Der unbekannte Riese
01.08.2008 | 22:19 Uhr 2008-08-01T22:19:47+0200REGION. Der Landschaftsverband Rheinland soll sich profilieren und weitere Aufgaben bekommen, sagt sein neuer Direktor.
AN RHEIN UND RUHR. Harry Voigtsberger hat Flugzeugbau studiert. Da lernt man, aufs Kosten-Nutzen-Verhältnis zu achten, sagt der gebürtige Allgäuer. Dieses Kostenbewusstsein dürfte in seinem neuen Job als Direktor des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) nun besonders gefragt sein. Die NRZ sprach mit Voigtsberger über das breite Aufgabenfeld des LVR, neue Entwicklungen in der Behindertenbetreuung, Jugendhilfe und Industriekultur.
NRZ: Museen, Jugendhilfe, Landesbank - Ihr Verband kümmert sich um das pralle Leben. Trotzdem zucken viele Bürger beim Stichwort Landschaftsverband Rheinland ahnungslos mit den Schultern.
Harry Voigtsberger: In der Tat ist der Landschaftsverband immer noch ein unbekannter Riese. Doch das wollen wir ändern und den LVR stärker als Marke bekannt machen. Bei "Landschaftsverband Rheinland" denken viele an Gartenbau - wir setzen daher jetzt stärker auf den Kurznamen LVR.
NRZ: Seit fünf Jahren ist der LVR für alle Wohnhilfen für behinderte Menschen zuständig - egal ob in Heimen oder ambulant. Wie sieht Ihre Bilanz aus?
Voigtsberger: Jeder Mensch, ob mit oder ohne Handicap, soll so leben können, wie er es möchte. Jemand, der in der Lage ist, selbstständig zu leben, soll die Möglichkeit dazu haben. Das scheiterte früher oft an mangelnden ambulanten Betreuungsangeboten.
Seit 2003 sind wir nun sowohl für die Unterbringung behinderter Menschen in Heimen wie für die ambulante Versorgung zuständig und konnten so den ambulanten Bereich ausbauen. Das ist eine richtige Erfolgsgeschichte geworden, denn obwohl die Zahl der Behinderten steigt, wohnen immer weniger in Heimen. Stattdessen ist die Zahl derer, die selbstständig mit ambulanter Unterstützung leben, deutlich gestiegen.
NRZ: Lassen sich diese Erfahrungen auch auf die Altenpflege übertragen?
Voigtsberger: Ich denke ja. Auch dort müssen wir ambulante Angebote verstärken, damit alte Menschen so lange wie möglich in ihrer Wohnung bleiben können. Da müssen jedoch noch neue kreative Konzepte entwickelt werden - hier kann der LVR die Kommunen mit seinen Erfahrungen aus der Hilfe für behinderte Menschen beraten.
NRZ: Zurück zu den Behinderten: Was bedeutet die Förderung von ambulanten Angeboten für die Städte und Kreise?
Voigtsberger: Wenn die ursprüngliche Prognose für Heimunterbringungen eingetreten wäre, wären die Kommunen heute bettelarm. 2007 kostete ein Heimaufenthalt im Durchschnitt 41 000 Euro. Die ambulante Betreuung ist um 30 bis 50 Prozent günstiger.
Bislang stemmt die kommunale Familie die Finanzierung der Betreuung behinderter Menschen zu 100 Prozent alleine. Doch die Zahl der Menschen mit Behinderung, die diese Sozialhilfe-Leistungen benötigen, wächst. Zum einen, weil wir bei behinderten Menschen noch nicht den normalen Altersaufbau haben - nach den Tötungsaktionen der Nationalsozialisten war Deutschland 1945 praktisch eine Gesellschaft ohne behinderte Menschen. Zum anderen ist die Lebenserwartung behinderter Menschen heute praktisch so hoch wie die nicht behinderter. Deshalb fordern wir, dass die Unterstützung behinderter Menschen eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe wird, an der sich Bund und Land beteiligen.
NRZ: Wie sehr ist die Gesellschaft heute bereit, Menschen mit Behinderung zu integrieren?
Voigtsberger: Ich erlebe heute - anders als noch vor 10 oder 15 Jahren - dass die Akzeptanz der Gesellschaft gegenüber behinderten Menschen steigt. Das hat sicher damit zu tun, dass staatliche Stellen und Prominente Flagge dafür zeigen, dass man Behinderung nicht verstecken muss. Dazu gehören aber auch Veranstaltungen wie die Paralympischen Spiele.
NRZ: Welche Strategien verfolgt der LVR, körperlich, geistig und seelisch behinderte Menschen in die Gesellschaft zu integrieren?
Voigtsberger: Unser Ansatz heißt: so viel Normalität wie möglich, von Anfang an. Wir wollen Integration so früh wie möglich und so weit wie möglich, am besten schon im Vorschulalter. Um so einfacher wird es später, dass behinderte Menschen als Erwachsene in eine eigene Wohnung ziehen oder eine ganz normale Arbeit aufnehmen.
NRZ: Der LVR engagiert sich auch in der Jugendhilfe. Wie sollen wir - nach der Diskussion um Erziehungscamps - mit kriminellen Jugendlichen umgehen?
Voigtsberger: Wir haben diese amerikanischen Drillcamps nicht und wir wollen sie auch nicht, weil wir glauben, dass wir in Deutschland ganz gute Konzepte haben. Bei uns im Rheinland geht es in den Einrichtungen der Jugendhilfe darum, individuell auf die Jugendlichen einzugehen, Vertrauen zu schaffen und zu zeigen, dass ein Leben ohne Gewalt, Kriminalität, Drogen und Hass möglich ist. Wegsperren hieße neue Mauern aufzubauen.
Und manchmal ist das probate Mittel eben auch eine erlebnispädagogische Maßnahme, bei der Jugendliche aus ihrer Umgebung herausgenommen werden. Das wird zwar oft als entspannter Urlaub kritisiert. Aber für einen Jugendlichen ist ein vierwöchiger Segeltörn, bei dem er nur auf seinen Betreuer gestellt ist, so herausfordernd, dass er da oft regelrecht "umgebaut" wird und neues Verhalten lernt. Mit solchen und anderen Maßnahmen erreichen wir eine Erfolgsquote von 80 bis 90 Prozent.
NRZ: Stichwort Kultur: Der LVR beteiligt sich am künftigen Ruhrmuseum in Essen und hat gerade die Oberhausener St.-Antony-Hütte als Museum eröffnet - im Ruhrgebiet sprießen Ideen für Industriekulturprojekte wie Pilze aus dem Boden, doch den Kommunen fehlt meist das Geld. Für wie viele Museen ist denn im LVR-Etat noch Platz?
Voigtsberger: Wir sind zuständig für die Kultur der Region. Industriekultur ist da ein gutes Beispiel - sie ist für Nordrhein-Westfalen identitätsstiftend, mit vielen Projekten wäre eine einzelne Stadt jedoch überfordert. Wir entwickeln deshalb die Idee eines "Netzwerks Industriekultur" und wollen Projekte zusammenbringen, an denen wir uns finanziell und mit unserem Know-how beteiligen, aber auch die Partner vor Ort sollen mit etwa einem Drittel beteiligt bleiben. Ich glaube jedenfalls, dass im Ruhrgebiet noch viele Ideen schlummern, die so verwirklicht werden können.
NRZ: Und welche Ideen möchten Sie für den LVR noch verwirklichen?
Voigtsberger: Interkommunale Zusammenarbeit ist im Moment in aller Munde. Der Bürger muss bestimmte Dienstleistungen bekommen, aber nicht jede Stadt muss alles anbieten. Da könnte man an die Landschaftsverbände noch die eine oder andere Aufgabe andocken. Denkbar ist vieles - ob Zusammenarbeit im IT-Bereich oder ein gemeinsamer Einkauf - Hauptsache, man kan sich effizient aufstellen.
NRZ: Aber wenn Sie derart in die Hoheitsgebiete von Bürgermeistern einbrechen, sind Widerstände doch programmiert.
Voigtsberger: Das ist das Erstaunliche - fast alle sagen mir: Das ist richtig, wieso sollen wir das nicht kostengünstiger organisieren? Ich glaube die Zeit der Eitelkeiten, unbedingt alles in der eigenen Stadt machen zu müssen, haben wir hinter uns.

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