„Der Spagat wird immer bleiben“

Berlin..  In Deutschland macht das Wort von der „Vereinbarkeitslüge“ die Runde. Familie und Beruf? Für viele Menschen in der Lebensmitte bedeutet das Stress. Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) will sich deswegen künftig stärker um die 30- bis 50-Jährigen kümmern – um die „Gehetzte Generation“.

Berufstätige Mütter lassen sich viel einfallen, um Job und Familie zu vereinbaren. Wie läuft das bei Ihnen?

Manuela Schwesig: Wenn ich in Schwerin übernachte, bringe ich meinen Sohn morgens zur Schule, bevor ich nach Berlin fahre. Mittwochnachmittag hole ich ihn immer vom Hort ab. Dann schalte ich das Smartphone ab und organisiere mich vorher so, dass ich nicht noch mit einem Ohr und dem halben Kopf bei der Arbeit bin. Ich finde, dass das gehen muss. Kinder haben ein Recht darauf, die Eltern auch mal für sich zu haben – und nicht nur die Hälfte davon. Das tut uns beiden gut.

Viele Mütter halten die Vereinbarkeit von Kind und Karriere für eine Lüge.

Es ist keine Lüge. Aber es ist eben auch nicht leicht. Der Spagat wird immer bleiben. Man leistet eben doppelt, wenn man beides will – einen guten Job und eine Familie. Aber die Familien könnten es einfacher haben. Es fehlt an flächendeckenden, guten Bildungs- und Betreuungsangeboten wie Ganztagskitas oder Ganztagsschulen. Und wenn man vielleicht einen guten Kita-Platz hat und das Kind dann in die Schule kommt, ist auf einmal um 13 Uhr Schluss. Es fehlt aber auch an Anerkennung: Es wäre schön, wenn die Chefs sehen würden, dass Eltern, die morgens um acht Uhr ins Büro kommen, oft schon drei Stunden lang etwas geleistet haben.

Die SPD will sich besonders um die „Gehetzte Generation“ der 30- bis 50-Jährigen kümmern. Haben Sie die Gruppe zu sehr vernachlässigt?

Nein, aber wir wollen die Generation der arbeitenden Mitte mehr in den Fokus rücken. Das ist die Generation, die unser Land trägt. Sie zahlen Steuern, sie ziehen Kinder groß, sie kümmern sich um die alten Eltern. Menschen zwischen 30 und 50 Jahren haben oft eine Dreifachbelastung. Und viele fühlen sich dadurch sehr gefordert. Sie übernehmen viele sinnvolle, gute, glücklich machende Aufgaben – aber es ballt sich.

Sie werben für eine 32-Stunden-Woche mit Lohnausgleich aus Steuergeldern...

Das könnte ein Weg sein: Es muss doch möglich sein, dass beide Partner in der Rushhour des Lebens statt 40 Stunden nur 32 arbeiten – und zwar, ohne gleich massive Nachteile zu bekommen. In Deutschland gibt es im Moment oft nur Schwarz oder Weiß: Der Vater arbeitet Vollzeit, die Mutter gar nicht oder nur kleine Teilzeit. Oder beide Partner arbeiten Vollzeit und haben kaum Zeit für Kinder.

Wann kommt die 32-Stunden-Woche?

Ich werde noch in dieser Wahlperiode ein Modell für die Familienarbeitszeit vorstellen. Im Moment prüfen wir Kosten und Details – zum Beispiel, wie lange Eltern Anspruch auf die Regelung haben sollten. Wichtig ist mir, dass wir solche Modelle nicht nur für Eltern mit kleinen Kindern planen – sondern auch für Menschen, die Angehörige pflegen wollen. Mit einem steuerlichen Zuschuss unterstützen wir dabei genau diejenigen, die das System mit ihren Abgaben überhaupt am Laufen halten.