Der Tragödie nächster Teil

Die arabische Tragödie erlebt ihren nächsten Akt: Erst Syrien und Irak, dann Libyen – und jetzt auch der Jemen. Seit Donnerstag eskalieren Krieg und Bürgerkrieg auf der Arabischen Halbinsel, seit fünf Jahrzehnten Wohlstandsregion und Großtankstelle der Welt. Und wieder explodiert die gleiche toxische Mixtur aus globalen, regionalen, nationalen sowie religiös-ethnischen Konflikten, die die anderen Unglücksnationen bereits in die Selbstzerstörung gestürzt haben. Jemen ist mehr als das lokale Drama einer verarmten und vergessenen Nation. Deren Niedergang wird auch Europa und die Vereinigten Staaten in Mitleidenschaft ziehen. Denn Al Kaida kann künftig ungestört operieren. Die US-Drohnenbasis ist zerstört, sie fiel Huthi-Rebellen in die Hände, zusammen mit Geheimlisten von Informanten aus dem Radikalenmilieu. Zudem gerät nach der Straße von Hormus eine zweite wichtige Schifffahrtsstrecke der Welt unter die Kontrolle Teherans und seiner Verbündeten – die Suezkanalroute durch den Golf von Aden, die 40 Prozent des Welthandels abwickelt.

Im Nahen und Mittleren Osten wird der Jemen nun zum nächsten Schlachtfeld im Kampf um die Hegemonie der Erzfeinde Saudi-Arabien und Iran. Saudi-Arabien sieht sich als Vormacht des sunnitischen Islam, weil sich auf seinem Territorium die heiligen Stätten von Mekka und Medina befinden.

Iran versteht sich als Führer der schiitischen Welt und dehnt seinen Einfluss immer weiter aus. Mit der Offensive der Huthis hat die Islamische Republik nun erstmals ihren Fuß fest auf die Arabische Halbinsel gesetzt und könnte ein pro-iranisches Jemen an der 1500 Kilometer langen Südgrenze des Königreiches etablieren. Im Irak, mit dem Riad gut 800 Kilometer Grenze teilt, regiert ebenfalls eine schiitische Mehrheitsregierung. Dort in Bagdad hat Teheran so großen Einfluss, dass seine Revolutionären Garden bisweilen sogar das Militärkommando gegen den „Islamischen Staat“ führen. Zum Dritten mehren sich unter den saudischen Schiiten daheim, in deren Gebieten sämtliche Ölanlagen liegen, die blutigen Zwischenfälle mit der Polizei.

Und so empfindet das Königshaus die iranische Präsenz rund um sein Staatsgebiet als existentielle Bedrohung. Die Huthis im Jemen könnten Al-Kaida-Kommandos in Teilen des Landes bewusst freie Hand gegen Riad geben, ein Albtraum für Monarch Salman und seine Sicherheitsberater. Um die verbündete Regierung von Präsident Abed Rabbo Mansour Hadi in Aden vor dem Kollaps zu bewahren, müsste Saudi-Arabien wohl auch mit Bodentruppen eingreifen. Die eigene Armee, obwohl ausgestattet mit allem, was auf dem globalen Waffenmarkt gut und teuer ist, ist dazu nicht in der Lage.

Pakistan winkte am Freitag bereits ab, die Signale aus Ägypten sind schwankend, die Türkei assistierte lediglich mit einem aufmunternden Kommuniqué.

Am Wochenende will die Arabische Liga in Sharm al-Sheikh auf ihrem Gipfel über eine pan-arabische Armee beraten, ein Unternehmen, das alle wollen, aber niemand machen will. Untergehen in diesem Militärgezerre aber wird – wie schon in Syrien, Irak und Libyen – das Schicksal der Zivilbevölkerung. Und so droht der arabischen Welt die nächste große Flüchtlingskatastrophe.