Das aktuelle Wetter NRW 15°C
Wissen

Den Gymnasien fehlt ein Schuljahr Geschichte

06.08.2012 | 20:45 Uhr
Den Gymnasien fehlt ein Schuljahr Geschichte
Helmut Kohl vor der Ruine der Frauenkirche in Dresden: Am 19. Dezember 1998 kamen Zehntausende DDR-Bürger, um den Kanzler der Bundesrepublik zu hören. Dass jungen Leuten solche Bilder erst einmal wenig sagen, sollten sich die Zeitzeugen von damals immer wieder klar machen – das gilt auch für Geschichtslehrer. Foto: dapd

Essen.   Der Historiker Rolf Brütting fordert 25 Prozent mehr Unterrichtsstunden für die Sek I an Gymnasium. Die schwarz-gelbe Koalition hatte diese Stunden gestrichen, als das G 8 eingeführt wurde. Der neue Lehrplan Geschichte sieht vor, dass die deutsch-deutsche Geschichte verzahnt unterrichtet wird.

Dass Zehntklässler in NRW über die deutsche Nachkriegs­geschichte weniger wissen als Jugendliche in anderen Bundesländern , ist für den Dortmunder Dr. Rolf Brütting keine Überraschung. Die Daten der Berliner Studie seien „das erste deutliche Negativ-Ergebnis der radikalen Kürzung des ­Geschichtsunterrichts am Gymnasium“, sagte der Geschichtslehrer a.D. und Vorsitzende des NRW-Geschichtslehrer-Verbandes im Philologenverband dieser Zeitung.

Die schwarz-gelbe Landesregierung unter Jürgen Rüttgers hatte nach 2005 entschieden, dass das Fach Geschichte in der verkürzten Sekundarstufe I der Gymnasien nur noch in den Schuljahren sechs, sieben und neun unterrichtet werden sollte.

Schwarz-Gelb fand jede vierte Geschichtsstunde verzichtbar

Der Grund war die Einführung des Abiturs nach acht Schuljahren (G8). Dazu musste in allen Fächern der Lernstoff aus bislang neun Jahren deutlich „entschlackt“ und „komprimiert“ werden, wie es damals hieß. Das Fach Geschichte fand ausgerechnet die konservativ-liberale Koalition in Teilen gut verzichtbar.

Die Folgen der Stundenstreichung, so Brütting, seien bis heute fatal, die Untersuchung aus Berlin sei ein weiterer Beleg dafür. „Alle anderen Bundesländer blieben auch nach Einführung des G8 bei vier Jahren Geschichtsunterricht bis zur Klasse zehn. NRW steht in diesem Punkt ganz unten am Ende der Bundesländer.“

Doppelte deutsche Geschichte verzahnt lernen

Der neue Lehrplan für sein Fach gilt seit 2011 und er sei ganz gut gelungen. „Wir haben als Verband durchgesetzt, dass die doppelte deutsche Geschichte verzahnt unterrichtet werden soll – gerade damit sich die alte DDR nicht einfach in Luft auflöst.“

Das Problem sei aber die Umsetzung: In einem Schuljahr (Klasse neun) in netto 60 Unterrichtsstunden müsse die komplette Historie vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart behandelt werden. Die Stoffmenge sei immens. „Wenn das nicht sehr sauber geplant ist, fällt die Nachkriegszeit dabei schnell runter“, weiß der Praktiker. Seine Forderung lautet deshalb: „Wir müssen zurück zu vier Jahren Geschichtsunterricht.“

Manche Lehrkräfte setzen bei Jugendlichen zu viel voraus

Andreas Merkendorf, Sprecher des NRW-Philologenverbandes in Düsseldorf, kann sich noch einen anderen Grund für die Lücken im Schülerwissen vorstellen. „Die jungen Leute, die heute Abitur machen, waren zum Zeitpunkt des Mauerfalls noch gar geboren. Kein Wunder, dass die Ereignisse von 1989 und davor für sie in einer fernen Zeit liegen.“

Geschichtslehrer, die die aufregenden Zeiten der Maueröffnung mit Interesse verfolgt haben, sollten dies berücksichtigen. „Manche gehen vielleicht zu naiv daran und denken: Die Bilder von damals, die muss doch jeder kennen.“ Damit, so Merkendorf, „setzen sie aber zu viel voraus.“ Darauf müssten die Schulen künftig stärker achten.

Sigrid Krause

Kommentare
Funktionen
Aus dem Ressort
Griechenland-Gipfel am Sonntag: 5 Tage Zeit für Kompromiss
Griechenland
Die 28 EU-Staaten werden am Sonntag bei einem Sondergipfel über die Griechenland-Krise beraten. Das kündigte Bundeskanzlerin Merkel am Dienstag an.
Aufgabenteilung in der Familie macht Mütter oft unzufrieden
Berlin.
Männer arbeiten in Vollzeit, Frauen in Teilzeitjobs oder gar nicht. Dabei wünschen es sich die meisten Eltern anders, ergab eine Allensbach-Studie.
Bundeskanzlerin Merkel empfängt Videoblogger LeFloid
Youtube
Le Floid hat 2,6 Millionen Abonnenten bei Youtube, die Bundesregierung 12.000. Kein Treffen auf Augenhöhe also, wenn er Freitag die Kanzlerin spricht.
Zschäpes neuer Verteidiger zerstreut Hoffnung auf Aussage
NSU-Prozess
Mit den alten Anwälten ist sie durch, der neue wird angelächelt: Beate Zschäpe hat ihre Verteidigung umsortiert. Doch eins bleibt: Sie sagt nicht aus.
Dortmunder AfD-Vorstand tritt fast komplett aus
Parteien
Sieben von acht Mitgliedern des Dortmunder Kreisvorstands der Alternative für Deutschland (AfD) erklärten am Montagabend ihrenAustritt aus der Partei.
Fotos und Videos
article
6957601
Den Gymnasien fehlt ein Schuljahr Geschichte
Den Gymnasien fehlt ein Schuljahr Geschichte
$description$
http://www.derwesten.de/politik/den-gymnasien-fehlt-ein-schuljahr-geschichte-id6957601.html
2012-08-06 20:45
Schule,Schulunterricht,Unterricht,Lehrplan,Geschichte
Politik