Co-Pilot riss 149 Menschen mit in den Tod

Marseille/Berlin.. Der Co-Pilot der über Frankreich abgestürzten Germanwings-Maschine hat den Airbus mit 150 Menschen an Bord mit Absicht auf Todeskurs gebracht. „Es sieht so aus, als ob der Co-Pilot das Flugzeug vorsätzlich zum Absturz gebracht und so zerstört hat“, sagte Staatsanwalt Brice Robin gestern in Marseille. Der 27-Jährige sei zu dem Zeitpunkt allein im Cockpit und der Pilot aus der Kabine ausgesperrt gewesen. Warum der Mann die Maschine in die Katastrophe steuerte, ist unklar. Hinweise auf einen Terrorakt gibt es laut Ermittlern und Bundesinnenministerium nicht.

Nach den Auswertungen der Stimmen-Black Box von Flug 4 U 9525 steht fest: Der 27-jährige Andreas Lubitz aus Montabaur im Westerwald hat sich bewusst allein im Cockpit eingeschlossen, als der Flugkapitän nach Erreichen der Reiseflughöhe auf die Toilette musste. Dann ließ Lubitz den Germanwings-Airbus 320 in die Bergwand fliegen.

Knapp, aber detailliert hat Staatsanwalt Robin berichtet, was am Dienstagmorgen zwischen 10.30 Uhr und 10.40 Uhr über Südfrankreich vorging:

Nachdem der Kapitän das Cockpit verlassen hat, löst Lubitz „den automatischen Sinkflug aus. Das kann nur absichtlich geschehen“. Als der Kommandant wieder ins Cockpit will, reagiert sein Stellvertreter bewusst nicht. „Lass mich rein“, ruft der Kapitän, klopft leise, dann laut. Er tritt gegen die Tür. Vergeblich. „Man hört ihn nur atmen“, sagt Robin über den Co-Piloten. Regelmäßig und normal sei das gewesen „bis zum endgültigen Aufprall“. Erst kurz vor dem Aufprall habe man auch Schreie aus der Kabine wahrnehmen können.

In seiner Heimat galt Andreas Lubitz als ruhiger Typ, er war ein begeisterter Segelflieger. Auffällig nur: Er hat seine Ausbildung bei der Lufthansa für ein halbes Jahr unterbrochen, musste dann noch einmal eine psychologische Prüfung machen. Über die Gründe schweigt die Lufthansa. Medienberichten zufolge soll Lubitz psychische Probleme gehabt haben. Die Polizei durchsuchte gestern sein Appartement in Düsseldorf und das Haus seiner Eltern in Montabaur.

„Eine schier unfassbare Dimension“ nannte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Nachricht aus Marseille. Fassungslos reagierten auch Angehörige, Freunde und Mitschüler der Opfer, von denen 64 aus NRW stammen.

Ins Zentrum der Debatte rückt die spezielle Technik der Cockpit-Tür. Sie ist seit den Terroranschlägen des September 2001 vorgeschrieben. Die Türen sind seither nur von innen zu öffnen. Von außen geht das nur durch Codes. Doch diese Verschlüsselungen sind wiederum durch eine Blockade („Lock“) aus dem Cockpit auszuhebeln. In Luftfahrtkreisen wird darüber debattiert, nachdem ein ähnlich verlaufener Piloten-Selbstmord 2013 in Südafrika Dutzende Tote gefordert hatte. Strittig ist auch, dass in Deutschland – anders als in den USA – der Aufenthalt einer zweiten Person im Cockpit während des Fluges nicht zwingend vorgeschrieben ist.

Doch das soll sich jetzt ändern: Die „größten deutschen Fluggesellschaften“ würden die Zwei-Personen-Regel im Cockpit nun einführen, kündigte am Abend der Hauptgeschäftsführer des „Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft“ an.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben uns nach eingehender, kontroverser Diskussion dazu entschlossen, das Bild des Co-Piloten zu zeigen und seinen vollen Namen zu nennen. Die zentrale Frage, die wir uns gemeinsam mit unseren Lesern stellen, war und ist: Wer ist zu einer solchen Tat fähig? Wir hatten und haben abzuwägen zwischen dem Recht der Familie des mutmaßlichen Täters, geschützt zu werden, und dem Recht der Öffentlichkeit, alle relevanten Informationen zu erhalten. In diesem Fall haben wir uns für eine umfassende Veröffentlichung in Wort und Bild entschieden. Angesichts des Ausmaßes der Tragödie sehen wir Andreas Lubitz als eine Person der Zeitgeschichte.