Der „Dipl. Ing.“ ist eine aussterbende Spezies
03.08.2010 | 15:14 Uhr 2010-08-03T15:14:00+0200
Essen. Obwohl der Diplom-Ingenieur das Schmuckstück der akademischen Welt in Deutschland ist, droht er auszusterben: Immer weniger Studenten verlassen die Hochschulen als „Dipl. Ing“, weil es immer mehr Bachelor-/Masterstudiengänge gibt.
Er ist das Schmuckstück der akademischen Welt in Deutschland: der Diplom-Ingenieur. Er ist der Erfinder, der Wirtschaftswundermann, der Exportweltmeister, das Fundament unseres Wohlstands. Der Diplom-Ingenieur ist eine global geachtete Marke – doch zugleich eine Spezies, die auszusterben droht.
Immer weniger Diplom-Ingenieure verlassen die Hochschulen. Das hat nichts mit der oft beklagten Technikfeindlichkeit des Nachwuchses zu tun, sondern mit der Bologna-Reform: Mit der Einführung der gestuften Studiengänge Bachelor und Master wurde der Titel Diplom-Ingenieur abgeschafft. Die meisten Universitäten und Fachhochschulen haben ihre Studiengänge umgestellt. Wer in den kommenden Semestern die Hochschulen verlässt, trägt nicht mehr den klangvollen Titel Diplom-Ingenieur, sondern Master of Science.
„Ein schwerer Fehler“
Eigentlich sollte die Reform bereits in diesem Jahr umgesetzt sein, doch vor allem die Technischen Universitäten wehren sich gegen die neue Studienstruktur: Seit Kaiser Wilhelms Zeiten gilt der Diplom-Ingenieur als deutsches Markenzeichen, man wäre doch mit dem Klammerbeutel gepudert, würde man diesen Titel beerdigen, heißt es.
„Die Abschaffung des Abschlusses Diplom-Ingenieur war ein schwerer Fehler”, heißt es in einer Erklärung der „TU9”, einem Verbund der neun großen deutschen Technischen Universitäten. Sie verlangen, die Politik solle diesen Abschluss an Stelle des ungeliebten Master wieder ermöglichen. Eine Forderung, der sich auch die TU Dortmund anschließt. Das Markenzeichen der deutschen technischen Ausbildung müsse erhalten bleiben. Dies sei auch innerhalb der neuen Studienstruktur möglich. „Wir sind für die Bologna-Reform und für den Diplom-Ingenieur. Dies ist kein Gegensatz”, sagt Prof. Ernst Schmachtenberg, Rekor der RWTH Aachen und TU9-Präsident. Ziel ist es, den alten akademischen Abschlussgrad beim erfolgreichen Abschluss des Masterstudiums wieder verleihen zu dürfen.
Mit ihren Forderungen wollen die Technischen Hochschulen von eigenen Versäumnissen ablenken, meinen indes Kritiker, wie der wirtschaftsnahe Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft: „Sie haben über viele Jahre den Diplom-Ingenieur verteidigt, statt die überholte Trennung von Theorie und Praxis in den alten Ingenieurstudiengängen aufzugeben und fachlichen Ballast abzuwerfen”, antwortete Andreas Schlüter, Generalsekretär des Stifterverbandes, auf die Klage der TU9. Die Ingenieurfakultäten müssten sich endlich auf die Reform einlassen.
Kultur des Rausprüfens
Tatsächlich sank mit der Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge die Zahl der Studienabbrecher, was ein erklärtes Ziel der Reform war. In technischen Fächern wie Elektrotechnik, Maschinenbau, Mathematik, Physik und Chemie aber gingen sie in die Höhe, ergab eine Erhebung des Hochschulinformationssystems (HIS) für das Studienjahr 2008. Viele sehen dies als Indiz dafür, dass diese Fächer ihren Diplom-Stoff in den sechssemestrigen Bachelor stopften und damit die Studierenden überforderten.
„Die technischen Universitäten haben es versäumt, sich auf die neue Struktur umzustellen”, sagt Frank Stäudner, Sprecher des Stifterverbands. Immer noch würden bis zum Bachelor-Abschluss fast ausschließlich Grundlagen und Theorie gepaukt, erst in der Masterphase komme die Anwendung. So kann ein Bachelor-Absolvent schlecht in den Beruf gehen. Die hohen Abbrecherquoten seien auch das Ergebnis einer traditionellen „Kultur des Rausprüfens” und eines „falsch verstandenen Elite-Kults”, so Stäudner. Zwar habe auch der Stifterverband nichts dagegen, auf die Examens-Urkunde den Titel „Diplom-Ingenieur” zu drucken, doch dürfe dies nicht pure Kosmetik bleiben. Die Fächer müssten sich auf die Bologna-Struktur umstellen und auch nach sechs Semestern einen qualifizierten Ingenieur-Abschluss anbieten.
„Wir haben kein Problem mit dem Master, die Studenten sind genauso gut ausgebildet wie Diplom-Ingenieure”, sagt Prof. Roland Span, Prodekan der Fakultät für Maschinenbau an der Ruhr-Universität Bochum. Doch er bedauert, dass der Ingenieur verschwindet und mit ihm eine bestimmte Wissenschaftskultur. Laut Gesetz darf ein Studium nicht zu zwei Titeln führen. Doch werde seine Fakultät auf den Examensurkunden vermerken: Master of Science, Äquivalent zum Diplom-Ingenieur. „So bleibt der Begriff bestehen.” Was der Student später auf seine Visitenkarte druckt, bleibt ihm überlassen.

16:44
@21
Aus irgendwelchen Gründen wurde bei meinem Kommentar das Größer als Zeichen nicht übernommen, welches in der Gleichung zwischen Master und Bachelor enthalten war. Ja der Bachelor ist weniger wert! Und ich denke auch wer es auf einem Bachelor beruhen lässt und nicht bis zum Master weitermacht wird im weiteren Berufsleben seine Probleme haben. Der Abschluss Master unterscheidet sich zumindest bei uns überhaupt nicht vom Abschluss Dipl. Ing..
Trotzdem bin ich froh noch zu den letzten Diplomern zu gehören. Dipl.Ing. sieht einfach viel schöner aus als M.Sc..
13:03
@ 20,
gewagte Gleichung, ich sehe Ihnen nach, das Sie noch studieren, nach Ihrer Diplomarbeit, werden Sie merken, dass das Endergebnis einer mathematischen Gleichung wesentlich wichtiger ist, als der Rechenansatz in der Form einer Gleichung.
Sprich es ist fatal zu glauben, das Ihre Gleichsetzung beider Studiengänge gleichmacht.
No. 19, bringt es auf dem Punkt, nur die Industrie benötigt junge Absolventen die billig sind, damit sie mit 45 aussortiert werden und so junge Absolventen nachgezüchtet werden an den Hochschulen...die können auch nicht unbedingt weg, auf den weltweiten Arbeitsmarkt.
Sie dagegen mit Dipl., werden da noch andere Möglichkeiten haben.....seien Sie froh. Sie werden es merken, wenn die 3. bis 4. Bachelor Generation an der Uni durch ist, dann sind die 1. Arbeitslos mit 45 Jahren und alle sind auf Wunsch der Industrie regelrecht mit Hilfe der Politik verarscht worden.
19:27
Ich studiere noch auf Diplom. Ich kenne jedoch viele Leute die ebenfalls an der RUB ein Maschinenbaustudium begonnen haben, jedoch auf Bachelor/Master. Es scheint sich bei der Umstrukturierung nicht wirklich etwas geändert zu haben die Inhalte von Diplom und Master sind gleich. Nur wurden einige Vorlesungen vom 6. Semester ins 5. , vom 5. ins 2. , vom 2. ins 7. und vom 7. ins 3. gepackt. Im Bachelor hat man wirklich viel Grundlagenwissen und wenig Anwendungsspezifisches. Aber ist das schlimm? So haben Leute, die während ihres Studiums feststellen, dass dies vielleicht nicht ganz der Bereich ist in dem sie arbeiten wollen, zumindest die Möglichkeit nachweisen, dass sie Grundlagenwissen haben.
Diplom = Master Bachelor
Wer sich diese Gleichung merkt muss eigentlich nichtmehr viel diskutieren. Wie es heißt ist egal solange die Leute wissen was es bedeutet!
18:30
Der Dipl. Ing. war eine wundervolle Marke. Weltweit bekannt und geachtet.
Ich habe nie verstanden, warum man diese Marke einfach so wegwirft; ohne Not.
18:16
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15:11
.......Tatsächlich sank mit der Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge die Zahl der Studienabbrecher
Ist ja auch nicht verwunderlich, wenn man die Anforderungen einfach drastisch herunterschraubt!
13:50
Wie heißts doch so zutreffend:
Ein Ingenieur, das wird man nicht,
ein Ingenieur den hält man sich, oder ?
(Egal woher der kommt ...)
13:19
@Willi Wacker
Ich verstehe Sie meinen so wie Nokia zu den Fachkräften nach Rumänien abgewandert ist.
oO
12:37
@ 13,
ich kenne ebenfalls Bachelorabsolventen, die ich regelmäßig nicht einstelle, weil sie eben kein Dipl. Ing. Wissen aufweisen, welches ich benötige um meine Firma wettbewerbsfähig zu führen...
Bezahlung spielt eigentlich nicht die primäre Rolle, solange nicht nur die Aufträge da sind, sondern auch das Know how.
Nur werde ich sicherlich nicht Arbeitskräfte in die BRD importieren. Da hat der Winzerkönig Brüderle auch den Knall nicht gehört.
Vielmehr lohnt es sich die Firma direkt in den Ländern einzurichten, wo die Fachkräfte sind.
Dienstleisung kommt dann aus Made in Germany und das Know how ist auf immer weg....
12:15
Ein erstaunlich guter Artikel in der WAZ, der die Problembereiche der Umstellung vom Diplom zum Bachelor/Master in den Ingenieurwissenschaften ganz gut darstellt.
Erschreckend finde ich aber die Kommentare zur Gleichmacherei. Es gibt KEINE Vorschrift, die besagt, dass das Wissen und die Fertigkeiten in einer Fachdiszipilin in ganz Europa identisch sein müssen. Es gibt lediglich sehr allgemein gehaltene Beschreibungen über Mindestqualifikationsziele, die man für die Verleihung eines Bachelor- oder Mastergrades erreichen muss.
Der Bachelor-Abschluss ist nach diesen Regelungen der erste berufsqualifizierende Abschluss.
In Bachelorstudiengängen werden wissenschaftliche Grundlagen, Methodenkompetenz und berufsfeldbezogene Qualifikationen entsprechend dem Profil der Hochschule und des Studiengangs vermittelt. Damit wird insgesamt eine breite wissenschaftliche Qualifizierung in Bachelorstudiengängen sichergestellt.
Masterstudiengänge dienen der fachlichen und wissenschaftlichen Spezialisierung.
Leider sind insbesondere die berufsfeldbezogenen Qualifikationen - also die Fähigkeit, das erworbene theoretische Wissen auch anwenden zu können, in Bachelor-Studiengängen nur sehr rudimentär enthalten. Dennoch sind die Studiengänge akkreditiert worden, was ausdrücklich zu kritisieren ist.
Ich kenne persönlich zahlreiche Bachelorabsolventen von FHs, die mit ihrem sechssemestrigen Bachelorstudium gut bezahlte Jobs bekommen haben.
Die TU9 sollte also nicht lamentieren, sondern erst mal im eigenen Laden kehren!