„Der Islam ist zu wenig bekannt“

Berlin..  Wenn Ulrich Maly auf die letzten Tage zurückblickt, wird ihm nicht bange. „Haltung statt Spaltung“ – so empfand der Oberbürgermeister von Nürnberg die Reaktionen auf den Terroranschlag von Paris. Dazu passt auch, dass die Deutsche Islam Konferenz (DIK) in Berlin gestern Normalität demonstrierte und über Fragen der Wohlfahrt diskutierte. Es sei wichtig, „dass wir uns die Agenda nicht von Terroristen diktieren lassen“, sagte Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes.

Für den Koordinationsrat der Muslime verurteilte Erol Pürlü die „abscheuliche Tat“ von Paris. Mehr forderte Innenminister Thomas de Maizière (CDU) ihm nicht ab, auch keine Sicherheitspartnerschaft. Die Behörden möchten zwar so früh wie möglich erfahren, wenn sich jemand radikalisiert. Aber dabei hat nach de Maizières Ansicht jeder eine Aufgabe: Familie, Freunde, Kollegen, Schule, Vereine. Nicht nur Muslime.

Es sei ohnehin nicht so, dass keine Kooperation stattfinde, versicherte der Minister, „wir machen das auf unsere Weise“.

Er nimmt Rücksicht auf die Befindlichkeiten, die DIK ist in seinen Augen kein Forum für eine Sicherheitspartnerschaft. Hier wurde in den vergangenen zehn Jahren über Religion, Lehre, Sport geredet, demnächst über Seelsorge, aber weniger über Hassprediger oder radikale Auslegungen des Korans.

Die Muslime wehren sich gegen jede Generalverdächtigung (Pürlü). Maly, der den Städtetag bei der DIK vertritt, versteht das gut: „Sündenbock bleibt Sündenbock, bleibt Sündenbock“, sagte der SPD-Mann. Die Muslime ärgern sich ohnehin seit Jahren, dass die Medien sich bei der DIK auf die Sicherheit fokussieren. Und wenn schon, müsse es auch um den Schutz der Moscheen und Muslime gehen. Die Angriffe häuften sich, „das macht uns Sorgen“, sagte Pürlü.

Für ihn ist der Anschlag die „Untat von Verbrechern“, man solle nicht in der Religion nach einer Legitimation des Terrors suchen. „Man darf nicht zulassen, dass eine Weltreligion diskreditiert wird“, sagte NRW-Integrationsminister Guntram Schneider (SPD) der NRZ. Um eine Erkenntnis käme man allerdings nicht herum: „Der Islam ist zu wenig bekannt.“ Schneider will in NRW eine Kampagne starten und die Moscheegemeinden dazu bringen, mehr über ihre Religion zu erzählen. Auch de Maizière machte ihnen Mut, nicht auf Einladungen zu warten und vielmehr von sich aus andere Kirchen anzusprechen, auf die Verbände, Vereine und Schulen zuzugehen.

„Man muss darüber sprechen, welche Inhalte der Islam hat“, erklärte Schneider. Das Christentum könne man nicht auf bestimmte Stellen im Alten Testament reduzieren – oder den Koran auf einige Suren. „Das ist nicht korrekt.“ Dass Hassprediger das tun, weiß er. „Diesen Leuten muss man das Handwerk legen.“

Bemühen im Verborgenen

Aber darüber haben sie gestern nicht geredet, sondern über die Wohlfahrt. Es geht um Kitas, Jugendhilfe, Altenpflege, genauer: um eine „interkulturelle Öffnung all unserer Angebote“, wie Rosenbrock sagt. „Viele Muslime kennen unser Sozialsystem nicht“, beobachtete Schneider allerdings. Damit bleibt ihnen verborgen, wie sehr sich die Verbände bemühen, Personal mit Migrationshintergrund einzustellen, Räume, Verpflegung, Leistungen so anzubieten, dass sie von Muslimen angenommen werden.