Die Angst des Wahlleiters vorm Zwitschern
02.09.2009 | 07:03 Uhr 2009-09-02T07:03:00+0200
Berlin. Bundeswahlleiter Roderich Egeler rechnet nicht damit, dass am 27. September vor Schließung der Wahllokale Prognosezahlen zur Bundestagswahl in der Öffentlichkeit, beispielsweise auf Twitter, kursieren werden. Ausschließen kann er es aber nicht.
Es ist kurz nach halb fünf am Nachmittag des 27. September 2009. In 90 Minuten schließen die Wahllokale. Die Spannung steigt. Wer gewinnt? Werden die knapp 17 Millionen noch völlig unentschlossenen Wähler an die Urnen gegangen sein oder nicht? In diesem Moment verbreitet sich über SMS und diverse Internet-Dienste tausendfach die Kunde, dass sich zwischen der Merkel Union und der Steinmeier-SPD wider Erwarten ein Kopf-an-Kopf-Rennen abzeichnet. Tausende greifen umgehend zur Wahlbenachrichtigung. Und dann nicht wie ab ins nächste Wahllokal. Zugegeben: Bis auf die erschreckend hohe Zahl möglicher Wahl-Abstinenzler ist diese Versuchsanordnung frei erfunden. Und doch treibt sie Roderich Egeler um.
Sehr nah an den tatsächlichen Resultaten
Am vergangenen Sonntag wurden gut eineinhalb Stunden vor Schließung der Landtagswahllokale auf der Kurznachrichten-Plattform Twitter Prognosen „ausgezwitschert”, die den tatsächlichen Resultaten in Sachsen, Thüringen und dem Saarland recht nahe kamen. Seither stellt sich der Bundeswahlleiter die bange Frage: Was, wenn am 27. September bei der Bundestagswahl auch irgendwer digital plaudert? Was, wenn es in letzter Minute zu einem das Endergebnis verfälschenden Mobilisierungseffekt für oder gegen eine bestimmte Partei kommen sollte?
Unsinn, sagen Sie? Bei der Bundestagswahl 2002 lagen SPD und CDU/CSU lediglich 6000 Stimmen auseinander. Ein einschlägiger Eintrag bei Twitter, an dessen Info-Tropf inzwischen Zigtausende hängen, rechtzeitig vor 18 Uhr - und die Sache könnte rückblickend ganz anders ausgesehen haben. Mag die damit verbundene Annahme, dass Twitter-Nutzer sich ihre Wahlmüdigkeit in letzter Minute von vorab veröffentlichten Prognosen vertreiben lassen, auch gewagt erscheinen - die amtlichen Wahlorganisatoren müssen an alle Eventualitäten denken. Also auch an sie: die „exit polls”. Und welchen Missbrauch man mit ihnen treiben kann.
Vertrauliche Prognosen
Dazu muss man wissen: Bei jeder Wahl stehen hierzulande Mitarbeiter der führenden Meinungsforschungsinstitute vor den Wahllokalen und fragen tausende Wähler danach, anonym wohlgemerkt, welcher Partei sie ihr Vertrauen geschenkt haben. Aus diesem Zahlenmaterial filtern die Institute jene meist erstaunlich wirklichkeitsnahen Prognosen, die mit Schließung der Wahllokale um 18 Uhr über alle Nachrichtenkanäle kommen.
Ausgewählte Journalisten, auch bei der WAZ/NRZ/WR/OTZ/WZ, sowie die meisten Parteizentralen erfahren in der Regel zwischen 16 und 17 Uhr am Wahltag unter dem Siegel der Verschwiegenheit von den Trendzahlen. Die sind zwar nicht mit den späteren Hochrechnungen gleichzusetzen, aber doch meist plus/minus zwei Prozentpunkte sehr verlässlich. Dadurch ergibt sich ein die Arbeit erleichternder Zeitvorsprung bei der Frage, in welche Richtung sich ein Wahlabend wahrscheinlich entwickeln wird. Sowohl für die Parteien, als auch für die Medien.
Milde Folterwerkzeuge
Bisher wurde mit dieser vertraulichen Information vergleichsweise verantwortungsvoll umgegangen. Ausgerechnet zwei Bundestagsabgeordnete, Julia Klöckner (CDU) und SPD-Mann Ulrich Kelber, brachen in einem anderen Fall jüngst das Tabu. Sie waren es, die am 23. Mai, deutlich bevor Bundestagspräsident Norbert Lammert im Reichstag feierlich das Wort ergriff, die Wiederwahl von Bundespräsident Horst Köhler in die Welt hinaus twitterten. Damit das ungemein flinke Medium nicht die Bundestagswahl beeinträchtigt und womöglich anfechtbar macht, hat Bundeswahlleiter Egeler gestern erneut die für Internet-Freaks wohl eher milden Folterwerkszeuge gezeigt. Botschaft: Nachwahlbefragungen vorab zu veröffentlichen, stelle einen „gravierenden Verstoß gegen das Bundeswahlgesetz” dar, der mit Bußgeldern bis zu 50 000 Euro bestraft werden kann. Die Wahlforschungsinstitute von Forsa bis dimap forderte er eindringlich auf, mit den sensiblen Daten „äußerst restriktiv umzugehen”. Ob's hilft?
Während Egeler vorsichtig optimistisch ist, dass nach den Irritationen am vergangenen Sonntag die Sensibilität für das Missbrauchspotenzial allerseits gestiegen ist, gehen manche Politiker längst weiter. Zwei Alternativen werden intern diskutiert: Entweder die Demoskopen stellen Journalisten wie Politikern die „exit polls” frühestens ab 17 Uhr oder 17.30 Uhr zur Verfügung. Oder gar nicht mehr.

14:22
****** auf die Wahlergebnisse.
Die Menschen sind auf jeden Fall die Verlierer!!!
11:48
Mich wundert, das wir nicht schon in die Lage versetzt werden unsere Wahl via Internet zu bewerkstelligen.
Jeder bekommt seinen persönlichen Account+ PIN/TAN. Ich denke wir haben dann auch wieder satte Wahlbeteiligungen zu Stichtag.
10:30
Ein Email- und SMS-Zwitter,
mailt Vorabprognosen. - Sehr bitter!
Macht es jetzt den Staat
und die Wahlen nun platt,
dieses neue Gedöns namens Twitter??
© carlo tarrasqua
19:54
na hatte die Bild bei der Europawahl nicht auch kurz vor Wahlende in der Onlineausgabe schon erste Wahlprognosen stehen. Naja die Bild darf das ja.