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Tod in Afghanistan

Deutsche Soldaten auf dem Präsentierteller

05.04.2010 | 19:52 Uhr
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Deutsche Soldaten auf dem Präsentierteller

Berlin. Drei tote Soldaten an einem Tag – nie hat die Bundeswehr in Afghanistan größere Verluste hinnehmen müssen als an diesem Wochenende. Der schwarze Karfreitag wird noch lange nachwirken. Und die Zahl der Toten könnte durch den Strategiewechsel der Bundeswehr noch rapide steigen.



Zuerst das Wichtigste: Wie geht es den vier Schwerverletzten, die bereits am Samstag ins Bundeswehrkrankenhaus nach Koblenz ausgeflogen wurden?

„Die Lage ist stabil“, sagte Major Matthias Frank vom Sanitätskommando II gestern auf Anfrage. Zwei Soldaten, nach WAZ-Informationen da­runter der aus Dorsten stammende N. A.* (* Name der Redaktion bekannt), konnten bereits auf eine normale Station verlegt werden. Die zwei anderen liegen nach mehrstündigen Operationen noch auf der Intensivstation. Alle erlitten Schuss- und Splitterverletzungen.



Woher stammen die drei ge­fallenen Soldaten?

Aus der Luftlandebrigade 31 der Fallschirmjägerkaserne in Seedorf/Niedersachsen. Die Männer waren 25, 28 und 35 Jahre alt. Sie waren erst seit gut einem Monat im Einsatz.



Wie war die Chronologie am Unglückstag?

Die in Kundus stationierte 1. Infanteriekompanie aus See­dorf war nach Angaben von Generalinspekteur Volker Wieker auf einer Routinepatrouille zum Minenräumen im Unruhedistrikt Char Darah un­terwegs, als rund 40 Taliban-Kämpfer aus einem Hinterhalt unter anderem mit Panzerfäusten angriffen. Dabei wur­den drei deutsche Solda­ten verletzt, zwei schwer.



Was geschah dann?

Der Kompaniechef forderte Verstärkung an. Weitere vier Soldaten wurden verwundet. Ein gepanzertes Fahrzeug vom Typ Dingo fuhr auf eine Sprengfalle. Erneut wurden vier Soldaten verletzt.


Warum gab es keine Luftunterstützung?

Nach der Erfahrung mit den auf Bundeswehrbefehl bombardierten Tanklastern 2009 (dabei starben über 140 Menschen, auch Zivilisten), haben die Verantwortlichen das Risiko gescheut. Generalinspekteur Wieker: „Es konnte eine Gefährdung eigener Kräfte nicht ausgeschlossen werden. Zudem bestand eine Verzahnung der Taliban mit der Zivilbevölkerung.“


Welche Rolle haben die Amerikaner bei der Rettung der Verwundeten gespielt?

Weil die Bundeswehr keine eigenen Kampfhubschrauber hat, mussten US-Sanitätshubschrauber den Job übernehmen. Sie bargen die Soldaten unter schwerem Beschuss. Oh­ne ihre Hilfe, so Bundeswehrkreise, wäre die Zahl toter deutscher Soldaten „sehr wahrscheinlich noch höher ausgefallen“.

Wie kam es zu dem tragischen „friendly fire“?

Als die 1. Kompanie nach mehrstündigem Gefecht abgewechselt wurde, stieß die deutsche Kolonne auf zwei unbekannte Range-Rover. Deren Fahrer, so die Bundeswehr, reagierten nicht auf Halte-Aufforderungen. Aus Angst vor Selbstmordattentätern nahm ein Schützenpanzer die Wa­gen unter Feuer. Dabei starben sechs afghanische Soldaten. Die Bundesregierung entschuldigte sich bei der afghanischen Regierung. Diverse In­stanzen untersuchen nun den Fall.



Warum ist der Fall auf Sicht betrachtet so heikel?

In Kürze will die Bundeswehr in Afghanistan einen Strategiewechsel einleiten. Die Ausbildung afghanischer Soldaten und Polizisten im freien Gelände soll dann im Mittelpunkt stehen. Der irrtümliche Beschuss afghanischer Sicherheitskräfte, räumt die Bundeswehr intern ein, „belastet das Vertrauensverhältnis schwer“. Dazu kommt: Im freien Gelände stehen deutsche Kräfte wie auf dem Präsentierteller und sind kaum zu schützen. Die Zahl der Toten könnte über den Sommer rapide steigen. Mit der Konsequenz, dass der Ruf nach vorzeitigem Abzug der Bundeswehr noch lauter wird.

Dirk Hautkapp

Kommentare
08.04.2010
12:25
Deutsche Soldaten auf dem Präsentierteller
von sofortrausausAfghanistan | #65

Wenn du dich und den Feind kennst, brauchst du den Ausgang von hundert Schlachten nicht zu fürchten. Wenn du dich selbst kennst, doch nicht den Feind, wirst du für jeden Sieg, den du erringst, eine Niederlage erleiden. Wenn du weder den Feind noch dich selbst kennst, wirst du in jeder Schlacht unterliegen. - Die Kunst des Krieges

07.04.2010
10:54
Deutsche Soldaten auf dem Präsentierteller
von Mister12345 | #64

Guten Tag,
nun da ich gern auch meinem Privat- und Berufsleben nachgehe antwortete ich nicht.
Kümmerte mich eher drum ihre Steuergelder unter die Leute zu bringen.
Ich denke ich lese nur noch kommentarlos ihre Statements und versuche auch solche Argumentationen zu verstehen.
Achso und nebenbei würden meine Kinder nicht an einem Tanklaster mitten im Wohngebiet oder vllt gar der Wüste Afghanistans spielen, ansonsten besagt das Kommentar von Wolfgang schon eine Menge aus.
Für Leute wie sie hj, welche sich als Freidenker bezeichnen und angeblich neutral und nüchtern eine SItuation betrachten, sind so schätze ich mal ein entweder mit der Realität nie in Berührung oder erwähnter so entfernt das eine konstruktive Kritik nicht möglich ist.
Achso und nochwas meine Lebenslüge lässt mich glaub ich Bilder klarer sehen wie Ihre Person.

Netten Tag

07.04.2010
08:59
Deutsche Soldaten auf dem Präsentierteller
von DenkSchlächter | #63

#49 von hj
Wußten Sie schon? Ein Dummer kann mehr fragen als 10 Weise beantworten können! Bei Ihnen kommt noch hinzu, daß die Kommentare Ihnen Recht geben müssen...

06.04.2010
23:15
Deutsche Soldaten auf dem Präsentierteller
von hj | #62

Mister12345 schweigt und Wolfgang R. lamentiert.

Der Leser möge sich sein eigenes Bild machen.

06.04.2010
22:10
Deutsche Soldaten auf dem Präsentierteller
von hj | #61

@#50 von Wolfgang R., vor 26 Minuten

Jemand der die meiste Zeit in Afghanistan eingebunkert in seinem deutschen Camp sitzt und zwischendurch in voller Kriegsmontur mit der Maschienenpistole im Anschlag auf Patroullie geht, lernt mit Sicherheit nicht die eigendliche afghanische Mentalität kennen. Zumal er nicht einmal deren Sprache spricht.


@#51 von Wolfgang R., vor 17 Minuten
Dann tun sie es doch.
Mir ist keine seriöse Quelle bekannt, welche belegt, das keine Kinder bei dem Massaker ums Leben gekommen sind.

PS: Mit der Leugnung machen sie sich ein zweites Mal an den Opfern schuldig.

06.04.2010
22:06
Deutsche Soldaten auf dem Präsentierteller
von FriedhelmBehmenburg | #60

Ob wohl jetzt feststeht das die Taliban Zivilisten als Schutzschild benutzen streiten unsere Politiker weiter über Kunduz und gefährden damit das leben unsere Solden. Auf Grund der erkennbaren Fakten muss man sich doch fragen warum damals mitten in der Nacht so viele Zivilisten Tankzüge bestaunen.
Nach dem Erklärungen von Präsident Karsai am Wochenende stellt sich die Frage ob die Afghanen unsere Hilfe überhaupt noch wollen.

06.04.2010
21:39
Deutsche Soldaten auf dem Präsentierteller
von Wolfgang R. | #59

Achja, ganz vergessen: der einzige, der 36 Kinder unter den Tanklaster-Toten gezählt hat, ist der Anwalt, der die Angehörigen der Opfer nun vertritt. Das erklärt vielleicht, warum diese Information in keiner seriösen Quelle zu finden ist.

Ich finde, wir sollten vor allem aus seriösen Quellen zitieren.

06.04.2010
21:31
Deutsche Soldaten auf dem Präsentierteller
von Wolfgang R. | #58

Erstaunlich, mit welchen Argumenten hier gearbeitet wird. Da schreibt hier endlich jemand, der in Afghanistan war und womit wird ihm begegnet? Mit der Behauptung, dass er gar nicht wissen könne, wie es dort wirklich ist, oder was die Leute dort denken. Das schreibt jemand, der noch nicht mal dort war.
Hammer. Das nenne ich frech.

06.04.2010
20:47
Deutsche Soldaten auf dem Präsentierteller
von hj | #57

@ #48 von Technohasser, vor 12 Minuten

Eine mühselig zusammenkopierte Begründung welche Bände spricht und doch so manches offen läßt.

( !guter! Techno kann den Kopf frei machen)

06.04.2010
20:34
Deutsche Soldaten auf dem Präsentierteller
von Technohasser | #56

Einschließlich der Anwendung militärischer Gewalt“
In deutsches Recht transferiert wird diese Ermächtigung über Art. 24 Abs. 2 GG – Einordnung in ein System gegenseitiger kollektiver Sicherheit - durch Beschluss des Deutschen Bundestages auf Antrag der Bundesregierung. Entsprechende Beschlüsse fasst der Deutsche Bundestag in einem der Gesetzgebung nachgebildeten Verfahren mit erster Lesung, Ausschussberatung und zweiter Lesung.

Die Beschlüsse des Deutschen Bundestages zur Beteiligung bewaffneter deutscher Streitkräfte an der NATO-geführten Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe in Afghanistan umschreiben unter anderem Auftrag, Status und Rechte der in Afghanistan eingesetzten deutschen Streitkräfte. Sie beziehen sich darauf, dass die Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe autorisiert ist, „alle erforderlichen Maßnahmen einschließlich der Anwendung militärischer Gewalt“ zu ergreifen, um das Mandat der Vereinten Nationen durchzusetzen. Den im Rahmen von ISAF eingesetzten deutschen Soldatinnen und Soldaten werden damit Befugnisse erteilt, die über bloße Notwehr- und Nothilferechte hinausgehen.

Welche Maßnahmen im Sinne der Resolutionen des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen und im Sinne der Beschlüsse des Deutschen Bundestages zur Durchsetzung des Mandates erforderlich (all necessary measures) sind, ist in erster Linie durch den militärischen Führer vor Ort aufgrund seiner konkreten Bewertung der aktuell gegebenen Situation zu beurteilen. Dass seine Handlungsbefugnis sich nicht auf polizeiliche Maßnahmen beschränkt und an polizeilichen Maßstäben zu messen ist, ergibt sich auch aus dem Wortlaut des Beschlusses des Deutschen Bundestages, in dem es heißt „einschließlich der Anwendung militärischer Gewalt“. Je instabiler sich die Situation vor Ort entwickelt, je mehr gegnerische Kräfte zu militärischen Formen von Kampfführung übergehen, desto weiter wird das Spektrum erforderlicher Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Sicherheit im Einsatzgebiet sein. So können sich militärische Lagen ergeben, in denen auch der Einsatz tödlich wirkender Waffen unumgänglich ist.

nach oben

Das Völkerrecht als Grenze
Eindeutig ist, dass militärische Befugnisse, zu denen ein Beschluss des VN-Sicherheitsrates ermächtigt, niemals über die Vorgaben des humanitären Völkerrechts hinausgehen dürfen. Selbstverständlich kann der VN-Sicherheitsrat engere Grenzen ziehen. Nach dem aufgezeigten Inhalt des ISAF-Mandats, aber auch nach dem Zustimmungsbeschluss des Deutschen Bundestages sind ausdrückliche Einschränkungen nicht erfolgt. Die Mandate eröffnen nach alledem einen weiten Handlungsspielraum, der folglich in rechtsverbindlicher Weise unter Rückgriff auf die Vorgaben des humanitären Völkerrechts zu konkretisieren ist.

Somit bilden die jeweils einschlägigen und anwendbaren Bestimmungen des humanitären Völkerrechts die Grenzen dessen, was im Rahmen des VN-Mandats an militärischer Gewalt noch erlaubt, bzw. nicht mehr von den Befugnissen des Mandats gedeckt ist.

Die Bundeswehr befindet sich jedenfalls im Raum Kunduz seit geraumer Zeit in einer Lage, in der sie regelmäßig von organisierten und militärisch bewaffneten gegnerischen Kräften angegriffen und in Kampfhandlungen sowie länger andauernde Gefechte verwickelt wird. Nicht umsonst führt auch die Bundesregierung in ihrem Antrag vom 7. Oktober 2008 aus, dass sich die regierungsfeindlichen militanten Kräfte die Vertreibung der internationalen Schutztruppen aus Afghanistan, die Beseitigung der gewählten Regierung und die Verunsicherung und Einschüchterung der Bevölkerung zum Ziel gesetzt haben.

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