Der Verteidiger von Alqosh

Essen..  In wenigen Tagen wird Mokles Istefo wieder aufbrechen in den Irak, um mit seinen Genossen Alqosh zu verteidigen. Alqosh ist eine Kleinstadt in der Ninive-Ebene, keine 30 Kilometer entfernt von der Millionenstadt Mossul, in der seit Mitte vergangenen Jahres die Terroristen vom sogenannten „Islamischen Staat“ herrschen. „Alqosh darf nicht verloren gehen“, sagt Mokles Istefo, „sie ist die Mutter aller Dörfer in der Region.“ Deswegen wird er dort wieder seine Kalaschnikow in die Hand nehmen, sich an einen der Checkpoints setzen, die sie errichtet haben, und mit den anderen Männern darauf warten, dass Daesh kommt, wie sie den Islamischen Staat abschätzig nennen.

Mokles Istefo, ein schmächtiger, kleiner Mann, ist Kurde, Christ und Kommunist, wie so viele in Alqosh. Knapp zehntausend Menschen leben in der Stadt, deren Geschichte fast drei Jahrtausende alt ist, die meisten von ihnen sind Christen, dazu sind jetzt Hunderte jesidische Flüchtlinge gekommen. Istefo ist dort aufgewachsen, geboren wurde er vor fünfzig Jahren in Mossul. Die kommunistische Partei, 1934 gegründet und damit die älteste im Irak, hat in Alqosh ein Büro, ein kleines, in die Jahre gekommenes Gebäude. Drinnen hängen an der Wand die vergilbten Bilder Dutzender Männer und Frauen, den Märtyrern, wie sie sagen, die in den achtziger Jahren im Kampf gegen Saddam Hussein gefallen sind.

Mokles Istefo hat damals an ihrer Seite gekämpft. „Ich war Peschmerga und vier Jahre lang Bodyguard von Toma Thomas“. Peschmerga, so nennen sich die kurdischen Kämpfer selbst, „die dem Tod ins Auge sehen“. Thomas war lange Jahre Parteichef der Kommunisten. Istefo hat viel Grauen gesehen, in dieser Zeit. „Ich habe Verletzte nach dem Giftgasangriff in Halabdscha geborgen“, erzählt er. Dort starben 1988 Tausende Menschen, als Saddam Hussein die Stadt mit Sarin und Senfgas bombardieren ließ. Die traditionelle Kleidung der Peschmerga, die Pluderhose und den rot-weißen Turban trägt er noch heute voller Stolz.

1991 floh Istefo. Erst nach Russland, wo er in Moskau seine heutige Frau kennenlernte, dann nach Deutschland. Heute hat er einen deutschen Pass und lebt in Bremen. „Ich habe lange gebraucht, um die Erlebnisse zu verarbeiten. Immer, wenn ich an Halabdscha und die anderen Giftgasangriffe dachte, habe ich gezittert.“ Der Kontakt in die Heimat und zur Partei riss aber nie ganz ab.

Als die IS-Terroristen im Sommer vergangenen Jahres den Norden des Irak überrollten und immer näher an Alqosh heranrückten, organisierten die Kommunisten, fast alles Männer über 50 Jahre, den Widerstand. Sie rekrutierten Jüngere, brachten die Frauen und Kinder in Sicherheit, errichteten Checkpoints und Erdwälle. Mokles Istefo reiste zu ihnen, um mit ihnen zu kämpfen. „Meine Familie war sehr besorgt, mein Sohn hat geweint“, erzählt er, „aber ich wollte es nicht zulassen, dass Alqosh fällt. Ich bin kein gläubiger Mensch, aber für die Christen ist das eine ganz wichtige Stadt.“

Den Männern war klar, dass sie gegen die hochgerüsteten Terroristen im Fall des Falles keine Chance haben würden. Und dass sie keine Gnade zu erwarten hätten. „Ich habe aber keine Angst. Das Leben ist schön, aber es ist noch schöner, für das Leben anderer zu sterben“, sagt Istefo. Fast drei Monate blieb er bei seinen Genossen. Die Terroristen kamen nicht. Jetzt kehrt er zurück. „Es ist noch nicht vorbei“.

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