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Christel Bienstein prägt die Altenpflege im Revier

10.09.2012 | 19:25 Uhr
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Christel Bienstein prägt die Altenpflege im Revier
Prof. Christel Bienstein, Leiterin des Departements für Pflegewissenschaft der Uni Witten/Herdecke.Foto: Ingo Otto

Witten.   Sie bekam den „Pflegepreis 2011“ für ihren beispiellosen Einsatz. Sie hat Missstände entdeckt und abgestellt. Sie macht junge Menschen fit für einen schweren Beruf: Christel Bienstein aus Witten gehört zu den großen Zupackern im Revier. „Wir alle sind gefragt“, betont die Professorin.

Die Mundwinkel sind ständig in Bewegung und die vielen feinen Lachfältchen in den Augenwinkeln verraten, dass Christel Bienstein meistens gut aufgelegt ist. So wie an diesem Spätsommer-Nachmittag, als die Sonne das Dachzimmer der Universität Witten/Herdecke bereits ordentlich aufgeheizt hat. Schnell ist das Gespräch bei ihrem Lieblingsthema angelangt: nämlich beim rasanten demografischen Wandel im Ruhrgebiet.

Die Gesellschaft altert zwischen Hagen und Duisburg besonders schnell, für die Pflegewissenschaftlerin Christel Bienstein ist das allerdings kein Grund, ein Klagelied einzustimmen, im Gegenteil. „Das Ruhrgebiet“, sagt sie, „ist für mich ein einziges Labor“. Und Christel Bielstein ist d i e Expertin beim Thema Pflege – im Ruhrgebiet, in NRW und darüber hinaus.

Serien-Start
Die Zupacker im Revier - von Ulrich Reitz
Die Zupacker im Revier - von Ulrich Reitz

Das Revier ist sozial geteilt wie früher Berlin politisch. Und nicht nur nördlich des Sozialäquators A 40 wird es in bestimmten Vierteln Besorgnis erregend – perspektivlos. Aktuell in Duisburg-Hochfeld, wo ein türkischer Mittelstand zunehmend lauter klagt gegen zugezogene Rumänen und Bulgaren, von denen viele einfach nur herumhängen. Jedenfalls geht mit den fehlenden Chancen auf Dauer flöten, was das Ruhrgebiet nicht nur ausgemacht, sondern ausgesprochen stark gemacht hat. Die Mentalität und Gewissheit, es aus eigener Stärke und Anstrengung zu einer selbstbestimmten Existenz zu schaffen.

Im Revier liegt das Gute neben dem Schlechten. In Duisburg, in Rheinhausen, brummt die Logistik, wo vor 15 Jahren Arbeiter vergeblich für ihr Stahlwerk stritten. In Dortmund das Technologiezentrum mit jetzt 8500 Beschäftigten, die, dank kluger Stadtpolitik, nebenan auch noch schön wohnen können. In Bottrop das Energie-Vorzeigeprojekt Innovation City, angekurbelt und befeuert von den Unternehmen der Region (und das lange vor der Energiewende der Bundesregierung nach dem Fukushima-Schock). In Bochum entsteht ein Gesundheitszentrum. Neben jeder Misserfolgs-Geschichte steht fast immer auch eine Erfolgsstory. So wird es wohl weiter gehen. Ankommen wird das Revier wohl nie.

Wenn wir als WAZ, als Klammer des Reviers, jetzt in einer Serie zehn Anpackern (wir bitten jene um Entschuldigung, die dieses Mal nicht dabei sein können) Gesicht und Stimme geben, dann wollen wir keine Kuschelgeschichten reportieren. Wer, wie Christel Bienstein, aus den negativen Folgen des demografischen Wandels lebensdienlichen Fortschritt gewinnt, der hat ja deshalb nicht unbedingt ein leichtes Leben. Und für Gustav Dobos war es schon ein heftiger Kampf, bis er in Essen-Steele seine Naturheil-Klinik aufmachen konnte und auch noch von seinen Kollegen dafür anerkannt wurde.

Die Zupacker im Revier sind also ganz sicher keine blinden Optimisten. Aber unverdrossene Lebenspraktiker. Es sind Typen. Typisch für unsere Region. Viel Vergnügen bei der Lektüre.

Bielsteins großes Ziel ist, dass die alten, pflegebedürftigen, auch dementen Menschen so lange wie möglich in ihren Wohnungen bleiben, ohne dass Angehörige, die sich um sie kümmern, selbst an den Rand der Erschöpfung gelangen. „Wir brauchen mehr Menschen, die dabei mithelfen“, sagt Bienstein. Damit meint sie Nachbarn und Hausärzte, aber auch Pfarrer und Städteplaner, Fußpflegerinnen und Friseure.

„Wir alle sind gefragt“

„Wir alle sind gefragt“, betont die Professorin. Sie spricht es nicht aus, doch was sie meint, ist nicht schwer zu erraten: Altenheime mit ihren festen Tagesabläufen, den regelmäßigen Arztbesuchen, den starren Regeln sind ihr ein Gräuel – ebenso wie die praktischen Kurzhaarschnitte, die auf der Schnelle den alten Menschen verpasst werden. Alte Menschen sollten die Frisur tragen, die ihrem Lebenslauf entspreche, sagt sie. Ihr geht es um nicht um Pragmatismus oder Mode, sondern um Würde, um Respekt. Gemeinsam mit einem Berliner In-Friseur veranstaltete sie jüngst ein Fotoshooting mit eben diesem Anspruch. Ein Bildband, sagt sie, sei bereits in Arbeit.

Das Shooting ist ein Beispiel für die unkonventionelle Herangehensweise, gekoppelt mit einem genauen Blick auf die Schwachstellen. Den hat sie sich als junge Frau angewöhnt, als sie als Krankenschwester auf Intensivstationen arbeitete. Nachdem eine schwere Allergie gegen Desinfektionsmittel sie berufsunfähig machte, sattelte sie um, studierte Pädagogik und leitete bis zur Berufung an die Wittener Universität im Jahr 1993 das Bildungszentrum des deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe in Essen.

„Was mich in diesen Jahren erschütterte, war die große Unwissenheit über die richtige Pflege“, sagt die heute 60-Jährige. Damals, in 80er-Jahren, trugen Schwestern noch einen Mundschutz, wenn Fäden gezogen wurden. „Das ist völliger Unsinn“, erklärte Christel Bienstein den angehenden Pflegern, die, sagt sie, von unwissenden Ärzten zu oft völlig falsch unterwiesen wurden. Überhaupt die Mediziner. Lange Zeit sei sie für ihre Forschungen belächelt worden, obwohl ihre Arbeiten wegweisend für die Pflege sind.

Die Sache mit den Betten

Beispiel Basale Stimulation, ein Konzept, das auf Massage, Waschungen und Einreibungen beruht. Sie hat es für die Pflege weiterentwickelt. „Mit den richtigen Griffen und Aktionen bewege man selbst Menschen, die „sonst nicht in die Socken kommen“. Bienstein machte die atemstimulierende Einreibung bekannt und übertrug die Norton-Skala ins Deutsche – das Standardwerk zur Einschätzung der Dekubitusgefährdung (Wundliegegeschwür) in der Pflege.

Beispiel Krankenhausbetten: Nachdem Bienstein beobachtete, dass der Winkel der hochgestellten Pflegebetten irgendwie nicht zur Körpergröße der Patienten passte, dass sie „irgendwie komisch im Bett hingen“, veranlasste sie die Vermessung von 400 Patienten und wandte sich an Bettenhersteller. Inzwischen passt der Winkel der Betten, für Menschen über zwei Meter gibt es Sondermaße.

Erst Ausbildung, dann Studium

Seit 1995 nun können sich Menschen im Wittener Institut weiter spezialisieren. Die Forschungen gehen weiter, bei den Medizinern im selben Haus ist sie längst anerkannt, „wir arbeiten inzwischen Hand in Hand“, sagt Bienstein. Sie berät die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Barbara Steffens, trägt das Bundesverdienstkreuz und hat eine weitere Honorarprofessur an der Universität Bremen.

Im vergangenen Jahr überreichte ihr der Deutsche Pflegerat den „Pflegepreis 2011“ für „ihren beispiellosen Einsatz.“ Den schätzen auch ihre Studenten und wissenschaftlichen Mitarbeiter, die bei Christel Bienstein Bachelor- und Masterabschlusse machen und promovieren. „Meine Studenten sind oft Menschen, die nach einer Ausbildung zum Krankenpfleger an die Uni kommen“, sagt Bienstein. Natürlich wollten sie fit sein für Führungsaufgaben. „Aber in erster Linie wollen sie einfach ihren Job gut machen.“

Birgitta Stauber-Klein

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