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Politik

"Der Leistungsdruck in China setzt früh ein"

08.08.2008 | 19:38 Uhr

Das Buchmagazin "Lesart" diskutierte über das Alltagsleben im Land der Mitte. Marcus Hernig: Frauen wird eine Abtreibung sehr leicht gemacht

Essen. Über die Verstöße gegen die Menschenrechte im Olympialand China ist die Öffentlichkeit bei uns informiert. Die Unterdrückung von Andersdenkenden, von Minderheiten im Reich der Mitte, der sorglose Umgang der chinesischen Politik mit der Umwelt, die Verschmutzung von Luft und Wasser, werden breit diskutiert. Weniger hingegen wissen wir über den Alltag der Chinesen, wie sie wohnen, wie sie über Politik denken. Einblicke in das Leben der Chinesen gewährten der Autor und Sinologe Marcus Hernig sowie die Sinologin und Tibetologin Carmen Meinert in einer Diskussion in der Essener Buchhandlung "Proust".

Das Gespräch wurde für das politische Buchmagazin "Lesart" vom Deutschlandradio Kultur aufgezeichnet. Die Reihe entsteht in Kooperation mit dem Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen, die WAZ ist Medienpartnerin.

Hernig, ein Dortmunder, der seit 1992 in China lebt und sein Buch "China mittendrin" (Verlag Christoph Links) vorstellte, wusste die Zuhörer mit vielen Details zu überraschen. So erzählte er von dem enormen Leistungsdruck, dem schon Kinder ab dem dritten Schuljahr ausgesetzt sind. "Sie lernen sehr viel Mathematik und Unmengen von Schriftzeichen, etwa 100 pro Woche." Um 17 Uhr sei Schulschluss, doch anschließend müssten die Kinder lange Hausaufgaben machen. "Es gibt ein enormes Ranking, jeder will der Beste sein." Sehr viel funktioniere über Selektion. Das gipfele dann in der Zulassungsprüfung für die Universität. Jährlich würden sich gleichzeitig 9,5 Millionen junge Leute um eine kleine Zahl von Studienplätzen bewerben.

Carmen Meinert bemängelte, dass Hernig, der auch als außerplanmäßiger Professor an der Zhejing-Universität Hangzhou lehrt, in seinem Buch die Lage an einigen Stellen als zu harmlos darstelle. Tatsächlich gebe es wegen der Ein-Kind-Politik und der großen Zahl von Abtreibungen, Zwangssterilisationen und auch bei Ärzten, die Jahrzehnte lang nichts anderes machten, als Föten zu töten, großes Leid. Abtreibungen, fand auch Hernig, würden Frauen sehr leicht gemacht. "Es wird nicht ethisch diskutiert wie hier. Es liegt vielleicht auch daran, dass das Christentum nicht so präsent ist."

Claus Leggewie, Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts, der die Diskussion moderierte, ging aber auch auf die Politik ein. Ob es Duckmäuserei sei oder klug, wenn westliche Länder wegen der Menschenrechtsverletzungen auf Dialog setzten, statt auf Konfrontation, fragte er. "Die Leute erkennen die Probleme selbst", ist sich Hernig sicher. "Es ist schon gut, darauf auch zu reagieren. Aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger."

Die Aufzeichnung des Gesprächs wird am morgigen Sonntag, um 12.30 Uhr, vom Deutschlandradio Kultur gesendet.

Von Angelika Wölk

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2008-08-08 19:38
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