Das sind die gefährlichen Ausweichrouten der Flüchtlinge

Flüchtlinge an der slowenisch-österreichischen Grenze Mitte Februar. Nachdem Slowenien seine Grenzen nicht offen hält, suchen sich viele Migranten nun andere Wege nach Mitteleuropa.
Flüchtlinge an der slowenisch-österreichischen Grenze Mitte Februar. Nachdem Slowenien seine Grenzen nicht offen hält, suchen sich viele Migranten nun andere Wege nach Mitteleuropa.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Die Balkanroute ist praktisch dicht, das zwingt die Menschen auf neue Routen – und in die Hände der Schleuser. Sind sie die Gewinner?

Berlin.. Ihr Ausharren scheint vergebens. Zu Tausenden zelten vor allem Menschen aus Syrien und dem Irak an der griechisch-mazedonischen Grenze. Die Geflohenen wollen weiter – über den Balkan, die meisten nach Deutschland. Doch nun ist die Route, über die 2015 mehr als eine Million Menschen zum Teil mit Zügen von Grenze zu Grenze transportiert wurden, geschlossen. Nach Slowenien und Serbien hat Kroatien die sogenannte Balkanroute abgeriegelt. Auch Mazedonien hat die Grenze geschlossen.

Bundespolizisten registrieren derzeit noch zwischen 160 und 800 Migranten an der deutschen Grenze. Doch Hilfsorganisationen wie Pro Asyl und UNHCR prognostizieren: Die Fliehenden werden sich nicht von geschlossenen Grenzen aufhalten lassen und neue Wege suchen. Doch welche Routen stehen den Menschen offen? Wie gefährlich sind sie? Wie reagieren die Staaten?

• Der Ausweg über Albanien

Fast 150 Kilometer ist die Grenze zwischen Albanien und Griechenland lang. Der Staat könnte ein wichtiges Transitland für Flüchtlinge werden. Von Albanien könnten die Menschen aus Griechenland weiter über Montenegro oder das Kosovo gen Norden fliehen. Die Grenzen seien an vielen Passagen wenig bewacht, heißt es. Zumal Serbien das Kosovo nicht als eigenen Staat anerkennt – und somit auch keine Grenzkontrollen manifestieren will.

Doch Autobahnen oder Eisenbahnschienen fehlen oder sind marode, Migranten stünde eine kräftezehrende Flucht bevor. Zwar sind die gebirgigen Grenzen Albaniens für Polizisten schwer zu überwachen – doch selbst Schlepper können hier kaum agieren. Und: Weiter im Norden halten Kroatien und Slowenien ihre Grenzen geschlossen.

• In Schlauchbooten nach Italien

Von Albanien aus könnten Flüchtlinge auch in Schlauchbooten illegal das Meer nach Italien überqueren. An manchen Orten trennen die beiden Küsten nur 50 oder 70 Kilometer. Als Anfang der 1990er Jahre der Sozialismus zerbrach, flohen Zehntausende Albaner nach Italien über diese Route. Bei vielen Flüchtlingen ist Albanien jedoch gefürchtet: Die Menschen hätten Angst vor der Mafia, die Schlauchboote nach Italien für Drogenschmuggel nutzte.

Zudem würden die Schleuser hohe Preise verlangen, erzählen Geflohene. Italienische Zeitungen berichten, dass Geheimdienste bereits Schleppergeschäfte über Albanien und das Meer registrieren. Der albanische Regierungschef kündigte an, sein Land werde den Transit von Flüchtlingen „mit allen Mitteln“ verhindern.

• Per Schiff aus Griechenland

Wer nicht die Route über Albanien riskieren will, könnte es illegal mit einem Schiff aus den griechischen Häfen nach Italien versuchen. Doch auf diesem Seeweg sind die Schiffe für Überfahrten deutlich größer als die winzigen Schlauchboote, die in der Türkei in Richtung griechische Inseln ablegen. Doch je größer das Schiff, desto größer das Risiko entdeckt zu werden. Schleuser boten in der Vergangenheit für viel Geld Plätze auf Containerschiffen an – ohne Garantien und auch hier mit dem hohen Risiko für den Flüchtling, zwischen der Ladung entdeckt zu werden.

Derzeit wird dieser Weg laut Hilfsorganisationen kaum genutzt. Noch vor gut einem Jahr, als kaum jemand über den Balkan floh, erreichte ein Frachter die italienische Küste mit 800 Migranten. Er trieb führerlos auf See.

• Flucht über den Osten

Nur wenige flohen bisher über Rumänien und Bulgarien – auch aus Angst. Menschenrechtler kritisierten die bulgarische Polizei, Flüchtlinge geschlagen und sogar ausgeraubt zu haben. Die Regierung wies diese Anschuldigungen deutlich zurück. Und doch halten sich bei den Geflohenen Gerüchte. Je größer die Verzweiflung der Menschen in den überfüllten Lagern in Griechenland, desto mehr könnte aber der Weg über den Ostbalkan in ihren Fokus geraten.

Und Migrationsexperten warnen: Wo es keine geduldeten Fluchtrouten gebe, würden Flüchtlinge in die Hände der Schleuser getrieben. Und die arbeiten oft kriminell. In Bulgarien berichteten Menschenrechtler sogar von Entführungen. Das türkische Militär ist an der Landgrenze zu Bulgarien massiv präsent. Vereinzelnd versuchen Menschen in Booten, die Küste von Bulgarien oder Rumänien über das Schwarze Meer zu erreichen. Ungarn rief den Krisenzustand aus. So könne die Regierung bis zu 1500 Soldaten an der rumänischen Grenze postieren. Derzeit rechne die Regierung in Budapest allerdings nicht mit einem starken Andrang.

Und sogar noch weiter in Richtung Nordosten brechen Flüchtlinge auf: aus der Türkei fliehen sie über Georgien und Russland zur finnischen Grenze: die sogenannte „Eisroute“. 2015 erreichten etwa 5500 Asylsuchende Norwegen. Gut 700 Menschen versuchten es über Russland in Finnland. Norwegen reagierte bereits mit der Grenzschließung.

• Von Afrika nach Europa

Bevor Menschen über die Balkanroute flohen, war der gefährliche Seeweg von Tunesien oder Libyen nach Italien der größte Fluchtweg. Mehr als 218.000 Flüchtlinge kamen 2014 über das Mittelmeer – viele Syrer, aber auch aus Eritrea, Somalia oder Senegal. Auch aus Marokko und Algerien brachen Menschen auf teilweise schrottreifen Booten in Richtung italienische und spanische Küste auf. 3500 ertranken laut UN auf der Flucht.

Nordafrika könnte nun wieder zum „Hotspot“ dieser Krise werden, wenn Syrer, Afghanen und Iraker über Ägypten ins kriegsgeplagte Libyen fliehen. Weil dort der Staat nicht funktioniert, haben Schlepper ein leichtes Spiel. Italien schlägt bereits Alarm. Das Land fürchtet, in eine ähnlich isolierte Situation wie Griechenland zu geraten – vor allem wenn Österreich die Route über den Brenner schließt. Dann müssten die Flüchtlinge in Italien ausharren.