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Joachim Gauck – der Außenseiter im Schloss Bellevue

24.01.2015 | 08:44 Uhr
Joachim Gauck – der Außenseiter im Schloss Bellevue
Pünktllich zu seinem 75. Geburtstag erscheint eine Biografie über Bundespräsident Joachim Gauck.Foto: Imago

Berlin.   Bundespräsident Joachim Gauck wird am Samstag 75 Jahre alt – sein ehemaliger Sprecher Johann Legner hat eine kritische Biografie geschrieben.

„Sie hatten vom Paradies geträumt und wachten auf in Nordrhein-Westfalen.“ Mit diesem legendären Satz brachte Joachim Gauck in seiner Rede zum 10. Jahrestag des Mauerfalls die Gefühle und Enttäuschungen seiner ostdeutschen Landsleute und gewiss auch seine eigenen zum Ausdruck.

Für ihn hat sich die ernüchternde Erfahrung mit dem Westen seit seiner im zweiten Anlauf erfolgreichen Wahl zum Bundespräsidenten in andauernde Momente des Glücks aufgelöst. Der Hausherr im Schloss Bellevue mag gar nicht nachlassen, vom Glück der in Freiheit lebenden Deutschen (und seinem eigenen) zu künden.

Gaucks Schwächen werden benannt

Zum heutigen 75. Geburtstag des elften Bundespräsidenten hat Johann Legner, der langjährige Vertraute und Wegbegleiter aus den Tagen der von Gauck geleiteten Stasi-Unterlagenbehörde, eine bemerkenswerte Biografie vorgelegt. Sie erscheint zur Hälfte der ersten Amtszeit Gaucks, von dem man nicht nur ahnt, dass er zu gerne eine zweite dranhängen würde.

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Als damaliger Pressesprecher Gaucks gewann Legner intime Kenntnis von der durchaus widersprüchlichen Persönlichkeit seines Vorgesetzten. Bei allem Wohlwollen schmeichelt er dem keineswegs. Er benennt dessen Schwächen, ohne die Grenzen zu peinlicher Indiskretion zu übertreten. Mitunter gewinnt man den Eindruck, Gaucks Biograf arbeite sich an einer bewunderungs-, aber auch kritikwürdigen Vaterfigur ab.

Von der Wirklichkeit überrollt

Seit Gauck zum Bundespräsidenten gekürt wurde (ein Amt, das er zielstrebiger ansteuerte, als bisher bekannt war), wird immer wieder nach der Botschaft Ausschau gehalten, die dieser protestantische Pastor und gelernte DDR-Bürger wohl zu verkünden trachtet.

Im vergangenen Jahr hat er zwei Themen akzentuiert: die gewachsene außenpolitische Verantwortung Deutschlands und die Probleme von Migration und Integration. Bei beidem ist Gauck von der Wirklichkeit überrollt worden. Doch stets hat er sich mit dem ihm eigenen pastoralen Optimismus unmissverständlich ausgedrückt.

Heikle Gewässer

Legner schildert diesen mit charismatischen Fähigkeiten ausgestatteten Mann des Wortes als einen, der in Zeiten der kommunistischen Diktatur, beim Kampf gegen die Überbleibsel der Stasi-Krake und jetzt als Staatsoberhaupt auf der Seite des Guten und Richtigen agiert. Dabei ist Gauck beileibe kein Held, eher einer, der sich mit Vorsicht orientiert, vor allem aber – wie Legner meint – „ein Außenseiter“. Gaucks Werdegang ist in manchem „die Geschichte unseres Landes“, schreibt der Autor, „verführt, verirrt, gerettet, bestraft und fremdbestimmt und ohne einen festen Platz in der Weltgemeinschaft.“

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Dies alles liest sich beim Versuch seines Biografen, den Mythos Gauck mit all seinen Brüchen zu enträtseln, stringent und stilsicher formuliert. Mehrfach manövriert sich Legner dabei in durchaus heikle Gewässer. So mit seinem Vorhalt, Gauck habe bislang die Nazi-Vergangenheit seiner Eltern bewusst zu verschleiern gesucht.

Liebhaberin aus einer maoistischen Sekte

Oder auch beim Verhältnis Gaucks zu seinen Frauen – der verlassenen, aber nicht geschiedenen, der langjährigen Liebhaberin aus einer maoistischen Sekte und heutigen Ratgeberin im Präsidialamt sowie der aktuellen Lebenspartnerin. Anrührend sind Legners Diagnosen über menschliche Schwächen wie Gaucks Hang zur chaotischen Unordnung oder seine mitunter durchscheinende Lebensuntüchtigkeit bei der Bewältigung ganz praktischer Dinge.

Im Übrigen aber ist Gauck der Mann, der den Respekt für das beschädigte Amt des Bundespräsidenten zurückgewonnen hat. Der sich als ein Botschafter des Gemeinsamen versteht. Der viele seiner Landsleute in ihrer Sehnsucht nach Freiheit und Veränderung zu beflügeln weiß. Der glaubwürdig ist inmitten der Vertrauenskrise, der die politische Klasse ausgesetzt ist. Der eitel und selbstsicher genug scheint, die Kritik selbst derer wegzustecken, die ihn ins Amt gewählt haben. Legners lesenswerte Halbzeitbilanz zeigt, dass der 75-jährige Joachim Gauck seinen „Traum vom Paradies“ noch nicht ausgeträumt hat.

Riechard Kiessler

Kommentare
24.01.2015
21:11
Joachim Gauck – der Außenseiter im Schloss Bellevue
von albertus28 | #12

"...und der langjährigen Liebhaberin aus einer maoistischen Sekte und heutigen Ratgeberin im Präsidialamt..."
Das muß man sich auf der Zunge zergehen...
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2015-01-24 08:44
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