Das Drama der Griechen

Stünde nicht so viel auf dem Spiel, könnte man versucht sein, von einer Komödie zu sprechen. Dabei ist es bestenfalls eine Tragikomödie, aus der schnell ein Trauerspiel werden könnte. Während die Akteure um Worte feilschen – Hilfsprogramm, Kreditprogramm, Brückenprogramm –, gerät aus dem Blick, worum es in Wirklichkeit geht: die Stabilität des Euro, die Zukunft der Währungsunion und, was meist ausgeblendet wird, das Schicksal der Griechen. Ihnen droht bei einem „Grexit“, der Rückkehr zur Drachme, der Absturz in noch größeres Elend als es das vermeintliche Rettungsprogramm in den vergangenen Jahren schon über das Land gebracht hat.

Das kann Europa nicht kalt lassen. Es droht mehr als der Totalverlust der gewährten Hilfskredite. Wenn das politische Gefüge in Griechenland ins Wanken gerät und extremistische, anti-europäische Kräfte die Oberhand gewinnen, werden sich die Schockwellen sehr schnell auf dem ganzen Kontinent verbreiten.

Natürlich: Die neue Athener Regierung agiert nicht geschickt. Sie ist unerfahren, sie macht Fehler. Der Linkspopulist Alexis Tsipras glaubte offenbar anfangs, Europa erpressen zu können. Da täuscht er sich. Der Wahlsieg seines Linksbündnisses Syriza mag für ihn ein Triumph sein, und Umfragen zeigen, dass Tsipras inzwischen noch mehr Zustimmung findet als es das Wahlergebnis zeigt. Aber das Votum der Griechen setzt die Regeln Europas nicht außer Kraft. Das muss der griechische Premier nun nach und nach erkennen.

In einem Punkt kann man Tsipras aber schwer widersprechen: Das bisherige Hilfskonzept ist gescheitert. Der brutale Sparkurs hat Griechenland in die tiefste und längste Rezession gestürzt, die ein europäisches Land in Friedenszeiten je erleben musste. Die Arbeitslosenquote hat sich verdreifacht, Hunderttausende Familien sind von Armut bedroht, Lebensentwürfe wurden zerstört. Das ist das eigentliche Drama der Griechen.

Die bisher verabreichte Medizin stärkt den griechischen Patienten nicht, sie schwächt ihn. Mehr davon zu verabreichen, könnte ihn umbringen. Daran kann gerade den Gläubigern nicht gelegen sein. Tsipras hat bereits Wasser in seinen Ouzo gegossen, wie der Antrag auf Verlängerung des Hilfsprogramms zeigt. Jetzt muss die EU einen Schritt auf die Griechen zugehen. Die Gläubiger sollten den Spardruck zurücknehmen. Die Athener Regierung braucht finanziellen Spielraum, um die sozialen Härten der Krise zu mildern und den gesellschaftlichen Frieden zu wahren. Zugleich muss sie allerdings Reformen umsetzen, die dem Land nachhaltiges Wachstum und die Bedienung der Schulden sichern.

Allen muss daran gelegen sein, die Krise zu entschärfen. Zwar meinen manche Experten, ein „Grexit“ sei zu verkraften, ein Dominoeffekt nicht zu befürchten. Sicher kann sich allerdings keiner sein, welche Folgen eine Staatspleite Griechenlands für die anderen Problemländer und die Währungsunion als Ganzes hätte. Will man das wirklich ausprobieren?