Der kurzsichtige Terrorfürst

Bagdad..  Unter Dschihadisten weltweit genießt er ein Ansehen wie vor ihm nur der 2011 getötete Gründer des Terrornetzwerks Al Kaida, Osama bin Laden. Seine Gefolgsleute haben im Irak und in Syrien ein Reich des Schreckens errichtet, er selbst hat sich zum Kalifen aller Muslime ausgerufen. Er gilt als der derzeit meistgesuchte Terrorist der Welt. Trotzdem ist über Abu Bakr al-Bagdadi, den Führer des sogenannten „Islamischen Staats“, nur wenig bekannt. Der Mann, der sich jetzt selbst „Kalif Ibrahim“ nennt, scheut die Öffentlichkeit. Jetzt hat sich ein Reporterteam von Süddeutscher Zeitung (SZ), NDR und WDR im Irak auf eine Spurensuche begeben und Details aus dem Leben al-Bagdadis ans Tageslicht gebracht.

Abu Bakr al-Bagdadi wurde demnach am 1. Juli 1971 in Samarra geboren, einer uralten Stadt nördlich von Bagdad, die den Schiiten heilig ist; jenen Muslimen also, die al-Bagdadi und seine sunnitischen Gefolgsleute heute verfolgen, weil sie für sie „Rafidah“ sind, Abtrünnige vom einzig wahren Glauben. Geboren wurde er als Ibrahim Awad Ibrahim al-Badri. Den Namen, unter dem er heute bekannt ist, legte er sich wohl in Anlehnung an Abu Bakr as-Siddiq zu, den Schwiegervater des Propheten Mohammed.

Al-Bagdadi soll das drittälteste von vier Kindern einer religiösen Bauern-Familie sein, einer seiner Brüder fiel den Recherchen nach im Krieg gegen den Iran. „Bruder eines Märtyrers“ zu sein, war ein Pluspunkt für Schüler in der Ära Saddam Husseins. Gut für den jungen al-Bagdadi, der zwar in Mathematik und Geografie glänzte, dafür aber schlecht in Englisch war und sogar einmal sitzen blieb. Das geht aus Dokumenten hervor, die die deutschen Reporter entdeckten. Nach der Schulzeit soll al-Bagdadi in Bagdad Koranwissenschaften studiert haben, dem Militärdienst entging er wohl, weil er kurzsichtig ist.

Radikalisiert hat sich al-Bagdadi, das war schon vorher bekannt, in US-amerikanischer Haft. Zehn Monate war er 2004 im Gefangenenlager „Camp Bucca“ inhaftiert, warum genau, ist nicht klar. Klar ist aber, dass er dort sein Netzwerk schmiedete, mit ehemaligen Saddam-Offizieren, Geheimdienstleuten und Dschihadisten, die dort ebenfalls einsaßen. Er muss, so heißt es, ein gewisses Charisma und einen brennende Ehrgeiz haben – an die Spitze der Terrororganisation, die damals noch mit Al Kaida verbunden war und unter „Islamischer Staat im Irak“ firmierte, hat ihn aber vor allem wohl sein 2007 erworbener Doktor in Theologie gespült. Das unterscheidet ihn von anderen Terrorfürsten wie Osama bin Laden, dessen Nachfolger Aiman az-Zawahri oder Musab al-Zarkawi, dem einstigen Gründer der irakischen Al-Kaida-Filiale.

Al-Bagdadi kann sich dank seines Doktorgrades (seine Promotionsarbeit soll laut der Recherche voller Rechtschreibfehler gewesen sein) anmaßen, die Untaten seiner Terror-Truppe theologisch zu rechtfertigen, das zählt viel in einer Szene, in der sich sonst Ärzte, Journalisten, Bauingenieure oder Kriminelle zu Verkündern religiöser Lehren aufschwingen. Keinen Beleg gibt es aber dafür, dass er, wie seine Gefolgsleute behaupten, in direkter Linie vom Propheten Mohammed abstammt.

Auch seine theologischen Kenntnisse scheinen dürftig zu sein. Bei seinem einzigen öffentlichen Auftritt am 4. Juli in der Al-Nuri-Moschee in der eroberten irakischen Stadt Mossul sprach al-Bagdadi zwar feinstes Hocharabisch. Der Inhalt seiner Predigt muss aber wenig Substanz gehabt haben, heißt es . So soll er ganze Passagen von Sayyed Abul Ala Maududi übernommen haben, einem pakistanischen Fundamentalisten, der als einer der ersten in der Neuzeit die Idee eines Islamischen Staates propagierte. Maududi war Journalist.