Deutsche intolerant gegen Muslime

Berlin-Kreuzberg. Die Merhheit der Deutschen hat ein negatives Bild von Muslimen. In Frankreich, Dänemark und in den Niederlanden sieht das anders aus.
Berlin-Kreuzberg. Die Merhheit der Deutschen hat ein negatives Bild von Muslimen. In Frankreich, Dänemark und in den Niederlanden sieht das anders aus.
Foto: Getty Images

Berlin.. 65 Jahre nach dem Ende des Holocaust begegnet heute fast jeder dritte Deutsche Juden mit Ablehnung. Noch deutlicher ist die Abwehr gegenüber Muslimen: Rund 60 Prozent haben hier eine „eher“ oder sogar „sehr“ negative Haltung.

„Die Deutschen sind viel intoleranter gegenüber anderen Religionen als ihre westeuropäischen Nachbarn,“ heißt es in einer internationale Studie der Universität Münster.

Der Religionssoziologe Prof. Detlef Pollack hatte neben Ost- und Westdeutschen auch Franzosen, Holländer, Dänen und Portugiesen nach ihrer Einstellung gefragt. Das Ergebnis: Während der Islam als Religion in allen untersuchten Ländern kritisch gesehen wird, begegnen die westlichen Nachbarn den Muslimen persönlich deutlich freundlicher als die Deutschen.

Angspatient Deutschland

Die Deutschen kommen schlecht weg. Im internationalen Vergleich mit seinen westlichen Nachbarn steht Deutschland dar als intoleranter, von religiösen Ressentiments und Vorurteilen geschüttelter Angstpatient. Ist das wirklich so? Die Studie der Uni Münster zeigt jetzt vor allem eines: Die Ablehnung gegenüber Muslimen, aber auch Juden ist fast doppelt so groß wie in Frankreich oder Holland.

Die Münsteraner Forscher haben nur nach Westen geblickt – der Blick auf die Schweiz, Österreich oder Polen hätte das Bild verändert: „Dann hätte Deutschland wahrscheinlich nicht so schlecht abgeschnitten“, vermutet der Religionssoziologe Prof. Detlef Pollack. Doch die Frage bleibt: Warum begegnen Franzosen, Holländer, Dänen und Portugiesen anderen Religionen deutlich positiver als ihre deutschen Nachbarn?

Freundliche Portugiesen

Ein wichtiger Grund sind persönliche Erfahrungen mit Muslimen. Zwei von drei Franzosen begegnen Muslimen regelmäßig in ihrem Alltag, bei Holländern und Dänen trifft das immerhin noch auf jeden Zweiten zu. Anders dagegen in Portugal. Hier treffen die Menschen Muslimen noch seltener als in Ostdeutschland – trotzdem sind die Portugiesen anders als die Ostdeutschen gegenüber Muslimen besonders freundlich eingestellt.

Ein anderer Grund sind historische Prägungen. Für die Niederlande, so Pollack, sei Toleranz fester Baustein der nationalen Identität. Die Kolonialmacht Frankreich hat seit Jahrhunderten Erfahrungen mit multikulturellen Fragen. Gut ausgebildete Nachfahren muslimischer Einwanderer aus Nordafrika seien hier seit Jahrzehnten im Alltag präsent. Ihr Vorteil: Sie können die französische Sprache bereits aus den Herkunftsländern im Maghreb – „das ist anders als bei den Türken in Deutschland“.

Fehlende Debatte

Als dritten Grund haben die Forscher den Vorsprung in der Integrationsdebatte ausgemacht – nach den brennenden Banlieues von Paris, nach dem dänischen Karikaturenstreit und den Morden an dem islamkritischen Politiker Pim Fortuyn und dem Regisseur Theo van Gogh in den Niederlanden. „Hier sind die Debatten aufgrund dieser Ereignisse früher angelaufen“, sagt Pollack, und ist überzeugt: Aus einer integrationspolitischen Krise kann ein Land lernen – zum Beispiel, genauer hinzuschauen.

Denn auch das trennt die Deutschen von ihren westlichen Nachbarn. Bei der Frage „Woran denken Sie beim Stichwort Islam?“ zeigen sich etwa die Franzosen differenzierter als die Deutschen. Während die große Mehrheit der Befragten in allen Ländern die Benachteiligung der Frauen kritisiert, hält nur jeder fünfte Franzose den Islam für gewaltbereit oder engstirnig, bei Deutschen, Dänen und Holländern ist es mehr als jeder zweite. Umgekehrt fällt mehr als jedem viertem der Holländer zum Islam Positives wie „Friedfertigkeit“ und „Solidarität“ ein – bei den Deutschen denkt nicht einmal einer von zehn Bürgern so.

Ablehnung von Juden

Zur Ehrenrettung der Deutschen ließe sich einwenden: Die Mehrheit will prinzipiell „alle Religionen respektieren“, und rechtspopulistische Parteien haben sich anders als etwa in den Niederlanden bislang nicht durchsetzen können. Aber: „Wir sehen, dass es ein Potenzial dafür gibt“, so Pollack. Etwas ratlos stehen die Forscher vor der hohen Ablehnung von Juden – fast 30 Prozent der Deutschen bekennen sich dazu. Pollack: Es gebe offenbar gewachsene Mentalitäten, die von der historischen Aufklärung nicht erreicht würden. Möglich sei auch, dass Kritik an der Rolle Israels in judenfeindliche Stimmungen münde.