch nur eine Seite eine Schlichtung einleiten. Die Hoffnung: Derart zähe Auseinandersetzungen zulasten der Kunden wie im zurückliegenden Jahr sollen vermieden werden. Denn nicht nur der Ärger war groß. Die Bahn beziffert die Kosten der Streiks mit über 400 Millionen Euro in den Jahren 2014 und 2015.

Was wurde im Detail für die Gehälter vereinbart?

Bereits ab 1. Juli steigen die Gehälter um 3,5 Prozent. Zum 1. Mai 2016 gibt es ein weiteres Plus um 1,6 Prozent. Zusätzlich gibt es eine Einmalzahlung von 350 Euro.

Und für die Arbeitszeit?

Laut Ramelow war der Abbau von Belastungen für die Beschäftigten ein zentrales Thema des Schlichtungsverfahrens. 300 Lokomotivführer und 100 Zugbegleiter werden bald zusätzlich eingestellt. Künftig können die Beschäftigten ihre Arbeitszeit drosseln, hieß es weiter. Ab 2018 sinkt die Wochenarbeitszeit um eine auf 38 Stunden.

Warum haben sich die Streithähne so lange ineinander verhakt?

Die GDL hatte ein klares Ziel, von dem sie sich nicht abbringen lassen wollte. Bislang hatte die GDL nur für Lokführer verhandelt. Sie wollte aber auch andere Berufsgruppen wie die Bordgastronomen vertreten, die ebenfalls zum Teil bei ihr organisiert sind. Und vor allem: für jede Berufsgruppe einen eigenen Tarifvertrag verhandeln, der inhaltlich von den Tarifverträgen der größeren Gewerkschaft EVG abweichen kann. Die Bahn-Manager waren dagegen. Ihr Argument: Die Tarifeinheit im Konzern wird gefährdet. Schließlich könnten dann in einem Unternehmen unterschiedliche Löhne und Arbeitsbedingungen für die gleichen Jobs gezahlt werden. Dem Wettbewerb unter den Gewerkschaften tut das gut, dem Betriebsfrieden eher weniger. Und für die Bahn steigt natürlich der Aufwand in den Tarifverhandlungen – womöglich schaukeln sich die Gewerkschaften im Werben um Mitglieder auch gegenseitig bei ihren Forderungen nach oben.

Wie wurde das Problem gelöst?

Salomonisch. Die GDL hat sich einerseits durchgesetzt. Andererseits hat sie mit einer Ausnahme praktisch die Tarifabschlüsse übernommen, die die EVG schon im Mai mit der Bahn ausgehandelt hatte. Damit gibt es faktisch doch wieder gleiche Löhne und Arbeitsbedingungen für alle Bahn-Mitarbeiter, auch wenn sie in verschiedenen Gewerkschaften organisiert sind. So gesehen hat sich also die Bahn durchgesetzt. „Wir erreichen unser Ziel, für ein und dieselbe Berufsgruppe nicht nach Gewerkschaftszugehörigkeit unterscheiden zu müssen, wenn es um Arbeitszeit, Pausenregelungen oder Vergütung geht“, sagt Bahn-Personalvorstand Weber. Aus dieser Perspektive: Auch die Bahn geht als Gewinner vom Platz. Und als Verlierer – je nach Perspektive.

Wie war die Stimmung bei den Verhandlungen?

Von dem, was nach außen drang: Anfänglich sehr angespannt und verfahren. Insgesamt haben Bahn-Manager, Schlichter und GDL-Vertreter 75 Stunden zusammengesessen. Der Abbruch der Gespräche schien häufiger möglich. Zweimal wurde die Schlichtung verlängert. Es muss also ein sehr zähes Ringen gewesen sein. „Für zart besaitete Gemüter nicht unbedingt geeignet“, wie Schlichter Platzeck formuliert.

Nach außen drang dabei erstaunlich wenig. Unüblich für Tarifverhandlungen, bei denen normalerweise die Büchsenspanner beider Seiten gefärbte Informationen über die jeweiligen Wasserstände nach außen tragen. Aber beiden Seiten war klar: Es muss eine Einigung geben. Am Ende löste sich – zumindest nach außen hin – alles in großes Wohlgefallen auf. „Danke an die Deutsche Bahn AG“, sagte selbst der hartleibige Weselsky, der im Laufe der Verhandlungen, ebenso wie die Bahnleute, bisweilen rhetorisch scharfe Geschütze aufgefahren hatte.