Das 87-Milliarden-Euro-Risiko

Hagen..  Nein, Sorgen müsse sich niemand machen. Das vermittelt zwar Kanzlerin Merkel. „Alle Spekulationen mit riesigen Milliardenbeträgen sind aus der Luft gegriffen“, sagte sie in dieser Woche, in der sich der Schuldenstreit mit Griechenland so verhärtet hat. Dann fügte sie hinzu: „Wenn Belastungen kommen, dann sehr spät und in überschaubarer Form.“ Doch um wie viele Milliarden, wenn nicht heute, so doch in einigen Jahren, geht es?

Mit welcher Summe Deutschland am Ende haften muss, hängt auch davon ab, wie der Konkurs abläuft: Wird Griechenland zahlungsunfähig? Verlässt das Land den Euro-Raum? Bei einem Grexit erhöht sich das Haftungsrisiko. Schlimmstenfalls geht es laut Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung um rund 87 Milliarden Euro.
Risiko 1: Das erste Hilfsprogramm
Zu allererst stünden die Kredite im Rahmen der beiden Hilfspakete im Feuer. Es war im Jahr 2010 als die Europartner und der Internationale Währungsfonds IWF 73 Milliarden Euro überwiesen. Deutschland war daran mit knapp 29 Prozent beteiligt, also 15,2 Milliarden Euro. Damit bürgt Deutschland für Kredite, die an Griechenland weitergereicht wurden. Bedient die Regierung in Athen sie nicht, muss das Deutschland tun.


Risiko 2: Der Rettungsschirm
Das zweite Hilfsprogramm – das über den von den Euro-Partnern gegründeten Rettungsschirm EFSF läuft und nun endet – hat bisher ein Volumen von 142 Milliarden Euro erreicht. Deutschland haftet für 38,5 Milliarden Euro. So droht Deutschland aus beiden Hilfsprogrammen zusammen ein Schaden von rund 53 Milliarden Euro. Addiert man den rechnerischen deutschen Anteil an IWF-Krediten hinzu, kommen noch einmal ein bis zwei Milliarden Euro hinzu.


Risiko 3: Staatsanleihen
Möglicherweile ist das aber nicht alles. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat für 20 Milliarden Euro griechische Staatsanleihen gekauft. Andere Notenbanken im Euroraum halten weitere griechische Staatsanleihen. Diese Papiere wären im Fall einer Pleite zunächst wertlos. Für den Bundesfinanzminister, so sagen die Ifo-Experten, liegt dieses Risiko bei etwa 4,5 Milliarden Euro.

Und dann gibt es laut Ifo-Institut möglicherweise auch noch Verluste aus Finanzaktionen der griechischen Zentralbank. 30 Milliarden Euro davon müssten von Deutschland getragen werden. Ob das wirklich auf den Steuerzahler zurückfällt, ist unter Ökonomen umstritten.


Das Gesamtrisiko
Die Ifo-Experten kommen jedoch im schlimmsten Fall auf ein Gesamtrisiko in Höhe von 87 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Für Frankreich sind es 66,5 Milliarden, für Italien 58 Milliarden, und für Spanien rund 40 Milliarden.


Die Fristen
Die Zahlungen werden frühestens ab dem Jahr 2020 fällig – und sie ziehen sich dann schrittweise über Jahre verteilt. Meistens liegt die Summe zwischen ein und zwei Milliarden Euro, mal auch darunter, aber nie über drei Milliarden. Von daher erklärte das Finanzministerium, Sparer und Steuerzahler müssten sich keine Sorgen machen. Wolfgang Schäubles „schwarze Null“, der ausgeglichene Staatshaushalt ist sein Prestigeprojekt, sei nicht in Gefahr.