Das Ruhrgebiet verschläft seine Anti-Pegida-Demo

Hamburger Bürger demonstrieren gegen die islamfeindliche Pegida-Bewegung.
Hamburger Bürger demonstrieren gegen die islamfeindliche Pegida-Bewegung.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Überall gehen Menschen für Weltoffenheit auf die Straße. Ausgerechnet im traditionell toleranten Revier macht keiner was. Warum eigentlich?

Essen.. Was sagen wir im Ruhrgebiet, wenn uns heute noch einer mit dem verstaubten „Kohlenpott“-Image kommt? Wenn ein Bayer, ein Schwabe, ein Sachse dem Revier nicht traut, vor allem aber ihm nichts zutraut? Wir sagen ihm erstens, dass unser Himmel je nach Wetterlage auch blau und die Landschaft fast durchgehend grün ist. („Vor Arbeit ganz grau“ waren wir früher mal, beim alten Grönemeyer). Und wir sagen zweitens (mit vor Stolz geschwellter Brust), dass wir die allertoleranteste Gegend in Deutschland sind. Oder in Europa. Vielleicht sogar in der ganzen Welt.

Denn so heißt es ja in fast jeder festlichen Ansprache der Revier-Oberbürgermeister, bei jeder zweiten Jubilarehrung, bei Stadtteilfesten: Wir an der Ruhr sind vielleicht nicht fein und reich, aber wir sind sozusagen die „Integrationsweltmeister“. Bei uns waren immer alle willkommen: Rheinländer, Polen, Italiener, Türken, Evangelische, Katholiken, Muslime. Wir sind ja alle nur Zugezogene.

Seit Montag habe ich so meine Zweifel am Argument Nummer zwei. Denn wenn es tatsächlich so ist, dass wir Ruhris die Weltoffenheit seit mehreren Generationen mit der Muttermilch einsaugen, warum hat es das Revier dann eigentlich noch nicht geschafft, eine oder mehrere Anti-Pegida-Demos auf die Straßen zu bringen?

Die Bayern schaffen es, das Ruhrgebiet schafft es nicht

Mahnwache Bevor jetzt einige vorschnell sagen „Wo keine Demo ist, brauchen wir auch keine Gegendemo“ oder „Pegida gibt’s bei uns ja gar nicht, eben weil wir ja so tolerant sind“, mögen sie bedenken: in Münster demonstrierten Anfang Januar 10 000 Menschen gegen Pegida, obwohl es Pegida dort gar nicht gab; in München sagten am vergangenen Montag 20 000 „München ist bunt“. Wohlgemerkt: Das war südlich des „Weißwurstäquators“, in einer Gegend, die manch ein Nordrhein-Westfale gerne mal als hinterwäldlerisch verspottet. Bayern halt, ha, ha. Leipzig mobilisierte 30 000. Und Düsseldorf, die schöne, reiche Stadt am Rhein, bringt es – naja – immerhin auf fast 6000 Demonstranten. Hätte das Dortmund, Essen, Duisburg, Bochum, Gelsenkirchen nicht auch gut gestanden?

Pegida Die Voraussetzungen für eine Anti-Pegida-Kundgebung sind an der Ruhr günstig, zumindest aber nicht schlechter als in München, Münster oder in Köln. Studenten und Akademiker gibt es hier reichlich, auch viele Kreative und Künstler, Unternehmer, Gewerkschafter, Menschen, die es gewohnt sind, über den regionalen Tellerrand hinaus zu schauen. Bürger also, die sich nicht so leicht von dumpfen, menschenfeindlichen Parolen einlullen lassen. Dresden hat so gut wie keine Migranten, im Ruhrgebiet gibt es sie. Auch sie könnten (und viele von ihnen würden wohl gern) gegen Pegida aufstehen.

Das Publikum ist da, allein es fehlt der Aufruf

Das Publikum wäre also da, man könnte es jederzeit auf die Straße bringen, allein es fehlt der Aufruf. Ausgerechnet aus der „Herzkammer der Sozialdemokratie“ kommt kein Anstoß für eine Toleranz-Demonstration. Zurückhaltung üben auch andere im Ruhrgebiet, die solch eine öffentliche Meinungsäußerung jederzeit auslösen könnten: der DGB, die Studierendenvertreter, die großen Unternehmen, der RVR, Borussia Dortmund, Schalke 04, die Kirchen. Herr Ruhrbischof, würden Sie sich an die Spitze einer Anti-Pegida-Demo in Essen stellen? Präses Kurschus, wie wäre es mit einer Demo in Dortmund? Mehr Mut scheint angebracht, denn die Zeiten sind so. Deutschland ist aufgebracht, aber das Revier dämmert im Winterschlaf.

Demonstrationen Es gab mal diesen schönen Gewerkschafter-Spruch: „Mach meinen Kumpel nicht an.“ In diesem Satz steckt eine Menge Ruhrgebiet: Arbeit, Kollegialität, Solidarität, freche Klappe, klare Ansage. Nun ist, überall im Land, der Zusammenhalt in Gefahr. Da sät Pegida Misstrauen gegen Menschen, die nicht den Glauben der Mehrheit haben, die vielleicht anders aussehen und als Kinder nicht unbedingt Max und Moritz gelesen haben. Der Kumpel wird also mal wieder massiv angemacht. Wäre es nicht an der Zeit, im Ruhrgebiet ein Zeichen zu setzen? Spätestens am 19.1. - wenn Pegida in Duisburg marschieren will, wäre eine Gelegenheit.