Die Ärztezahl steigt – der Mangel bleibt

Münster..  Noch nie hat es in Deutschland so viele Ärzte gegeben wie heute. Die neuesten Zahlen der Bundesärztekammer scheinen auf den ersten Blick all jene Lügen zu strafen, die vor einem Medizinermangel warnen. Und doch sieht Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery weiter einen dramatischen Mangelzustand voraus: „Das leichte Plus reicht bei Weitem nicht, um die Lücken in der medizinischen Versorgung zu schließen.“

Im Bereich der Ärztekammer Westfalen-Lippe stieg die Zahl der berufstätigen Ärzte zuletzt um 2,4 Prozent auf 33 573 an. In Deutschland arbeiten derzeit mehr als 365 000 Mediziner (2,2 Prozent mehr als 2013).

Warum sollte man sich also Sorgen machen um die medizinische Versorgung? Weil sich der Medizinerberuf grundlegend verändern dürfte. Montgomery hält den Arzt, der rund um die Uhr für seinen Beruf lebt, für ein Auslaufmodell. Der Weißkittel von heute wünsche sich mehr Freizeit, mehr Familie. Das Bedürfnis nach festen Arbeitszeiten und flexiblen Arbeitszeitmodellen sei bei jungen Medizinern gewachsen. „Immer mehr entscheiden sich für eine Anstellung und gegen die Niederlassung“, meint Montgomery.

Theodor Windhorst, der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, bestätigt, dass Teilzeit-Arbeit bei den Medizinern immer beliebter werde. 2013 arbeitete jede vierte Krankenhaus-Ärztin in Westfalen-Lippe auf einer Teilzeitstelle. Bundesweit stieg der Frauenanteil unter den Ärzten in 20 Jahren von 20 auf 45 Prozent. „Die Medizin wird weiblicher“, sagte Klaus Dercks, Sprecher der Ärztekammer Westfalen-Lippe. Aber auch Männer fragten öfter nach Arbeitszeitreduzierung und Kindererziehungszeiten. Ärzte wechseln schneller als früher in alternative Berufe oder ziehen weg. Allein im vergangenen Jahr wanderten 2364 Ärzte aus Deutschland aus.

Die Ärztekammer Westfalen-Lippe glaubt: Zukünftig werden 1350 Ärzte nötig sein, um das zu leisten, was heute 1000 Ärzte schaffen. Mehr Hochaltrige bedeuten: mehr Nachfrage nach Ärzten.

Der Spitzenverband der Krankenkassen stimmt nicht mit ein ins Klagelied vom allgemeinen Ärztemangel. Es sei jedoch eine Gemeinschaftsaufgabe, dafür zu sorgen, dass die Ärzte dort zu finden seien, wo sie gebraucht würden, sagte ihr Sprecher Florian Lanz.