„Deutschland ist nicht die Insel der Glückseligen“

Berlin.  Erst Paris, nun Kopenhagen. Und die Terrorwelle geht weiter, sagt Israels Premier Benjamin Netanjahu. Er legt den Juden nahe, deswegen nach Israel auszuwandern. Für den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, ist das „nicht nachvollziehbar“, wie er im NRZ-Interview sagt.

Sie haben erklärt, Angst vor dem Terror sei kein Grund, Deutschland zu verlassen. Das war politisch korrekt, aber entspricht es auch der Seelenlage der Juden?

Davon bin ich überzeugt. Bei aller Tragik muss man sich vor Augen führen, dass islamistischer Terror ein weltumspannendes Phänomen ist. Es gibt keinen 100-prozentigen Schutz, auch nicht in Israel.

War Netanjahus Angebot übereilt?

Dass Israel Juden zur Einwanderung aufruft, gehört zur Staatsräson Israels und ist nicht neu. Aber Netanjahus Aufruf, wegen Terrorgefahr nach Israel zu ziehen, ist für mich nicht nachvollziehbar.

Schauen wir über Deutschland hinaus. Hängt ein Fragezeichen über der Zukunft des europäischen Judentums, in Ungarn, in Frankreich?

Fakt ist, dass in vielen Ländern antisemitische Ausschreitungen zugenommen haben. Dennoch liegt selbst in Frankreich die Quote der Juden, die auswandern, nur bei 1,4 Prozent. Auch Deutschland ist nicht die Insel der Glückseligen. Ich erinnere an den Angriff auf Rabbiner Daniel Alter 2012 in Berlin – nur weil er eine Kippa trug. Und die Hetzparolen bei Protesten im vergangenen Sommer... Dieser Sommer hat viele Juden erschreckt, auch mich. Parolen, von denen wir gedacht haben, wir würden sie nie mehr in Deutschland hören. Sie sind aber nicht von der Mehrheit gekommen.

Haben Sie eine Erklärung dafür, dass der Antisemitismus zugenommen hat?

In Frankreich könnte die soziale Lage eine Rolle spielen. Es gibt auch eine hohe Einwanderung aus den nordafrikanischen Staaten. Bei jungen Muslimen sind antisemitische Haltungen stärker ausgeprägt als in der übrigen Bevölkerung.

Wird man als Jude für Israels Nahost-Politik verantwortlich gemacht?

Ich werde nicht müde, darauf hinzuweisen, dass jüdische Gemeinden keine konsularischen Einrichtungen Israels sind. Aber in der Tat müssen Juden häufig vor „Otto Normalverbraucher“ stellvertretend für die Probleme der israelischen Politik herhalten.

Sind die jüdischen Einrichtungen gut geschützt?

In Deutschland sind die jüdischen Einrichtungen gut geschützt. Die Sicherheitsbehörden haben ihre Konzepte immer wieder kritisch hinterfragt, auch noch einmal nach dem letzten Wochenende.

Die Politik tut viel, um die jüdische Gemeinschaft zu schützen. Außer Frage steht auch das Existenzrecht Israels. Gibt es einen Gegensatz zwischen Staatsräson und gesellschaftlicher Stimmung?

Nach einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung sieht es leider danach aus. Die Fragestellung müsste aber kritisch überprüft werden. Ich habe das Gefühl, dass sich das Verhältnis der Gesellschaft zu Israel verändert hat. Vor einigen Jahren hat man mit Begeisterung auf Israel geschaut, während von dort kritische Fragen kamen. Heute ist es umgekehrt.

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