Das Sterben auf dem Mittelmeer geht weiter

Rom..  29 Tote hatte man noch am Montag gezählt, mittlerweile gehen italienische Behörden und Hilfsorganisationen von mehr als 300 aus. Alles Flüchtlinge. Alle umgekommen, wieder einmal, beim Versuch, das Mittelmeer zu überqueren. Die Proteste in Italien gegen die aktuelle „Grenzsicherung“ durch die „Operation Triton“ werden immer lauter; der Leiter des Europa-Büros des UNHCR in Genf, Vincent Cochetel, warnt vor noch mehr Toten, wenn Europa die nach Sicherheit suchenden Menschen „der Barmherzigkeit der See“ überlasse. Sogar bei der EU in Brüssel hieß es gestern: „Beim Thema Immigration müssen Kommission, Mitgliedsstaaten und europäische Einrichtungen mehr tun.“

Der erste Notruf war Sonntagnachmittag per Satellitentelefon in Italien eingegangen. Weil sich die beiden „diensthabenden“ Hochseeschiffe der gemeinsam-europäischen „Operation Triton“ zum Tanken im Hafen befanden, kämpften sich von Lampedusa aus zwei Boote der Küstenwache in Richtung Libyen vor. Seestärke acht, Wellen so hoch wie ein Haus; fünf Stunden brauchten die Mannschaften unter Lebensgefahr für sich selbst – und dann konnten sie nur noch beschränkt helfen: auf der ohne Motor vor sich hintreibenden Barke waren schon sieben Menschen gestorben, und für 22 der anderen Afrikaner war die Rettung auch keine mehr. Ausgemergelt wie sie waren vom zweitägigen Treiben in Eiswind und Wetter, erfroren sie noch auf den Booten der Küstenwache. Warme Kabinen haben diese nicht zu bieten.

Zwei Handelsschiffe – mehr kamen wegen des außergewöhnlich harten Winterwetters gar nicht in der Nähe – retteten zwei weitere Barken, konnten aber nur neun Überlebende bergen. Die anderen, so erzählten diese Männer, seien alle schon tot. Mittlerweile weiß man aus Berichten der Überlebenden, dass am Samstag sogar vier Boote von Libyen aus aufgebrochen sind, „aufbrechen mussten“, wie die Geretteten erzählen: mit Gewalt gedrängt von den Schleusern, jedes Schlauchboot besetzt mit knapp 100 Flüchtlingen, meist aus Schwarzafrika.

Einhelliger Aufschrei

Der Aufschrei in Italien ist einhellig: Da hatte dieses Land – seit der Lampedusa-Tragödie mit 366 Toten im Oktober – eine riesige Operation zur Verhinderung weiterer Katastrophen im Mittelmeer gefahren, große Kriegsschiffe der Marine bis vor die Küsten Libyens und Tunesiens patrouillieren lassen, Zehntausende aus dem Wasser gezogen. Dann, nach einem Jahr und monatlichen Kosten von neun bis zehn Millionen Euro, hatte man „Mare Nostrum“ aufgegeben und alles an die europäische Grenzschutzbehörde „Frontex“ abgetreten. Die investiert für ihre „Operation Triton“ nur drei Millionen Euro pro Monat, hat keinen Auftrag mehr, Flüchtlinge zu retten, sondern nur noch – innerhalb der 30-Meilen-Zone europäischer Hoheitsgewässer bleibend – „die Grenzen zu sichern“. Und schon, so protestieren Politiker und Kirche und Hilfsorganisationen, „geht das Sterben wieder los“.

Widerlegt sieht Italien auch die Kritik an seinem „Mare Nostrum“. Von nördlich der Alpen, auch aus Brüssel, hatte man immer kritisiert, die „Aussicht auf sichere Rettung“ durch italienische Marineschiffe stelle eine Einladung, ja geradezu eine Aufforderung an Schleuser dar, Flüchtlinge loszuschicken. Seit dem 1. November ist „Mare Nostrum“ beendet; derlei spricht sich auch unter Flüchtlingen und Menschenschmugglern unverzüglich herum – und dennoch sind die Zahlen der „Boat People“ seither weiter gestiegen. Mehr als 3800 waren es seit Jahresanfang, eineinhalb mal so viele wie unter „Mare Nostrum“ ein Jahr zuvor.

„Wir wollen Touristen hier und keine Leichen!“, sagt Giusi Nicolini, die viel geprüfte Bürgermeisterin auf Lampedusa: „Triton ist ein Polizeieinsatz, so als ginge es gegen einen bewaffneten Angriff, aber auf dem Meer ist eine große humanitäre Katastrophe im Gange. Dagegen braucht es andere Mittel.“ Zahlreiche Abgeordnete in Rom fordert die Rückkehr zu „Mare Nostrum“ – „ob die anderen europäischen Länder wollen oder nicht, ob es uns Stimmen bringt oder nicht“, wie Ex-Regierungschef Enrico Letta twittert.

In Italien gibt’s aber auch Rechtsextreme wie den Chef der Lega Nord, Matteo Salvini, der sich anschickt, Führer der Opposition zu werden: „Wieder Tote auf den schmutzigen Gewissen der Gutmenschen“, twittert er: „Auch Triton bringt nichts. Stellen wir’s doch gleich ein.“

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