Das Totenmeer

Alexandria..  Neun Tage Mittelmeer ist Lampedusa von Alexandria entfernt, und doch ist die Schicksalsinsel vor Italien ganz nah. Markus Schildhauer hat ein Kreuz in seiner Wohnung, gezimmert aus Bootswracks von Flüchtlingen, die auf ihrem verzweifelten Weg nach Europa vor der italienischen Küste gestrandet sind. Seit einem halben Jahr lebt er in der ägyptischen Hafenstadt, wo er sich im Auftrag der Evangelischen Kirche um die Seeleute kümmert. Noch nie haben so viele Menschen die lebensgefährliche Reise über das Mittelmeer riskiert wie im zurückliegenden Jahr 2014. Mehr als 170 000 machten sich auf den Weg, viermal so viele wie im Jahr zuvor, die meisten aus Libyen, mehr und mehr aber auch aus der Region um Alexandria.

„Die Zahlen sind beispiellos“, sagt Leonard Doyle, Sprecher der Internationalen Organisation für Migration (IOM), „so etwas hat es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben.“ Und je verzweifelter die Menschen werden, desto dreister agieren die Schlepper, die jedem zwischen 2500 und 6000 Dollar für die Überfahrt abnehmen. Zuletzt stellten skrupellose Fluchtkapitäne sogar drei schrottreife Seelenverkäufer einfach auf Autopilot und überließen die Passagiere auf den Geisterschiffen ihrem Schicksal. „Es ist unglaublich, was Menschen alles an Gefahren auf sich nehmen, um nach Europa zu können“, sagt Schildhauer, der auch schon im afrikanischen Togo eine Seemannsmission geleitet hat.

Auch der junge Abdullah hat es bereits zweimal versucht – vergeblich. Mitte Juni 2013 war seine syrische Familie nach Alexandria gekommen, 14 Tage vor dem Sturz von Präsident Mohamed Mursi und bevor Ägypten seine Grenzen für Syrer schloss. Zunächst probierte es der Vater, einst ein wohlhabender Textilunternehmer in Damaskus, von dessen beiden Fabriken nur noch Ruinen geblieben sind. Sein Zubringerschiff mit 52 Insassen wurde von der ägyptischen Marine abgefangen.

Einige Monate später nahm dann Sohn Abdullah mit dem Schlepperpatron Kontakt auf, der sich Abul Hash nennt. „In dem Geschäft sind ganze Großfamilien tätig“, weiß er. Abdullah trägt einen grauen Sweater und kratzt sich ständig nervös am Kopf, wenn er von seinen nervenzerfetzenden Anläufen erzählt, sich per Boot zu seinen Traumzielen Deutschland oder Niederlande durchzuschlagen. Beim ersten Mal wartete die ägyptische Polizei bereits am angegebenen Abfahrtspunkt in Madinat Rashid, Anwohner konnten ihn in letzter Sekunde warnen, sodass er den Beamten nicht direkt in die Arme lief. Beim zweiten Mal erschienen die Beamten am Ufer, als das Schlauchboot gerade die Flüchtlinge aufnehmen wollte. Der Fahrer raste mit Vollgas zurück auf die offene See, die 13 Unglücklichen kamen im Haft. Alle sind inzwischen abgeschoben, nur Abdullah nicht, weil er damals noch minderjährig war.

Ägypten schiebt nach Syrien ab

Ein drittes Mal will es der inzwischen 18-Jährige nicht versuchen, der jetzt in einem Farbengeschäft als Aushilfe arbeitet. Wenn er wieder erwischt wird, könnte er direkt in den Armen des syrischen Geheimdienstes landen, was seinen sicheren Tod bedeutet. Denn Ägypten schiebt – trotz geharnischter internationaler Proteste – nach wie vor weiter ungerührt nach Damaskus ab. Wie zuletzt die Insassen eines in Syrien gestarteten Kahns, die von ihren Schleppern auf einer unbewohnten Insel vor der Küste Ägyptens ausgesetzt wurden. Die zu Hilfe gerufene Küstenwache nahm die Gestrandeten fest, unter denen sich zahlreiche fahnenflüchtige Soldaten befanden. Alle wurden innerhalb von Tagen nach Syrien ausgewiesen und dort sofort verhaftet.

Andere sterben auf hoher See, offiziell waren es im vergangenen Jahr 3224, wahrscheinlich jedoch sehr viel mehr. Immer wieder melden sich Kapitäne und Schiffsoffiziere bei Seelsorger Markus Schildhauer, weil sie sich ihren Druck von der Seele reden müssen. Ein Kapitän rettete ein Flüchtlingsschiff vor dem Untergang, auf dem 400 Menschen bereits 16 Tage lang stehend zusammengepfercht unterwegs gewesen waren. Ein anderer Seemann vertraute ihm an, dass in den Gewässern vor Ägypten ständig Leichen im Wasser treiben, darunter vielleicht auch Menschen, die noch leben. „Am liebsten würden wir nur noch nachts von Alexandria auslaufen“, seufzte er, „dann müssen wir das ganze Elend nicht mehr mit ansehen.“