Der Papst der Armen

Während in Europa Katholiken und Kardinäle durchaus auch mit Misstrauen auf den Papst blicken, wird Franziskus in Asien gefeiert. Sechs Millionen Gläubige bei der Messe in Manila: Das ist die größte Menschenansammlung der Geschichte. Und der Papst positioniert sich wieder einmal klar: Armut ist kein Schicksal, das gottgegeben zu ertragen ist. Armut ist menschengemacht, sie ist ein Skandal, gerade in Asien, wo der rasant wuchernde Turbokapitalismus ohne jede Rücksicht Menschen zu Objekten und zur Ware degradiert.


Die Kapitalismuskritik des Papstes ist kein Lippenbekenntnis. Der Pontifex, der selbst so bescheiden lebt, fordert seine Kirche auf, den Blickwinkel und die Sichtweise der Armen einzunehmen, der Opfer von Kinderarbeit, Ausbeutung, Ungerechtigkeit, Klimazerstörung. Diese Vision birgt einiges an revolutionärem Potenzial. Denn sie wird Handeln einfordern. Und sie dürfte auch für die reichen Gläubigen und Gemeinden Europas bisher noch unbekannte Veränderungen mit sich bringen. Dabei fängt das Umdenken erst an. Europa wird möglicherweise in künftigen Debatten der Kirche gar nicht mehr die Hauptrolle spielen. Nirgendwo sonst wächst die Zahl der Christen so stark wie in Asien. Bequem wird die Zukunft für den Westen sicher nicht. Aber dieser Papst will es auch keinem gemütlich machen.