Das Ende von „Chimerica“
16.02.2010 | 16:44 Uhr 2010-02-16T16:44:00+0100
Washington.Manchmal muss man Rückgrat beweisen. Für Obama ist dieser Moment im Verhältnis zu China gekommen. Ein Jahr lang hatte er Peking diplomatisch umschmeichelt, sogar ein Treffen mit dem Dalai Lama hatte er vor seiner ersten China-Visite im letzten November eigens verschoben. Viel Ärger nahm er daheim dafür in Kauf.
Der Kuschelkurs mit den Chinesen hat ihm im Gegenzug wenig eingebracht. Von seiner Peking-Visite kam Obama mit leeren Händen zurück. Und auf der Kopenhagener Klimakonferenz im Dezember musste er sich von den selbstbewussten chinesischen Unterhändlern abkanzeln lassen. Nun reicht’s. Mit gezielten Nadelstichen provoziert Obama nun seinerseits den machtbewusst auftretenden Rivalen aus dem Reich der Mitte. Schon wieder vorbei scheint die schwärmerische Vorhersage, dass die Allianz der beiden mächtigsten Staaten des Planeten als Doppel-Supermacht „Chimerica“ das Weltgeschehen einvernehmlich dominieren werden. Die Liste der Konflikte wird statt dessen fast täglich länger, der Ton schärfer.
US-Waffenverkäufe an Taiwan, der Empfang des Dalai Lama am Donnerstag im Weißen Haus, die Rückendeckung Washingtons für Googles Kurs gegen Pekings Zensurkorsett, saftige Strafzölle auf chinesische Waren – all dies soll Chinas Führung, aber auch dem heimischen Publikum zeigen, dass Obama sich nicht alles bieten lässt. Innenpolitisch sammelt der angeschlagene Präsident damit Punkte. Wie einst mit Blick auf Japan in den 80er-Jahren, wächst in der US-Öffentlichkeit das Unbehagen über den Aufstieg Chinas, das sich um Menschenrechte ebenso wenig schert wie um seine politische Verantwortung in Krisenherden.
Zehn Prozent Arbeitslosigkeit in den USA, fast zehn Prozent Wachstum in China – das sind Zahlen, die Ängste schüren, abgehängt zu werden. Obama trägt dieser Stimmung Rechnung. „Ich werde niemals einen zweiten Platz für die USA akzeptieren“, hatte er in seiner Regierungserklärung im letzten Monat mit Blick auf China betont. Dabei ist auch der US-Präsident bemüht, den Konflikt nicht eskalieren zu lassen. „Ein Entscheidungskampf schadet beiden Seiten“, warnte die „Washington Post“.
Ernsthaft überrascht dürfte Peking ohnehin nicht sein, dass Obama den Dalai Lama empfängt. Bislang hat noch jeder US-Präsident in der jüngeren Geschichte das Oberhaupt der Tibeter auf US-Boden begrüßt. Obama, überdies Friedensnobelpreisträger wie sein tibetischer Gast, reiht sich in diese Tradition ein.
Dass Peking dennoch Übel nimmt und seit Tagen aus allen medialen Rohren trommelt und droht, sieht Washington gelassen. Obamas Sprecher Robert Gibbs sprach von einer „reifen Beziehung, in der man natürlich nicht immer einer Meinung sein muss“. Dass Peking ungeachtet der heftigen Kritik an dem milliardenschweren Waffenpaket für Taiwan wiederum „grünes Licht“ für den Besuch des US-Flugzeugträgers „Nimitz“ in Hongkong gab, sieht Washington als Zeichen, dass auch die kommunistischen Machthaber kein Interesse daran haben, dass sich der Streit irreparabel hochschaukelt.
Beide Länder brauchen einander, die USA hängen längst am chinesischen Tropf. Mit gut 800 Milliarden Dollar stehen die hoch verschuldeten USA bei ihren chinesischen Kreditgebern in der Kreide. China wiederum braucht den US-Markt für seine Export-Industrie.
Dollar gegen Yuan
Dabei liegen beide gerade in Handels- und Währungsfragen über Kreuz. Obama pocht darauf, dass China den unterbewerteten Yuan endlich aufwertet, um sich nicht weiter Exportvorteile zu verschaffen. Peking kontert kühl, die USA täten zu wenig, um den schwachen Dollar zu stützen. Aufsteiger gegen Absteiger – so mag man den Poker um Macht und Einfluss in China sehen. Doch ohne Gegenwehr wird der alte Platzhirsch USA seinen Rang als globale Nummer eins nicht räumen.

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