Der vergessene Friedensnobelpreisträger

Selbst für Bundespräsident Joachim Gauck war Ludwig Quidde ein Unbekannter. Er habe über den deutschen Friedensnobelpreisträger bis vor kurzem nichts gewusst, räumte Gauck am Montag in Genf ein. Quidde ist einer von vier Deutschen, die den Friedensnobelpreis bekommen haben. Doch im kollektiven Gedächtnis ist Quidde nicht haften geblieben. "Das finde ich nicht gut", sagte Gauck.

Genf/Berlin (dapd). Selbst für Bundespräsident Joachim Gauck war Ludwig Quidde ein Unbekannter. Er habe über den deutschen Friedensnobelpreisträger bis vor kurzem nichts gewusst, räumte Gauck am Montag in Genf ein. Quidde ist einer von vier Deutschen, die den Friedensnobelpreis bekommen haben. Doch im kollektiven Gedächtnis ist Quidde nicht haften geblieben. "Das finde ich nicht gut", sagte Gauck.

Der Bundespräsident nutzte seinen Besuch beim UN-Menschenrechtsrat in Genf, um an den vergessenen Pazifisten zu erinnern. Auf dem Königsfriedhof legte Gauck einen Kranz am Grab von Quidde nieder. 1927 hatte der den Friedensnobelpreis erhalten. Er sei dankbar, dass die Schweiz eine würdige Gedenkstätte für Quidde gefunden habe. Deutschland habe dies nicht getan.

Der gebürtige Bremer Quidde hatte in Straßburg und Göttingen studiert und zunächst als Historiker gearbeitet. Er galt als Kritiker von Kaiser Wilhelm II.. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er als Abgeordneter in die Nationalversammlung der Weimarer Republik gewählt. Bedeutsam war Quiddes pazifistisches Wirken, 1914 war er zum Vorsitzenden der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG) gewählt worden. Quidde gehörte auch zu den Organisatoren des Weltfriedenskongresses 1907 in München.

Absolute Verdienste

Nach der Machtübernahme der Nazis emigrierte Quidde nach Genf. Hier starb er am 4. März 1941 in ärmlichen Verhältnissen. In Deutschland sind es nur wenige, die an Quidde erinnern. Eine Stiftung kümmert sich um sein Andenken, sie vergibt alle zwei Jahre auch einen Preis, hat aber nur 10.000 Euro im Jahr für ihre Arbeit zur Verfügung. "Der Mann hat absolut Verdienste gehabt", sagte Stiftungsmitglied Michael Brzoska am Montag in Genf. Der Hamburger Friedensforscher und Professor hat eher zufällig vor ein paar Tagen von dem Besuch Gaucks am Quidde-Grab erfahren und nutzte eine Dienstreise, um den Bundespräsidenten zu treffen.

Dass Quidde in Deutschland weitgehend in Vergessenheit geraten ist, erklärt der Friedensforscher unter anderem mit Quiddes politischer Vita. Quidde war kein linker Politiker, er gehörte vielmehr der liberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP). Von Brzoska bekam Gauck ein Quidde-Biografie, die der Historiker Karl Holl 2007 veröffentlich hat. Zum Dank und zur Ermunterung für die Stiftungsarbeit gab es ein Foto mit dem Bundespräsidenten.

Quidde war der zweite der vier deutschen Friedensnobelpreisträger. 1926, nur ein Jahr vor Quidde, war der vormalige Reichskanzler Gustav Stresemann geehrt worden, 1935 folgte der Pazifist Carl von Ossietzky und 1971 Bundeskanzler Willy Brandt (SPD).

dapd