Das Kalifat des Terrors zerbröselt

Hagen..  Am 4. Juli 2014 erklomm ein bärtiger Mann die Kanzel der Al-Nouri-Moschee in Mossul. Sein schwarzes Gewand und sein schwarzer Turban sollten ihn als Nachfahren des Propheten Mohammed ausweisen. Abu Bakr al-Baghdadi, der Führer der Terrororganisation Islamischer Staat (IS), zeigte sich an diesem Tag das erste und einzige Mal der Öffentlichkeit. Er erklärte sich in salbungsvollen Worten zum „Kalifen aller Gläubigen“.

Nicht mehr weit entfernt

Nicht nur die muslimische Welt war schockiert. Anscheinend aus dem Nichts war der IS wie eine Urgewalt über den Irak hinweggefegt. Etwas mehr als zwei Jahre später ist der Nimbus der Dschihadisten Geschichte, das Kalifat zerbröselt. Der Sturm auf seine letzte Hochburg im Irak hat begonnen. Mossul steht vor dem Fall.

Insgesamt sollen in der Region um die 60 000 kurdische und irakische Soldaten und Milizionäre zusammengezogen worden sein. Unterstützt werden sie aus der Luft von der US-geführten Koalition, am Boden sind amerikanische, französische und britische Spezialkräfte im Einsatz, kanadische Sanitätseinheiten helfen mit mobilen Lazaretten. Sowohl die Kurden als auch die zentralirakische Armee erzielten gestern im Laufe des Tages erhebliche Geländegewinne und sollen teilweise nur noch 20 Kilometer vom Stadtrand Mossuls entfernt sein.

Das Ziel ist, den Belagerungsring um Mossul noch enger zu ziehen. Die kurdischen Peschmerga sollen allerdings ebenso wie die schiitischen Milizen nicht in die Stadt eindringen, in der fast ausschließlich sunnitische Araber leben. Die irakische Regierung will vermeiden, dass der Kampf einen ethnischen oder konfessionellen Charakter bekommt und sich die Bevölkerung aus Angst vor Vergeltungsaktionen hinter den IS stellt.

In Mossul sollen sich nach unterschiedlichen Schätzungen noch 4000 bis 20 000 Kämpfer des IS aufhalten. Sie sollen die Stadt schwer gesichert haben, mit Barrieren, Tunnel- und Grabensystemen, Minenteppichen und Sprengfallen. Kurdische Generäle befürchten, dass die Befreiung der Stadt selbst Wochen, wenn nicht Monate dauern und zu einem blutigen Häuserkampf ausarten könnte.

Die Kampfmoral der Dschihadisten scheint aber gelitten zu haben. Ein Iraker, der unter dem Pseudonym „Mosul Eye“ seit vielen Monaten aus der Stadt berichtet, vermeldete gestern, dass die Kämpfer des IS aus dem Straßenbild verschwunden seien. Ein großer Konvoi mit IS-Kämpfern habe die Stadt Richtung Westen verlassen, Richtung Syrien.

Bis zu zwei Millionen Menschen sollen sich noch in Mossul aufhalten, die Vereinten Nationen befürchten ein neues Flüchtlingsdrama. Er sei „extrem besorgt wegen der Sicherheit“ der Zivilbevölkerung, teilte gestern UN-Nothilfekoordinator Stephen O’Brien mit. Für den Fall von Häuserkämpfen warnen die Vereinten Nationen davor, dass „Zehntausende Mädchen, Jungen, Frauen und Männer“ zwischen die Fronten geraten oder als menschliche Schutzschilde benutzt werden könnten.

Ausreichend gewappnet für einen neuen Flüchtlingsansturm ist die Region nicht. Obwohl die UN-Organisation OCHA schon seit dem Sommer um Mittel für die Unterbringung von Flüchtlingen wirbt, ist nur ein Bruchteil der benötigten Summe zusammengekommen – bislang existieren nur Unterkünfte für wenige zehntausend Familien. Die Vereinten Nationen rechnen aber im schlimmsten Fall mit bis zu einer Million Hilfesuchenden.