Das Dilemma um Annette Schavans Doktortitel

Die Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf entscheidet über ein Verfahren zur Entziehung des Doktorgrades von Bundesbildungsministerin Schavan.
Die Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf entscheidet über ein Verfahren zur Entziehung des Doktorgrades von Bundesbildungsministerin Schavan.
Foto: dapd
Was wir bereits wissen
Die Uni Düsseldorf ringt um ein offizielles Titel-Aberkennungsverfahren für die Bundesbildungsministerin Annette Schavan – und kämpft dabei um die Schadensbegrenzung für alle Beteiligten. Am Dienstag soll die Entscheidung fallen, ob ein Verfahren zur Entziehung des Doktortitels gegen Schavan eingeleitet wird.

Düsseldorf.. Der Schein der akademischen Normalität soll gewahrt bleiben. Als der Rat der Philosophischen Fakultät am Dienstagnachmittag in der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf zu seiner turnusmäßigen Sitzung zusammenkommt, wird an der Tagesordnung nicht gerüttelt. Punkt für Punkt soll das Gremium unter Führung des Althistorikers und Dekans Bruno Bleckmann seine Tischvorlage abarbeiten. Top eins bis sechs.

Dabei will der deutsche Wissenschaftsbetrieb an diesem Tag nur eines wissen: Ja oder Nein? Wird die Universität Düsseldorf ihrer ehemaligen Studentin, der aus Neuss stammenden Annette Schavan, den Doktortitel aberkennen oder zumindest ein Verfahren hierzu einleiten? Wird es zu dem beispiellosen Vorgang kommen, dass ausgerechnet die Wissenschaftsministerin der Wissensnation Deutschland des akademischen Frevels überführt wird? Wird hier und heute der Anfang vom Ende der politischen Karriere einer langgedienten CDU-Politikerin und Kanzlerinnen-Vertrauten ausgerufen?

Enthüllungsplattform „Vroniplag“ gab den Anstoß

Der 19-köpfige Fakultätsrat, der sich aus Professoren, Uni-Mitarbeitern und Studenten zusammensetzt, hat nur noch wenig Bewegungsspielraum, als er pünktlich um 14.30 Uhr im Erdgeschoss des Gebäudes 25.22 zusammentritt. Vor der Sitzungstür kauern Dutzende Journalisten auf dem roten Backsteinboden und starren die kargen Betonwände an. Entschlossen dreinblickende Männer einer eigens engagierten Sicherheitsfirma halten sie auf Abstand.

Draußen auf dem verschneiten Parkplatz haben zwischen den Kleinwagen der Studenten wuchtige Übertragungsfahrzeuge aller großen Fernsehstationen Position bezogen. Heute muss eine Entscheidung her in einer Plagiatsaffäre, die bereits vor einem Jahr auf der Enthüllungsplattform „Vroniplag“ im Internet ihren Lauf nahm.

Plagiatsaffäre Schavan sieht sich durch Plagiatsvorwürfe in ihrer wissenschaftlichen Integrität getroffen

Anonyme Plagiatsjäger wollten in Schavans Doktorarbeit zahlreiche Textbausteine gefunden haben, die nicht korrekt zitiert oder deren geistiges Eigentum bewusst verschleiert wurde. Die Ministerin hatte 1980 als 25-Jährige mit der Arbeit „Person und Gewissen“ im Fach Erziehungswissenschaften den Doktortitel erworben. Die Dissertation war zugleich Schavans Studienabschluss, was damals nach der Integration der Fachhochschule Neuss in die Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität noch möglich war. Schavan sieht sich durch die Plagiatsvorwürfe in ihrer wissenschaftlichen Integrität getroffen und bat die Uni Düsseldorf schon vor Monaten um offizielle Prüfung. Ihr Doktorvater Gerhard Wehle verteidigt die Arbeit bis heute als „in sich stimmig“.

Mit der Prüfung der 32 Jahre alten Doktorarbeit begann nicht nur die Beschädigung der Wissenschaftsministerin, auch für die Uni Düsseldorf steht plötzlich der gute Ruf auf dem Spiel. Denn im Herbst des vergangenen Jahres machte sich der Vorsitzende des Promotionsausschusses, der Judaistik-Professor Stefan Rohrbacher, ziemlich engagiert ans Werk.

Er durchleuchtete die 350 Seiten starke Schavan-Arbeit offenbar im Stile der Internet-Plagiatsjäger, markierte unsaubere Zitate, suchte Textstellen in der Ursprungsliteratur und kam in einer Tischvorlage für den Promotionsausschuss bereits zu einem vernichtenden Urteil: Schavan habe in ihrer Dissertation eine „leitende Täuschungsabsicht“ gezeigt. Diese ehrabschneidende Bewertung fand fatalerweise den Weg in die Presse. Schavan schaltete Anwälte ein. Gerüchte über ein politisch motiviertes Verfahren machten sogleich die Runde.

Doktorarbeit Keine Rücksicht auf Prominenten-Status' Schavans

Seither findet die Uni Düsseldorf nicht mehr zur Ruhe. Renommierte Wissenschaftsorganisationen kritisieren, dass der fachfremde Promotionsausschuss-Vorsitzende Rohrbacher selbst die Erstprüfung vorgenommen habe. Ein unabhängiges Zweitgutachten eines Pädagogik-Professors sei zwingend gewesen. Andere monierten, der wissenschaftliche Wert der Arbeit, die damals den Stand der Literatur habe referieren wollen, sei nicht berücksichtigt worden. Zudem sei außer Acht geblieben, dass die Zitierpraxis des Jahres 1980 mit Zettelkästen nicht mit heutigen Standards vergleichbar sei. Geraunt wurde überdies von einer persönliche Vorgeschichte Rohrbachers, der Schavan in den achtziger Jahren in der Neusser Kommunalpolitik schon einmal begegnet sein soll.

Der Düsseldorfer Uni-Rektor Hans Michael Piper beteuerte stets das „ordnungsgemäße Verfahren“ ohne Rücksicht auf den Prominenten-Status’ Schavans. Der Mediziner, der die Hochschule seit 2008 führt, ließ dennoch mit dem Staatsanwalt nach undichten Stellen in den Uni-Gremien fahnden. Wer lanciert ständig Interna zu der delikaten Angelegenheit an die Öffentlichkeit? Ein eigens eingeholtes Gutachten des Wissenschaftsrechtlers Klaus Gärditz soll der Uni bescheinigen, dass es im Umgang mit der Wissenschaftsministerin zu keinen „rechtlich relevanten Verfahrensfehlern“ gekommen sei.

„Leitende Täuschungsabsicht“ oder „schlampiges Zitieren“

Dennoch sieht sich der Fakultätsrat, der eigentlich unabhängig ist wie kaum ein anderes Gremium im Wissenschaftsbetrieb, am Dienstag ziemlich eingemauert in der „Causa Schavan“. Der Promotionsausschuss hatte einstimmig für die Einleitung eines Verfahrens zur Aberkennung der Doktorwürde plädiert. Erstgutachter Rohrbacher ist zudem stellvertretender Vorsitzende des Fakultätsrats. Wie soll man bei dieser Ausgangslage noch anders können, als das Aberkennungsverfahren auch tatsächlich zu eröffnen, ohne die gesamte Uni der Lächerlichkeit preiszugeben?

Längst gilt als ausgemacht, dass es ein Riesenfehler war, dass Rohrbacher quasi im Alleingang ein vernichtendes Erstgutachten schrieb und dies nicht einmal unter Verschluss halten konnte. Zwar berichtete die „Süddeutsche Zeitung“ pünktlich zur Fakultätsratssitzung am Dienstag, der Promotionsausschuss habe den Vorwurf der „leitenden Täuschungsabsicht“ inzwischen abgeschwächt in „schlampiges Zitieren“. Bestätigen mag das niemand. Und: Wer attestiert der Wissenschaftsministerin schon gerne, dass sie das Handwerk des wissenschaftlichen Arbeitens nicht beherrsche?

Ziel: Zeit gewinnen

So steht am frühen Dienstagabend, als sich die Sitzung des Fakultätsrates bereits drei Stunden hinzieht, eines fest: Als strahlender Gewinner werden weder Schavan noch die Heinrich-Heine-Universität aus diesem Fall hervorgehen. Als wahrscheinlichstes Szenario galt deshalb, dass Dekan Bleckmann einen dritten Weg zwischen sofortiger Aberkennung der Doktorwürde und Freispruch aufzeigen würde: Die Uni würde das Aberkennungsverfahren formal eröffnen, aber auf die „Ergebnisoffenheit“ verweisen, weitere Gutachten und Befragungen ankündigen. Alle Beteiligten gewönnen Zeit.

Ob das Schavan, die einst zum weitaus klareren Plagiatsfalls des gestürzten Ministerkollegen Karl-Theodor zu Guttenberg hämisch gesagt hatte, sie schäme sich „nicht nur heimlich“, wirklich aus der Bredouille helfen würde? In den kommenden Monaten des Bundestagswahlkampfes mag man sich das kaum vorstellen.