Der Feind im Inneren

Oklahoma City..  Sie ist 22 Jahre alt, frisch geschieden und hat zwei kleine Söhne. Der 19. April 1995 beginnt für Edye Lucas darum wie immer: beschwerlich. Auf dem Weg zur Arbeit bei der Steuerbehörde IRS in der Innenstadt von Oklahoma City setzt die junge Mutter wie jeden Wochentag den kleinen Chase und den kleinen Colton im Kindergarten im Alfred P. Murrah-Building ab. Im Büro um die Ecke wartet eine Überraschung auf sie. Eine Geburtstagstorte von den Kollegen. Edye Lucas wird den Moment nie vergessen, als sie die Kerzen ausblies.

Um 9.02 Uhr geht vor dem Eingang des Alfred P. Murrah Buildings ein mit fast 5000 Pfund Benzin und dem Düngemittel Ammoniumnitrat beladener Kleinlaster hoch. Die Explosion schlägt eine riesige Wunde in das neunstöckige Gebäude der Bundesverwaltung. Die Erschütterungen sind 25 Kilometer weit zu spüren. 168 Menschen sterben, darunter neben Chase und Colton 17 weitere Kinder, die im „American Day Care Center“ spielen. Über 500 Menschen werden verletzt. Beim bis dahin größten Terroranschlag auf amerikanischem Boden.

Gemeinsam mit Hunderten anderen Hinterbliebenen wird Edye Lucas am kommenden Sonntag um 9.02 Uhr still auf der Wiese mit den 168 Stühlen aus Bronze und Glas stehen und beten. Sie bilden das Herzstück der imposanten Nationalen Gedenkstätte.

Timothy McVeigh, der Massenmörder von Oklahoma-City, wurde 90 Minuten nach der Explosion festgenommen. Am 11. Juni 2001 wurde McVeigh im Gefängnis von Terre Haute/Indiana mit der Giftspritze hingerichtet. Er bereute nie. Timothy McVeigh war kein Turbanträger, der für Allah gegen den großen Satan Amerika kämpfte. Der Mörder von Oklahoma City hielt sich für einen amerikanischen Patrioten. Er kämpfte im Golfkrieg 1991 und bekam dafür einen Orden. Nach seiner Rückkehr erklärte er den Staat zum Feind.

McVeighs Massenmord am eigenen Volk legte zum ersten Mal den Blick frei auf ein anderes Amerika. Ein Amerika, in dem unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit religiöser Eifer, Verschwörungstheorien, übersteigerter Patriotismus und militante Paranoia wabern. Ein Amerika, in dem das Weiße Haus als Hauptquartier einer zionistischen Weltverschwörung gilt. Die Regierung unter Bill Clinton reagierte unerbittlich. Das FBI bekam 500 Agenten zusätzlich. Das rechtsradikale Unterholz Amerikas wurde gerodet. Dann kam der 11. September 2001. Und Amerika richtete die Augen nur noch auf die islamistische Gefahr. Eine gefährliche Einäugigkeit.

„Es ist wirklich nur Ausdruck großen Glücks, dass es bislang zu keinem weiteren großen Anschlag gekommen ist“, sagte Mark Potok vom „Southern Poverty Law Center“ (SPLC) dieser Zeitung. Die Forschungseinrichtung in Alabama stellt seit der Wahl von Obama einen massiven Zulauf in den extremistischen Milieus fest. Von 150 im Jahr 2008 sei die Zahl der „Hass-Gruppen“, die massiv gegen die Regierung Front machen, auf über 1000 gestiegen.

Mehr noch. Laut Potok sind seit dem 11. September 2001 „mehr Amerikaner durch inländische Terroristen als durch radikale Muslime ums Leben gekommen“. Von über 60 Fällen ist die Rede. Viele Medien und weite Teile der Politik verschlössen vor der Gefahr die Augen, sagt Potok und deutet eine Komplizenschaft an. „Die politische Rechte ist im Geiste mit vielen Radikalen assoziiert. Sie sehen die Regierung auch als Gegner der Freiheit.“

Eine größere Gefahr als derislamistische Terrorismus

Als Beleg führt der Bürgerrechtsanwalt an, dass der radikal-populistische Tea Party-Arm der Republikaner vor fünf Jahren den 15. Jahrestag des Attentats in Oklahoma-City zum Anlass nahm, um in den Hauptstädten vieler Bundesstaaten gegen die Regierung in Washington Sturm zu laufen. Nicht nur die Leute vom Southern Law Poverty Center erklären sich so die jüngsten Fälle extremer Gewalt.

Im vergangenen Sommer erschoss der Rechtsradikale Jerad Miller in Las Vegas zwei Polizisten und einen Passanten. An den Leichen wurde eine „Don’t Tread on Me“-Flagge abgelegt; das Emblem der rechtsradikalen Patriot-Bewegung. Übersetzt: „Komm mir nicht zu nahe“. Miller hatte seinen Amoklauf auf Facebook mit diesem Eintrag angekündigt. „Die Unterdrückung kann nur noch aufgehalten werden, wenn wir Blut vergießen.“ Die Schießerei war bereits die dritte ihrer Art seit 2012. Damals stürmte der weiße Neonazi Wade Michael Page während einer Andacht in einen Sikh Tempel in Wisconsin und ermordete sechs Menschen. Vor einem Jahr richtete Glenn Miller unter „Heil Hitler“-Rufen vor einem jüdischen Gemeindezentrum in Kansas City drei Menschen hin.

Mark Potok hält die Gefahr für die innere Sicherheit des Landes, die von bis an die Zähne bewaffneten Extremisten ausgeht, für weit größer als den islamistischen Terrorismus. Dass Washington das Thema ausblendet, sei „absolut fürchterlich“. Das Ignorieren könne Amerika teuer zu stehen kommen.