Das Rätsel um die Spuren des NSU wird immer größer

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Nach dem spektakulären Fund im Fall Peggy stellt sich die Frage: Warum wurde an anderen NSU-Tatorten keine DNA von Uwe Böhnhardt gefunden?

Berlin.. Nach der Entdeckung von DNA-Spuren des rechtsextremen Terroristen Uwe Böhnhardt am Fundort der Leiche der 2001 getöteten Schülerin Peggy Knobloch fragen sich die Ermittler: Hat er das Mädchen getötet? Dass der Verdacht bestehe, dass Böhnhardt der Mörder der kleinen Peggy sei, „ist unfassbar“, sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU).

Unfassbar ist indes auch, dass zu den Anschlägen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) jede DNA-Spur von Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe fehlt, obwohl dem Trio 15 Banküberfälle, zehn Morde und zwei Sprengstoffanschläge zwischen 2000 und 2007 zur Last gelegt werden. An nicht einem einzigen der 27 Tatorte wurde eine DNA-Spur von ihnen gefunden: keine Fingerabdrücke, keine Hautschuppen oder Härchen, kein Tropfen Speichel oder Schweiß, kein Blut. Auch an keiner der Tatwaffen.

Hatte der NSU mehr als drei Mitglieder?

Das trieb schon den NSU-Untersuchungsausschuss um. Dort sagte der DNA-Spezialist des Bundeskriminalamts (BKA), Carsten Proff, dies sei „ungewöhnlich“, aber erklärbar: Handschuhe, Masken und Sturmhauben könnten das Zurücklassen von DNA-Spuren verhindern. Aber man müsse sich dazu sehr anstrengen und extrem vorsichtig sein.

Ein weiteres Rätsel gibt den Ermittlern die DNA-Probe P46 auf. An einer Socke im ausgebrannten Wohnmobil des NSU-Trios wurde DNA von Beate Zschäpe gefunden sowie anonyme DNA. Diese und viele andere Spuren, die niemanden zuzuordnen sind, lassen bis heute vermuten, dass die Terrorzelle mehr als drei Mitglieder gehabt haben könnte. Gab es unbekannte Mittäter?

Binninger fordert neue Untersuchung

Der Vorsitzende des NSU-Untersuchungsausschusses im Bundestag, Clemens Binninger (CDU), fordert neue Untersuchungen der DNA-Spuren. Es sei unbefriedigend, dass nur die DNA von sieben der 14 Beschuldigten im NSU-Prozess in der BKA-Datenbank gespeichert seien und zur Recherche genutzt werden könnten, sagte er.

Bei den Morden über sieben Jahre waren die Täter immer nach einem ähnlichen Schema vorgegangen: Zu zweit kamen sie an den Tatort, meist ein Geschäft eines türkischen Betreibers. Die Waffen waren oft schallgedämpft, mit gezielten Schüssen töteten sie die Opfer, machten an mehreren Tatorten noch Fotos, verschwanden wieder.

Von diesem Schema wichen die Täter aber beim Polizistenmord in Heilbronn ab. Er war 2007 die letzte Bluttat des Trios – und wirft besonders viele Fragen auf, wie die Rekonstruktion des Falles zeigt.

Eiskalter Polizistinnen-Mord

Am 25. April 2007 sitzt die Polizistin Michèle Kiesewetter in Uniform in ihrem Dienstwagen und raucht. Es ist ein BMW 5er-Kombi, Kennzeichen GP-3464. Sie ist nicht allein, neben ihr, auf dem Beifahrersitz, raucht auch ihr Kollege, Martin A. Es ist 14 Uhr, die beiden Streifenpolizisten hatten bei einer Bäckerei ihr Mittagessen eingekauft, waren am Bahnhof vorbeigefahren und hatten ihren Wagen auf der Theresienwiese in Heilbronn geparkt, im Schatten eines Stromverteilerhäuschens.

Die Ermittler finden die Kippen auf den Sitzen und auf dem Boden an der Fahrerseite ein angebissenes Brötchen. Mit gezielten Schüssen in den Kopf werden die beiden Polizisten getroffen. Die beiden Täter müssen sich von hinten von beiden Seiten an den Streifenwagen angeschlichen haben, fast gleichzeitig drücken sie ab. So steht es in den Polizeiakten zu dem Fall, die dieser Redaktion vorliegen. Auf der Beifahrerseite greift der Mörder nach der Dienstwaffe von A., mit Gewalt zerrt er sie aus dem Holster, eine Schraube reißt aus dem Leder. Auch der Täter auf der Fahrerseite raubt die Pistole der Polizistin. Dann ergreifen die beiden Mörder die Flucht. Kiesewetter stirbt, ihr Kollege überlebt schwer verletzt.

Anonyme Spuren geben Rätsel auf

Die Täter hätten nur „mittels brachialer körperlicher Gewalt“ die Dienstwaffen erbeuten können, heißt es in den Akten. Sie rüttelten an den Opfern, berührten die Sitze und Uniformen, alles musste schnell gehen. Trotzdem findet man auch in Heilbronn keine DNA-Spur von Mundlos und Böhnhardt. Binninger verwundert das. „Wir wissen bis heute nicht, von wem die anonyme DNA am Oberkörper des schwer verletzten Polizisten stammt“, sagt er im Gespräch mit dieser Redaktion. Das gelte auch für die Spuren im Wohnmobil, in dem die Mörder 2007 nach Heilbronn fuhren. „Obwohl sich die Täter fast zehn Tage in diesem Wohnmobil aufgehalten haben, fand sich keine DNA von Mundlos und Böhnhardt“, sagt Binninger. Stattdessen auch hier: anonyme Spuren.

Auch die Grünen-Politikerin Irene Mihalic und ihr SPD-Kollege Uli Grötsch nennen das „außergewöhnlich“ und „kaum vorstellbar“. Über Jahre hatte das Trio Hilfe im Untergrund, war in der rechten Szene vernetzt. „Das spricht für weitere Mittäter“, sagt Grötsch. Aber er sagt auch: Beweise dafür gibt es nicht.

BKA hat nur wenige DNA-Proben von Neonazis

Irene Mihalic hebt hervor, dass der Ausschuss beim Nachforschen zu den NSU-Spuren auf „Widerstände“ stoße. Nur von wenigen Neonazis aus dem Umfeld des Trios seien Spuren in der DNA-Analysedatei der Polizei erfasst. Ermittler erstellten eine Liste von 129 Personen: das Trio, weitere Angeklagte in München, aber auch Leute aus dem Umfeld des NSU. Doch nur von 19 dieser Personen würden beim BKA die DNA-Proben vorliegen. All das erschwert es, die bisher unbekannten Spuren an den Tatorten Personen zuzuordnen.

Die rechtlichen Hürden sind hoch, um die DNA von einem Menschen in Dateien der Polizei zu speichern. Ein Verdacht reicht nicht; auch nicht, Teil der Neonazi-Szene zu sein. 1998 richtete das BKA eine Datenbank ein, mittlerweile sind dort mehr als eine Million Proben erfasst. Vor allem bei Sexualverbrechen ist eine Spur hilfreich. Aber eine DNA-Spur sagt nichts darüber aus, wie sie an einen Tatort gelangt ist. Auch Rettungssanitäter und Polizisten hinterlassen Spuren.

DNA-Analyse kann kompliziert sein

Binninger fordert, dass Polizei und Justiz weitere DNA prüfen – soweit es rechtlich geht. Von BKA-Mitarbeitern, die an den Tatorten waren. Aber auch von Neonazis, die aus dem Umfeld des NSU bekannt sind. Zur Not solle man eben an Freiwilligkeit appellieren. BKA-Experten berichten im NSU-Ausschuss allerdings darüber, wie kompliziert die Analyse der DNA-Spuren sein kann, gerade bei dieser Mordserie. Als Ermittler die von Zschäpe in Brand gesetzte Wohnung des Trios durchforsteten, waren viele Spuren durch Feuer oder Löschwasser zerstört. Die von den Terroristen gemieteten Wohnmobile hatten über die Jahre neue Mieter, die Spuren waren verwischt oder durch Sonnenstrahlen zerstört.

Heute müssen Kriminalisten vieles mühsam rekonstruieren, was lange her ist. Die gravierenden Fehler der Ermittler wurden nicht bei der DNA-Analyse begangen – sondern bei der Verfolgung des Trios im Untergrund. Allein im Fall Heilbronn sicherte die Sonderkommission „Parkplatz“ Hunderte Spuren, 54 Ordner umfassen die Prozessakten. Mit Wattestäbchen machten Ermittler „Abriebe“ an Gürtel, Jacke und Schuhen der Opfer, fanden Schmauchspuren und Hautpartikel, untersuchten DNA-Spuren von Zigarettenschachteln, Wodkaflaschen und Plastiktüten.

Heiße Spur entpuppte sich als Fehler

Heiße Spuren entdeckten die Ermittler nicht. Außer einer. Am Wagen der beiden Polizisten stellten Spurensicherer eine DNA fest, die sie später in ihrer Datei entdeckten. Eine unbekannte weibliche Person – die Spur „uwP“. Ihre DNA ordneten Ermittler seit 1993 auch zwei Tötungsdelikten sowie mehreren Einbrüchen zu. Zwei Jahre lang jagten die Ermittler ein Phantom. Dann wurde klar: Die Frau arbeitete beim Hersteller der Polizei-Wattestäbchen. Ihre DNA stammt aus der Fabrik.

Eine ähnliche Erklärung wird im Fall „Peggy“ allerdings ausgeschlossen. Vielmehr lenkt der Fund die Aufmerksamkeit der Ermittler auf einen neuen Verdacht: War Uwe Böhnhardt etwa auch noch ein Kindermörder?