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Das Licht des Wissens

31.01.2011 | 17:01 Uhr
Das Licht des Wissens
Foto: Torsten Silz/ddp

Die Rede von Monika Maron bei der Verleihung des Lessing-Preises des Staates Sachsen am 22. Januar, über die Freundschaft zwischen Gotthold Lessing und Moses Mendelssohn. Der Westen dokumentiert.

Im Jahr 1729 wurden in Deutschland zwei Knaben geboren – Gotthold in Kamenz, Moses in Dessau –, die fünfundzwanzig Jahre später in Berlin eine Freundschaft begründen sollten, die einzigartig war in ihrem freiheitlichen Geist und ihrer Unvoreingenommenheit, die eine Demonstration dessen war, was das Lebenswerk beider Männer später prägte: das Ringen um Aufklärung und Toleranz.

Beide kamen aus streng religiösem, wenig bemitteltem Elternhaus, Lessing aus dem lutherisch-orthodox geprägten Pfarrhaus in Kamenz, Moses aus dem Dessauer Ghetto, wo sein Vater als Toraschreiber die Familie mühsam ernährte.

Als sich Lessing und Moses Mendelssohn 1754 in Berlin trafen, hatten sich beide mit bestaunenswertem Furor und in einem Alter, das wir fast noch der Kindheit zurechnen, ihren Weg aus der Enge ihrer Herkunft und durch das Dickicht gesellschaftlicher Beschränkungen geschlagen. Als Moses’ Lehrer, der Dessauer Landesrabbiner David Fränkel, nach Berlin berufen wurde, sah sein stotternder vierzehnjähriger Schüler mit der schmächtigen Gestalt und dem gekrümmten Rücken für sich keine andere Möglichkeit, als dem Licht des Wissens, das ihm in die Dessauer Judengasse gefallen war, in einem dreitägigen Fußmarsch nach Berlin zu folgen. Fränkel hatte ihn mit den Lehren des Maimonides von Cordoba bekannt gemacht, einem mittelalterlichen jüdischen Theologen und Philosophen, der durch eine allegorische Auslegung der Tora die biblische Offenbarung mit den Erkenntnissen der Naturwissenschaften und der Philosophie in Einklang bringen wollte ; für Moses der erste Ausweg aus dem erstarrten Gebäude der jüdischen Orthodoxie.

Und der Pfarrerssohn Lessing, dessen Bildungsweg hingegen dank eines Stipendiums über die Fürstenschule St. Afra in Meißen führte, war nach halbherzigen Studien der Theologie und Medizin dem familiär vorgegebenen Lebensplan in die anrüchige Welt des Theaters, zur Schauspieltruppe der Caroline Neuber entflohen, die seinem freiheitlichen Temperament und seiner Neugier auf die Welt mehr zu bieten hatte als die reine akademische Gelehrsamkeit.

Ein Arzt machte die beiden miteinander bekannt

Was immer es war, das Lessing befähigte, dem verwachsenen kleinen Juden Moses ganz und gar vorurteilsfrei gegenüberzutreten, als der jüdische Arzt Aaron Gumpertz die beiden miteinander bekannt machte – ob die gemeinsame Erfahrung bedrückend religiöser Enge und erlittener Armut, ob der gleiche Bildungshunger – auf jeden Fall war Lessing in Moses Mendelssohns Leben der erste Deutsche, der ihm von Anfang an ohne jeden Vorbehalt begegnet ist.

Schon 1749, also fünf Jahre bevor er Moses traf, hatte Lessing das Stück „Die Juden“ geschrieben, in dem er die Welt auf den Kopf stellte und einer hässlichen christlichen Umwelt einen idealen Juden präsentierte. Aus Geldmangel wohnte Lessing im Berliner Judenviertel, wo er auch den gebildeten, reichen und weltläufigen Aaron Gumpertz kennengelernt hatte, und man darf annehmen, dass es außer seiner tiefen Ablehnung christlich-religiöser Anmaßung diese Erfahrung war, die Aufklärung und Judenemanzipation für ihn dauerhaft miteinander verband.

Der Ruf Friedrichs des Großen als aufgeklärter Monarch und Freund Voltaires verschleiert im historischen Rückblick oft die elenden und entwürdigenden Bedingungen, unter denen die Juden in Berlin lebten. Unterteilt in sechs Klassen, von denen nur die wenigen Schutzjuden mit nennenswerten staatsbürgerlichen Rechten bedacht waren, lebten die meisten gesellschaftlich verachtet und isoliert, ohne Sicherheiten, ohne Freizügigkeit, viele sogar ohne das Recht zu heiraten. Vor diesem Hintergrund ist die offene Freundschaft und der leidenschaftliche geistige Austausch zweier junger Männer, die nicht nach religiöser Abstammung fragten, ein revolutionärer Akt aufgeklärter Humanität, das gelebte Beispiel dessen, was in den gebildeten Berliner Zirkeln zwar zaghaft diskutiert, aber nicht gewagt wurde. Gemeinsam mit dem Verleger Friedrich Nicolai gaben sie die Zeitschrift „Briefe, die neueste Literatur betreffend“ heraus, entwickelten eine Theorie zum bürgerlichen Trauerspiel und gleichzeitig eine Streitkultur, die wesentliches Merkmal dieser Freundschaft war: die Wahrheit suchen im Streit der Meinungen, die auch da ertragen werden mussten, wo sie unvereinbar blieben.

Die Vision von einem gleichberechtigten Zusammenleben

Die gedankliche Verbundenheit zwischen beiden hielt auch der räumlichen Trennung stand, als Lessing in Breslau, Hamburg, später in Wolfenbüttel lebte.

In der Figur des Nathan verewigte Lessing seinen Freund Moses Mendelssohn und die gemeinsame Vision von einem friedlichen und gleichberechtigten Zusammenleben der drei großen monotheistischen Religionen, darstellbar allerdings nur als eine märchenhafte Parabel.

Und Mendelssohn schrieb nach Lessings Tod an dessen Bruder: „Mit gerührtem Herzen danke ich der Vorsehungfür die Wohltat, dass sie mich so früh, in der Blüte meiner Jugend, hat einen Mann kennen lassen, der meine Seele gebildet hat, den ich bei jeder Handlung, die ich vorhatte, bei jeder Zeile, die ich schreiben sollte, mir als Freund und Richter vorstellte, und den ich mir zu allen Zeiten noch als Freund und Richter vorstellen werde, so oft ich einen Schritt von Wichtigkeit zu tun habe.“

Warum diese so ungewöhnliche wie fruchtbare Freundschaft in der kulturellen deutschen Erinnerung von der Dichterfreundschaft zwischen Goethe und Schiller zu allen Zeiten nicht nur überschattet, sondern verdeckt wurde, lässt sich wohl nur zum Teil mit dem fortlebenden Antisemitismus und dem moralischen Schock, der auf die Judenvernichtung im Nationalsozialismus folgte, beantworten. Wahrscheinlich entsprachen die politische Polemik und streitbare Wahrheitssuche der Berliner Freunde auch weniger dem Ideal und Harmoniebedürfnis des Bildungsbürgertums und seiner Vorstellung von der reinen Kunst.

Die Freundschaft als Gleichnis für die heutige Zeit

Nach 1945 erschwerte die Last der Schuld an den Juden die Würdigung eines Moses Mendelssohn, dessen großes Werk der jüdischen Aufklärung und Emanzipation die Katastrophe ja nicht verhindert, in den Augen mancher sogar befördert hatte.

Aber spätestens jetzt, da die Themen und Konflikte der europäischen Aufklärung unversehens in unsere Gesellschaft zurückgekehrt sind und wir fast 260 Jahre nach Lessings und Mendelssohns erster Begegnung in Berlin wieder mit einer Religion konfrontiert sind, der die große Errungenschaft der Aufklärung, die Trennung von Staat und Kirche, fremd ist, wäre es an der Zeit, in der Freundschaft der beiden nach dem Gleichnis zu suchen, das uns zu der Antwort verhilft, die wir brauchen.

Nun unterscheidet sich die gegenwärtige Lage der Muslime in Deutschland sowohl juristisch als auch gesellschaftlich grundsätzlich von der Situation der Juden im 18. Jahrhundert. Sie sind gleichberechtigte Staatsbürger oder, wenn sie keine deutschen Staatsbürger sind, doch ausgestattet mit allen bürgerlichen Rechten. Sie müssen sich Bildung nicht wie Mendelssohn als Autodidakten aneignen, alle Schulen und Universitäten stehen ihnen offen, vorausgesetzt sie selbst bringen die nötige Bildungsanstrengung auf. Vergleichbar ist die Situation aber insofern, als auch heute die Idee der Aufklärung kollidiert mit den weltlichen und politischen Ansprüchen einer Religion. Während das Christentum und das Judentum nach zähen Kämpfen den säkularen Gedanken und die Gültigkeit universaler Menschenrechte in ihre Heilslehre integriert haben, hat der Islam seit dem 12. Jahrhundert jeden Versuch einer philosophischen Auseinandersetzung mit seinen religiösen Schriften verhindert.

Wegweiser für den Umgang mit einer unaufgeklärten Religion

Zur gleichen Zeit wie der Jude Maimonides lebte in Cordoba der islamische Philosoph Averroes, der wie jener für eine aufgeklärte Lesart religiöser Texte und die Trennung von Offenbarung und Philosophie plädierte. Averroes wurde verbannt, seine Schriften verbrannt, die seitdem zwar, wie auch die Schriften des Maimonides europäische Philosophen wie Thomas von Aquin inspirierten, im islamischen Denken aber nie wieder belebt wurden. Es gab keinen Moses Mendelssohn des Islam.

Wie aber geht eine aufgeklärte säkulare Gesellschaft mit einer unaufgeklärten Religion um, deren radikaler Flügel zudem im Namen der Religion Krieg gegen die Welt führt, auch gegen die islamische, wo sie den eigenen radikalen Parolen und Machtinteressen nicht bedingungslos folgt.

Seit einiger Zeit steht die Aufklärung in der öffentlichen Debatte unter der Anklage des Fundamentalismus. Aber was sollte das heißen bei gesetzlich garantierter Religionsfreiheit? Ist vielleicht die Forderung nach Toleranz fundamentalistisch? Ist es fundamentalistisch, die Gleichheit der Geschlechter zu fordern oder zu verlangen, dass andere Religionen nicht diffamiert oder gar verfolgt werden? Verlangen wir zu viel, wenn wir von einer unaufgeklärten Religion, die in unsere Gesellschaft einzieht, erwarten, dass sie alle Gesetze, aber auch alle Werte achtet, die dieser Gesellschaft als schützenswert gelten?

Ich spreche hier nicht von den Muslimen schlechthin, schon gar nicht von allen Zuwanderern aus muslimischen Ländern. Ich spreche von den Muslimen, die offen und weniger offen die westlichen Werte diskreditieren, eben die Errungenschaften der Aufklärung wie die Religionsfreiheit, die Meinungs- und Pressefreiheit, die individuellen Rechte eines jeden Menschen und die Verantwortung für das eigene Leben.

Eine Parallele zu heutigen Problemen mit dem Islam

Als Moses Mendelssohn die Erneuerung des Judentums in Angriff nahm, hatte er nicht nur gegen den mächtigen preußischen Staat zu kämpfen, sondern auch gegen das starke orthodoxe Rabbinat, dessen Interesse auf die religiöse und soziale Abgrenzung des Judentums gerichtet war. Eine allgemeine Bildung und die Kenntnis der deutschen Sprache bargen die Gefahr der Annäherung aufbruchbereiter Juden an die deutsche Gesellschaft, was auch von jüdischer Seite nicht gewollt war.

Und hier zeigt sich wohl die deutlichste Parallele zu unserem Problem mit dem Islam und Teilen unserer muslimischen Bevölkerung. Im Verständnis des Islam gehört jeder Moslem zuerst der Umma, der weltweiten Glaubensgemeinschaft der Muslime an. Die Religionszugehörigkeit reglementiert alle anderen Beziehungen gläubiger Muslime, das Verhältnis zum Staat, zur Gesellschaft, zur Familie. Das Interesse der religiösen Führer und Funktionäre der islamischen Verbände ist also auf den Zusammenhalt der Umma gerichtet und da, wo sie in nichtmuslimischer Umgebung lebt, auf Abgrenzung von der andersgläubigen oder atheistischen Welt. Ein sichtbares Zeichen der Abgrenzung ist das Kopftuch der Mädchen und Frauen, mangelnde Sprachkenntnis verhindert den Kontakt zur deutschen Gesellschaft, und eingeforderte Privilegien, die immer nur die religiöse Gemeinschaft, nicht das Individuum betreffen, zementieren die eigene Andersartigkeit, oft gepaart mit einem extremen Nationalismus des Herkunftslandes.

Unabhängig von den Schwierigkeiten, die ein Leben in einem anderen Land mit einer fremden Kultur, der Wechsel aus zurückgebliebenen ländlichen Regionen in moderne Großstädte ohnehin mit sich bringt, sind Muslime dem Druck und der Indoktrination durch die eigene Community ausgesetzt. Wer die universalen Menschenrechte auch für Muslime, besonders für muslimische Frauen verlangt, wie Ayaan Hirsi Ali oder Necla Kelek, wer vom Islam den Verzicht auf seinen politischen Anspruch und den Rückzug auf seine Spiritualität fordert, wer also für die Aufklärung des Islam eintritt, wird von den Wächtern des Islam diffamiert, verleumdet und in den vom Islam beherrschten Ländern verfolgt, eingesperrt oder getötet.

Die lebensnotwendige Auseinandersetzung nicht ersticken

Unterstützt werden sie dabei von den deutschen und europäischen Propagandisten der Toleranz gegenüber der Intoleranz und der Gleichwertigkeit aller Kulturen, die in der Aufklärung offenbar nichts anderes sehen als einen neuen religionsähnlichen Fundamentalismus oder eine moderne Form des Kolonialismus. Kritik am Islam gleich Islamophobie gleich Rassismus – das ist die Formel, mit der sie die lebensnotwendige Auseinandersetzung zu ersticken versuchen. Dabei ist das koloniale Gedankengut doch eher bei den Verteidigern kultureller Reservate zu finden als bei jenen, die gleiche Rechte für alle fordern. Oder wie soll man erklären, dass muslimische Mädchen im Kindesalter und gegen ihren Willen verheiratet werden dürfen, europäische natürlich nicht? Dass muslimische Frauen von ihren Männern geschlagen werden dürfen, europäische natürlich nicht? Dass Europäer das Recht auf freie Meinungsäußerung haben, die Menschen in islamischen Ländern natürlich nicht? Das alles auch im Namen des Islam. Es gibt nicht einen vernünftigen Grund, den unaufgeklärten Islam mit seinem Herrschaftsanspruch gegenüber dem Individuum und der Gesellschaft nicht zu kritisieren, sofern Muslime von uns als gleichberechtigte Menschen angesehen werden. Nicht die als Hassprediger und heilige Krieger beschimpften Kritiker des Islam denken rassistisch, sondern jene, die der ethnischen und religiösen Herkunft mehr Bedeutung zumessen als den individuellen Menschenrechten, die, indem sie vorgeben, eine andere Kultur zu schützen, die Freiheitsrechte der in dieser Kultur gefangenen Menschen opfern.

Wir brauchen die Solidarität der Aufgeklärten. Unsere Antwort auf den Islam kann nicht die Rückbesinnung auf den christlichen Glauben sein, wie es die Kanzlerin empfohlen hat. Unsere Antwort finden wir bei den großen Aufklärern Lessing und Mendelssohn, bei Wilhelm von Humboldt und Rahel Varnhagen. Wir brauchen die Solidarität und Freundschaft aller, die für ein freiheitliches, säkulares Europa streiten, unabhängig von ihrer Herkunft und ihrem Glauben. Unser Beistand gilt denen, die um eine Freiheit kämpfen müssen, die zu den Selbstverständlichkeiten unseres Lebens gehört und die wir zu verteidigen haben.

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