Das aktuelle Wetter NRW 22°C
Demonstrationen

China erstickt Proteste im Keim

27.02.2011 | 19:41 Uhr

Peking.   Inspiriert von den Unruhen im arabischen Raum haben in Peking per Internet Menschen zu Versammlungen aufgerufen. Die Staatsmacht reagierte mit abgeriegelten Straßen, verschärften Kontrollen und Festnahmen von ausländischen Journalisten.

So sauber war die Wangfujing-Straße im Zentrum Pekings lange nicht: Mit Reinigungswagen, die immer wieder Wasser auf der Fußgängerzone versprühten, versuchten Pekings Sicherheitskräfte gestern, eine Gefahr zu bannen, von der niemand wusste, ob sie überhaupt drohte.

Zum zweiten Mal hintereinander hatten Unbekannte im Internet zu „Spaziergängen“ aufgerufen. Die Teilnehmer sollten sich „lächelnd und plaudernd“ an einem Platz ihrer Stadt einfinden, hieß es in dem Appell, der über die chinesisch-sprachige Webseite „boxun.com“ verbreitet wurde. „Boxun.com“ wird von chinesischen Regierungskritikern in den USA betrieben.

Die Organisatoren nannten die „Montagsspaziergänge“ in der DDR vor dem Fall der Mauer 1989 als Beispiel zivilen und friedlichen Ungehorsams. Angeregt wurden sie durch die Jasmin-Revolutionen in Nordafrika. Ihr Ziel seien demokratische Reformen, mehr Freiheit und Gerechtigkeit, hieß es.

Aber auch die Staatsmacht liest das Internet – und war mit einem Großaufgebot erschienen: Hunderte Polizisten in Uniform und Zivil kontrollierten gestern am frühen Nachmittag ausländische Journalisten und riegelten die Straße ab. Später stieß eine Truppe der „Bewaffneten Polizei“, einer Spezialeinheit der Armee, dazu. Mehrere Korrespondenten – darunter auch Teams der deutschen Fernsehsender ARD und ZDF – wurden stundenlang festgenommen. Zivilpolizisten schubsten andere Berichterstatter rau beiseite, ein Kameramann wurde ins Gesicht geschlagen.

„Sind Sie ein gewöhnlicher Bürger?“

Es war nicht klar, wie viele Chinesen überhaupt dem Aufruf folgten, der für insgesamt 23 Städte Chinas galt. „Warum dürfen wir hier nicht durch?“, fragten sichtlich verwirrte Passanten die Polizisten, die ihnen den Weg in die Einkaufsmeile versperrten. Antwort: „Sind sie ein gewöhnlicher Bürger?“

Eines war allerdings unverkennbar: Die Angst der Regierung, aus den „Spaziergängen“ könnte sich eine echte Protestbewegung entwickeln, ist gewaltig. Nach Informationen von Menschenrechtlern sind in den letzten Tagen Dutzende Regierungskritiker festgenommen, an unbekannte Orte verschleppt, unter Hausarrest gestellt worden. Einigen wird vorgeworfen, „zum Umsturz der Staatsgewalt“ angestiftet zu haben, weil sie die Spaziergangs-Aufrufe per Twitter weitergeleitet hatten. Ihnen drohen nun lange Gefängnisstrafen.

Die Aufrufe zu den „Jasmin“-Protesten nach arabischem Vorbild kommen zu einer Zeit, in der das politische Klima in China deutlich frostiger ist als früher. Am kommenden Samstag beginnt in Peking die jährliche Sitzung des Nationalen Volkskongresses, Chinas Pseudo-Parlament. Obwohl die Wirtschaft weiter rapide um rund zehn Prozent wächst, herrscht vielerorts großer Unmut über soziale Ungerechtigkeit, Preissteigerungen und Korruption.

Staats- und Parteichef Hu Jintao und der für Polizei und Geheimdienste zuständige KP-Funktionär Zhou Yongkang haben in den letzten Tagen deutlich gemacht, dass sie mit allen Mitteln dafür sorgen wollen, die „Stabilität“ zu bewahren und die „Kontrolle der Gesellschaft“ zu verbessern – Codes für die Unterdrückung jeder Protestaktion.

Jutta Lietsch

Facebook
 
Kommentare
28.02.2011
07:02
China erstickt Proteste im Keim
von HansHuckebein | #4

Wir brauchen gar nicht in die Welt hinaus zu gucken, wir sollten uns an unsere eigene Nase fassen.
Wir hierzulande mit Demonstranten umgegangen wird, hat Stuttgart 21 eindrucksvoll bewiesen.

28.02.2011
00:20
China erstickt Proteste im Keim
von Baumi | #3

Die haben in China halt mehr Erfahrung wie man den Widerstand im Keim erstickt und möglichst wenig Aufsehen in der restlichen Welt erregt.

27.02.2011
23:45
China erstickt Proteste im Keim
von bloedelbarde | #2

Die Regierungsgauner zittern vor Angst. Menschenrechte brauchen die nicht, da ist ja Kommunismus, wo nicht Menschen durch Menschen ausgebeutet und unterdrückt werden, sondern im Gegenteil! Lange werden sich die gesichtslosen Politiker eh nicht mehr halten.

27.02.2011
22:37
China erstickt Proteste im Keim
von sanjo | #1

Hat sich hinsichtlich der Proteste in Peking eigentlich schon ein westlicher Politiker zu Wort gemeldet?Antwort:Nein!

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/4339756/create

Umfrage
Bürger sollen künftig häufiger gefragt werden, ob sie zu einer Organspende bereit wären. Können Sie sich vorstellen, Organspender zu werden?
 
Aktuelle Fotos und Videos
Karikatur vom Tage
Bildgalerie
Fotostrecke
Norbert Röttgen - Aufstieg und Fall
Bildgalerie
Rücktritt
David McAllister geht "baden"
Bildgalerie
Boot kentert
Triumph der Sozialisten
Bildgalerie
Frankreich
Aus dem Ressort
Ramsauer will Punktesystem in Flensburg noch verschärfen
Verkehr
Wer sich unerlaubt vom Unfallort entfernt oder andere durch zu nahes Auffahren nötigt, soll im neuen Verkehrssünder-System mit drei Punkten in Flensburg bestraft werden. Das plant Bundesverkehrsminister Ramsauer. Er will die Reform der Verkehrssünder-Datei nach Bürgerbefragungen verschärfen.
Iran will ein zweites Atomkraftwerk bauen
Kernkraft
Der Iran will ein neues Atomkraftwerk bauen. Mit dem Bau soll nach Medienberichten möglicherweise in einem oder zwei Jahren begonnen werden. Der Westen verdächtigt den Iran, den Bau von Atomwaffen anzustreben. Das Land weist die Vorwürfe zurück.