Das hässliche Gesicht Europas

An der italienischen Riviera räumen Polizisten mit Gewalt ein Camp von Flüchtlingen, die nicht nach Frankreich einreisen durften. Der deutsche und der französische Innenminister denken laut über das Ende der Reisefreiheit in Europa nach. In Berlin beerdigt ein Künstlerkollektiv die Leichen von Menschen, die auf der Flucht gestorben sind, eine Aktion, die als Protest gegen ein Europa verstanden werden soll, das sich immer mehr abschottet, das zu einer Festung wird. Die Flüchtlingsdebatte wird hysterisch. Milliarden sind ausgegeben worden für meterhohe Zäune, für hoch entwickelte Überwachungsanlagen, für den Aufbau der Grenzschutzbehörde Frontex. Die Armen, Verfolgten, Bedrängten kommen trotzdem. Sie riskieren es, zu sterben oder interniert zu werden, weil dieses Europa für sie ein Sehnsuchtsort ist, die Verheißung von Frieden, Sicherheit und Glück.

Es werden in Zukunft noch mehr Flüchtlinge, Glücksritter, Auswanderer nach Europa drängen. Sie werden Europa verändern. Es liegt an den europäischen Regierungen, wie diese Veränderung geschehen wird. Herrscht weiter der knüppelharte Egoismus, der die Flüchtlingsdebatte derzeit beherrscht, wird das neue Gesicht Europas ein hässliches sein. Solidarität in schwierigen Zeiten, das war auch eine Vision, die am Anfang der Europäischen Union stand. In der Flüchtlingsdebatte kämpft aber mittlerweile jedes Land für sich alleine. Flüchtlinge werden verschoben und verschachert wie angefaulte Lebensmittel. Das Europa dieser Tage bespuckt den Friedensnobelpreis, den es erhalten hat.