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Devisenbeschaffung

Deutsch-deutscher „Pharmastrich“

Westliche Firmen testeten Arzneien an DDR-Bürgern
Medikamente wie diese sind erprobt und einwandfrei. Die Pillen und andere hochwirksame Stoffe, die westliche Pharmakonzerne zu DDR-Zeiten gegen Honorar jenseits des Eisernen Vorhangs im Praxiseinsatz testen ließen, hatten diesen Status noch nicht.Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dapd

Vielleicht wird es irgendwann Anneliese Lehrer gewesen sein, die die Aufklärung eines gerne niedrig gehängten Medizin-Skandals in Gang gesetzt hat. Sie hat Journalisten des Mitteldeutschen Rundfunks, die dazu jahrelang recherchiert haben, von Krankheit und Tod ihres Mannes berichtet.

Im Mai 1989, nur Monate vor dem Mauerfall, wird der Dresdner Elektriker Gerhard Lehrer in die Klinik gebracht. Herzinfarkt. Er erhält spezielle, ihm unbekannte Medikamente. Nach der Einnahme geht es ihm schlechter. Die Ärzte fordern ihn auf, die Einnahme der Arznei in der roten Schachtel zu stoppen. Sofort. Die Pillen soll er herausgeben. Alle. Lehrer unterlässt zwar die Einnahme. Misstrauisch aber versteckt er die Packung. 1990 verstirbt er.

Nie ernsthaft behandelt

Anneliese Lehrer hat die Tabletten nach der Einheit in einem Labor untersuchen lassen. Es stellte sich heraus, dass es wirkungslose Placebos waren, die im Rahmen eines Medikamentenversuchs verabreicht wurden. Ihr wurde klar: Gerhard Lehrer ist in Dresden nie ernsthaft behandelt worden.

Lehrer war eines von vielen Versuchsobjekten auf einem deutsch-deutschen „Pharmastrich“, wie das Magazin „Der Spiegel“ den illegalen Millionenhandel schon 1991 zynisch nannte. Nach der Entdec­kung weiterer zahlreicher Unterlagen des ehemaligen DDR-Gesundheitsministeriums scheint jetzt festzustehen: Westdeutsche Arzneihersteller haben zwischen 1983 und 1989 wohl in mindestens 165 Versuchsreihen mit mehreren Tausend Patienten ihre ungetesteten und im Westen ungenehmigten Produkte erprobt. Sie haben bis zu 3500 D-Mark pro Patient dafür bezahlt – Geld, das zu einem Teil in den Unterhalt der klammen DDR-Kliniken floss, zum anderen über den Devisenhändler Schalck-Golodkowski direkt in Erich Honec­kers Staatskasse.

Dem finanziellen Vorteil für die DDR bei diesem Deal stand der Vorteil für die Chemie-Unternehmen im Westen gegenüber. 1978 hatte der Bonner Gesetzgeber nach der Contergan-Affäre endlich strengere Regeln für die Zulassung von Medikamenten gesetzt. Über die DDR konnte man sie gut umgehen. Die Ärzte in den dortigen Kliniken haben die für die Tests ausgesuchten Patienten in vielen Fällen wohl nicht einmal nach dem Einverständnis gefragt – ein klarer Verstoß gegen die international gültige „Deklaration von Helsinki“, die vorschreibt: „Die Teilnahme von einwilligungsfähigen Personen an der medizinischen Forschung muss freiwillig sein.“

Die Folgen sind nie aufgearbeitet worden

Wie viele Todesfälle Folge dieser eingeschränkten Sicherheitsvorkehrungen waren, ist unsicher. Sicher ist nur, dass viele Betroffene weitere teilweise schwerste gesundheitliche Probleme bekommen haben.

Zu ihnen gehört Elfriede Schneider aus Plauen. Die ältere Dame wurde 1989 ins Hospital gebracht. Die Diagnose lautet: schwere Depressionen. Sie hat damals den knappen neurologischen Bettenplatz aber nur bekommen, weil sie sich auf eine Medikamentenstudie einließ. Ihre Tochter Karin Forner hatte zugestimmt, „weil ich halt zugesagt habe in meiner Not, ohne das zu hinterfragen“, wie sie TV-Journalisten später erklärt.

Elfriede Schneider erhält das vom Schweizer Konzern Sandoz entwickelte, aber noch unerprobte Mittel Brofaromin – und büßt das zunächst mit einem rapiden körperlichen Verfall. Sie braucht sechs Wochen, bis sie sich erholt hat.

Dietmar Seher

  1. Seite 1: Westliche Firmen testeten Arzneien an DDR-Bürgern
    Seite 2: Deutsch-deutscher „Pharmastrich“

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Kommentare
30.12.2012
19:00
#20 Fortsetzung
von grashuepfer411 | #22

Ich vergaß die Vermutung zum Verbleib der Gelder letztendlich bei DEN LINKEN mit Material zu hinterlegen. Nehmen wir hierzu der Einfachheit halber die Person Gysi und hier als Informationsquelle wikipedia:
Auf Sonderparteitag der SED vom 8./9. u 16./17. Dezember 1989 unterstützte Gysi den Fortbestand der SED unter neuem Namen („SED-PDS“) ua mit Argument, Auflösung/Neugründung würde juristische Auseinandersetzungen um das Parteivermögen nach sich ziehen u sei eine ernste wirtschaftliche Bedrohung für die Partei. Später wurde ihm seitens der Unabhängigen Komm zur Überprüfung d Vermögens d Parteien u Massenorganisationen der DDR vorgeworfen, er sei aktiv an der Verschleierung des SED-Parteienvermögens beteiligt gewesen u habe im Putnik-Deal versucht, mit Hilfe der KPdSU SED-Gelder ins Ausland zu verschieben, um sie vor dem Zugriff staatlicher Stellen zu sichern. Untersuchungsausschuss des Dt Bundestages 1998 zum Verbleib des SED-Parteienvermögens gab an, dass Gysi geschwiegen habe...

30.12.2012
16:07
Unchristlich
von wohlzufrieden | #21

Es stellt sich auch die Frage, ob und wie viel von den SED-Geldern aus den Versuchen in die Blockflötenpartei Ost/CDU floss, und dann in die West/CDU überging. Interessant...

30.12.2012
14:52
Mehrere Schuldige
von grashuepfer411 | #20

Schuldig in diesem Falle: Westliche Firmen und DDR-Regime/-Politik.
Das dürfte unstrittig sein. Die Einen haben Geld gegeben und die Anderen genommen.
Ein Teil der Gelder ist noch nicht gefunden - SED ... PDS ... und zuletzt deren Nachfolger DIE LINKE bevorzugen diesbezüglich der Amnesie verfallen zu sein.

Es lassen sich weltweit andere Kombinationen von Schuldigen finden. Aber dadurch wird die Schuld der hier genannten Schuldigen nicht geringer.

30.12.2012
13:03
Westliche Firmen testeten Arzneien an DDR-Bürgern
von wohlzufrieden | #19

Ja, und dann wären da noch die CIA-Versuche mit Wahrheitsdrogen an völlig unschuldigen in den sechziger Jahren, von den bereits erwähnten Atomversuchen mal ganz abgesehen, oder die "Entlaubung" des Waldes in Vietnam durch "Agent Orange." Oder die Versuche Japanischer Ärzte am lebenden Objekt im zweiten Weltkrieg. Aber für die naivsten tötet ja auch das Gewehr und nicht Mensch, und getötet haben auch nicht die "I.G. Farben" mit ihrem Gift zehntausende Häftlingen in den Konzentrationslagern, sondern das Lagerpersonal. So naiv wie dumm und unwahr.

30.12.2012
09:48
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Name von Moderation entfernt | #18

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1 Antwort
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Name von Moderation entfernt | #18-1

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30.12.2012
00:14
SED (jetzt LINKE) verkaufte DDR-Bürgern
von metropol | #17

Was sonst war von einer Regierung, dessen Staatspartei nach mehreren Umbenennungen heute LINKE heißt zu erwarten?

29.12.2012
21:32
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Name von Moderation entfernt | #16

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4 Antworten
Westliche Firmen testeten Arzneien an DDR-Bürgern
von GregoryHouse | #16-1

...ja, und anderswo auch passiert. Die DDR war ein Unrechtsstaat, wie viele andere aber auch.

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Name von Moderation entfernt | #16-2

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Ihr Irrtum Ondramon,
von derutkiek | #16-3

es sind 2 Seiten der selben Medaille: Die SED hat die Menschen wie Leibeigene gehalten, an ihnen herumexperimentieren lassen und ihre eigenen Leute mit dem auf diese Weise erhaltenen Geld und entsprechenden Privilegien ausgestattet. Gerne steckte man auch Leute für Bagatelldelikte länger als 1 Jahr in den Knast, um sie dann für z.B. IKEA arbeiten und anschließend vom Westen freikaufen zu lassen.
Ich hätte Ihnen zugetraut, diesen Zusammenhang selbst zu erkennen...

Westliche Firmen testeten Arzneien an DDR-Bürgern
von Ondramon | #16-4

Die Kommentare wurden blockiert, und Sie selbst nehmen in keinster Weise Bezug auf meine Erwiederung, sondern spinnen einfach ihren Faden weiter - wie immer. Damit ist der Disput beendet.

29.12.2012
19:49
Westliche Firmen testeten Arzneien an DDR-Bürgern
von GregoryHouse | #15

Wurde "Contergan" auch in der DDR getestet. Nö, das klappte auch im Westen.
P.S.: In Afrika und Südamerika ist das Medikament heute noch erhältlich. Mann, haben die ein schlechtes Gewissen! LOL

29.12.2012
19:02
Widerliche doppelte Null-Moral
von meigustu | #14

mit den Fingern auf die DDR zeigen, aber kein böses Wort gegen die Auftraggeber im Westen. Die deutsche Pharmaindustrie macht heute genauso weiter nur eben in anderen Ecken der Welt. Aber schuld sind da natürlich nicht die Manager hier sondern die Politiker dort. Da werden wir in 20 Jahren wenn alles vorbei ist auch wieder den moralischen raushängen lassen.

Übrigens wegen der "heiligen" Konkurrenzfähigkeit will der zuständige EU-Kommissar die Standards für den Gesundheitsschutz bei Arzneimitteltests auch in der EU deutlich senken.

Ihr Empörten wer soll euch ernst nehmen, wenn ihr vergangenes Unrecht anprangert aber zum gleichen Thema im hier und heute schweigt ?

29.12.2012
18:58
Westliche Firmen testeten Arzneien an DDR-Bürgern
von buerger99 | #13

Die DDR war ein souveränen Staat. Der DDR drohte 1982 die Zahlungsunfähigkeit.
Sollen sich die DDR-Bürger an denen diese Versuche durchgeführt wurden an ihre damaligen Regierenden wenden, die heute eine schöne Rente vom ach so verhassten "Klassenfeind" beziehen.
Es war die Entscheidung der DDR Regierung genauso wie die Häftlingsarbeit für Ikea. Sollen die Wessis die wie Verbrecher an der Zonengrenze behandelt wurden nun den Opfern Entschädigung zahlen ?
Sie sollen sich an ihre ca. 11 Mill. Mitbürger wenden die damals weggesehen, mitgesehen oder mitgearbeitet haben an den dunklen Machenschaften des überlegenden Systems.
Wie hieß es damals, "die Überlegenheit des sozialistischen Systems und der Sieg über den Klassenfeind." Die DDR hat sich NIE ihrer geschichtlichen Verantwortung der Nazi-Zeit erinnert und immer so getan, als hätte es die Nazis nur im Westen gegeben.
Das Ikea in der Zone produzierte sah man in RE an den dutzenden DEUTRANS LKWs.

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