Dem Rad in die Speichen fallen...

Sein Name war im Ausland viele Jahre bekannter als in Deutschland. Wie kaum ein anderer steht Dietrich Bonhoeffer dort für den Widerstand gegen die Diktatur und ein unbedingtes Eintreten für Recht und Menschlichkeit. In Großbritannien wird er am Hauptportal von Westminster Abbey mit einer Statue als ein Märtyrer des 20. Jahrhunderts geehrt. US-amerikanische Präsidenten zitieren ihn nicht nur bei Deutschlandbesuchen. Vor allem aber in Nationen mit Diktaturerfahrung, in Ländern des ehemaligen Ostblocks wie in Staaten Lateinamerikas, Asiens oder Afrikas werden seine Schriften intensiv gelesen und diskutiert.

Deutschland tat sich nach 1945 zunächst schwer mit dem evangelischen Pfarrer, der sich in der politischen Opposition engagierte. In der DDR ehrte man ohnehin fast ausschließlich den kommunistischen Widerstand – Instrumentalisierung zur Identitätsbildung. In konservativen Kreisen der Bundesrepublik war lange der Verratsvorwurf im Raum, in sich links gebenden Zirkeln meinte man die fehlende demokratische Gesinnung des bürgerlichen Widerstands geißeln zu müssen.

Gestern, zum 70. Jahrestag seines Todes, wurde Bonhoeffer in vielen Texten und Feierstunden in Deutschland geehrt. Das hat sicherlich auch mit seinem weltweiten Ansehen zu tun. Zum kollektiven Gedächtnis der Bundesrepublik gehört Bonhoeffer wie insgesamt der bürgerliche Widerstand gegen den Nationalsozialismus jedoch nicht. Die Republik der Blockwart-Enkel interessiert sich wenig für jene, die couragiert einen Geist vorleben, der das Recht des Menschen gegenüber der Diktatur betont und zugleich den Einzelnen in der Verantwortung für die gesamte Nation sieht.

Dietrich Bonhoeffer, geboren 1906 in Breslau als sechstes von acht Kindern, wuchs im Berliner Grunewaldviertel auf, in einer Welt, die man sich heute nur noch schwer vorstellen kann. Der familiäre Austausch über Politik, naturwissenschaftliche, theologische und künstlerische Fragen muss aufregend gewesen sein. Der Vater Karl, Psychiatrie-Professor an der Charité, aber auch seine Brüder, der früh zu Ruhm gekommene Physiker Karl-Friedrich und der Jurist Klaus, bewegten sich in ihren jeweiligen Arbeitsgebieten am Puls der Zeit. Das galt auch für die Rechtswissenschaftler Hans von Dohnanyi, Gerhard Leibholz und Rüdiger Schleicher, die Schwestern Dietrichs geheiratet hatten. Und erst recht für die Freunde, zu denen die Harnacks, Delbrücks und Plancks gehörten.

Dietrich studierte Theologie in Berlin und Tübingen, promovierte mit 21 Jahren und wurde nach seiner Habilitation Studentenpfarrer in Berlin. Die zweifellos privilegierten Verhältnisse, in denen Bonhoeffer aufwuchs, waren für ihn stets gekoppelt an soziale Verantwortung. 1932 zog er beispielsweise in das damalige Arbeiterviertel Prenzlauer Berg und übernahm eine Konfirmandengruppe, mit der der dortige Pfarrer nicht klar kam. Sein Einsatz für die Jugendlichen sorgte noch lange nach dem Krieg für Gesprächsstoff im Kiez.

Bereits 1933 galt Bonhoeffer als Gegner der Nationalsozialisten. So wurde in den ersten Tagen nach der sogenannten Machtergreifung ein Radiovortrag abgebrochen, in dem er davon sprach, dass ein Führer, der sich zum Idol seiner Anhänger mache, zum Verführer werde. In einem Vortrag „Die Kirche vor der Judenfrage“ ein Vierteljahr später wies er auf die Pflicht der Kirche hin, den Staat immer wieder zu befragen, ob sein Handeln verantwortet werden könne. Hier sprach er auch von der Möglichkeit, „nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen.“

Auch um aus der Schusslinie zu kommen, übernahm er im Herbst 1933 ein Auslandspfarramt in London. Hier suchte er Verbindungen zur Ökumene und kümmerte sich um jüdische und politische Flüchtlinge aus Deutschland. 1935 bat ihn die Bekennende Kirche, die oppositionelle Gruppierung innerhalb der evangelischen Kirche, nach Deutschland zurückzukehren und die Leitung eines illegalen Predigerseminars, in dem Theologen auf ihr Pfarramt vorbereitet wurden, zu übernehmen. 1937 wurde die Fortsetzung der Seminare untersagt, die Arbeit im Untergrund fortgesetzt. Bonhoeffer nahm im Sommer 1939 eine Einladung zu Vorträgen in die USA an. Ihm war angeboten worden, dort zu „überwintern“. Ihm war es aber unerträglich, seine Familie und seine Freunde in Deutschland zurückzulassen. Nach sechs Wochen war er wieder in Deutschland und schloss sich sofort dem politischen Widerstand an.

Eine Schlüsselfigur war hier sein Schwager Hans von Dohnanyi. Er war im Amt Abwehr unter Admiral Canaris tätig und organisierte von hier aus Hilfe für bedrängte Juden, dokumentierte die Verbrechen der Nazis und arbeitete später auf die Tötung Hitlers hin. Bonhoeffer ließ sich bei der Abwehr einstellen und reiste konspirativ in die Schweiz, nach Norwegen, Schweden und Italien. Sein Auftrag für den Widerstand: Verbindungen zu den Alliierten knüpfen, um zu erkunden, wie sie im Falle eines Putsches reagieren würden. Die konspirative Arbeit wurde entdeckt, Bonhoeffer und Dohnanyi im April 1943 festgenommen. In der zweijährigen Haft im Gefängnis Tegel entstehen viele der Texte, die Bonhoeffer später zur wichtigen Stimme des Widerstands machten. So auch das Gedicht, das er in auswegloser Lage zur Jahreswende 1944/45 für seine Verlobte Maria von Wedemeyer und seine Mutter schrieb und mit dem zuversichtlichen Vers endet: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 wurden Dietrichs Bruder Klaus und sein Schwager Rüdiger Schleicher – auch sie waren in die Umsturzvorbereitungen eingebunden – verhaftet. Im Februar 1945 brachte die SS Dietrich ins KZ Flossenbürg. Dort wurde er am 9. April 1945 erhängt. Am selben Tag erhängte die SS auch Hans von Dohnanyi im KZ Sachsenhausen. Klaus Bonhoeffer und Rüdiger Schleicher wurden am 23. April von der Gestapo erschossen. Sie alle starben in der Überzeugung, sich ganz einsetzen zu müssen für Recht und Menschlichkeit.


Genau das ist der Humus, aus dem Demokratien wachsen. Deshalb ist die Erinnerung an Dietrich Bonhoeffer, seine Familie und seine Freunde im Widerstand so wichtig – auch für uns heute.