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Wie Profs auf doofe Fragen reagieren können

03.05.2009 | 12:07 Uhr

Der Forschungsantrag muss nach der zweiten Fristverlängerung jetzt wirklich raus. Bis zur Abgabe sind es nur noch wenige Stunden. Da klingelt das Telefon. Es meldet sich – ein Journalist! Wohl dem, der jetzt ein gutes Sortiment von Antworten im Zugriff hat.

Journalisten kommen oft im Pulk. Foto: ddp

Es gibt keine blöden Fragen, sondern nur blöde Antworten, sagt der Volksmund. Das ist falsch! Es gibt Fragen, die eigentlich gar nicht gestellt werden dürften, auch nicht von Journalisten. Wer da auf Dauer cool bleiben will, hat nur eine Chance. Er braucht ein Sortiment von Antworten, die alle – Forscher und Wissenschaftsmanager – allzeit verwenden können. Wenn Sie sich heute noch nicht danach sehnen, dann heißt das gar nichts. Irgendwann beginnen Worte, ihre toxische Wirkung zu entfalten. Die Frage ist nur, wann das bei Ihnen der Fall sein wird.

Am Anfang tut es nämlich noch nicht weh, immer wieder dieselben unschuldigen Fragen zu hören. Erst mit längerer Berufstätigkeit wächst die Erkenntnis, dass die Fragenden ausgetauscht werden – die Fragen leider nicht. Die – verehrungswürdige – Schar der profilierten Wissenschafts- und Hochschuljournalisten ist ein kleines Häufchen. Das Gros derjenigen, die Zeitungen, Hörfunk und Fernsehen mit Geschichten aus der Hochschule füllen müssen, scheinen nur abgeordnet zu sein. Bei Bewährung: Aufstieg in die spannenderen Themengebiete möglich. Um für die Begegnung mit Journalistinnen und Journalisten gewappnet zu sein, die die Beschäftigten des tertiären Bildungssystems gemeinhin als Ansammlung langweiliger Pedanten betrachten (was natürlich auch manchmal zutreffen kann), habe ich hier einen Katalog liebloser Antworten zusammengestellt. Warum Sie ihn nutzen sollten? Automatisierte Antworten schonen Ihre intellektuellen Kapazitäten für die Dinge, die wirklich wichtig sind, zum Beispiel die eigene Peer Group zu beeindrucken.

Frage 1: Die Anwendungsfloskel

„Letztendlich scheint fast alles möglich zu sein. Die Lebensqualität der Menschheit wird sich in ungeahnter Weise verbessern, Lahme werden gehen, Blinde sehen können.“

Die konkrete Anwendungsfloskel ist der Klassiker unter den Fragen. Sie taucht in der Form „Was/Wie kann man mit Ihren Forschungsergebnissen erreichen/machen/verwerten?“ auf. Gerne verwendet der Fragende dabei auch den Zusatz „konkret“. Da der Fragende deutlich signalisiert, dass er keinerlei Vorstellung vom Fachgebiet hat, sollten Sie dieses Unwissen auf jeden Fall ausnutzen! Und das mit der Lebensqualität stimmt ja schließlich auch immer.

Frage 2: Die Knappheitsbinse

„Selbstverständlich, fragen Sie bitte noch einmal. Vielleicht können wir das gemeinsam erarbeiten.“

Die Knappheitsbinse ist ein Phänomen, das vor allem bei den Vertretern der elektronischen Medien auftritt. Das typische Aufnahmeszenario ist ein bedrohliches an Ihre Lippen gedrücktes Mikrofon, je nach Medienart mit oder ohne Kamera. Die Frage wird häufig eingeleitet mit einem fordernden „Das war sehr schön, aber wir haben leider nur 1:30 Minuten. Können Sie das bitte einmal kurz zusammenfassen/auf den Punkt bringen/knapp schildern.“ Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, wird als ultimative Drohung „Wir müssen das sonst schneiden!“ eingefügt. Ihr Angebot der Kooperation ist für den Interviewer in der Regel so bedrohlich, dass er sich einen anderen Freiwilligen sucht.

Frage 3: Der Vereinfachungsmissbrauch

„Mit dem größten Vergnügen. Dazu muss ich aber etwas langsamer sprechen und weiter ausholen.“

Der Vereinfachungsmissbrauch ist eigentlich eine Beleidigung. „Können Sie das so erklären, dass es jeder versteht?“ Der Journalist gibt Ihnen zu verstehen, dass Ihr eigenbrötlerisches Gewäsch so spezifisch ist, dass es vermutlich nur von Ihren Nerd-Freunden verstanden wird. Wenn Sie überhaupt Freunde haben (als vermeintlich kommunikativer Soziopath ist das in den Augen des Journalisten nicht selbstverständlich). Vordergründig geht es um besseres Verständnis, in Wirklichkeit hat sich der Reporter mal wieder nicht vorbereitet. Wozu auch, Sie sind nach seinen Vorstellungen ja dazu dar, seine mangelnde Bildung auszugleichen. Wer so etwas von Ihnen als Wissenschaftler verlangt, hat Strafe verdient! Und nichts quält eilige Reporter mehr, als mit Ihnen überflüssige Zeit zu verschwenden.

Frage 4: Die Fast-Track-Attacke

„Ich würde mich freuen. Erlauben Sie mir aber, dass ich Ihnen einige Dokumente zur Vorbereitung zukommen lasse. Dann können wir beide schnell zum Punkt kommen.“

Die aktuelle Ausgabe der duz.

Eine brillante Antwort auf die Fast-Track-Attacke, die sich häufig als „Kann ich das Interview sofort führen?“ tarnt. Hier will Sie jemand schnell abfertigen, vermutlich einen 30-Sekunden-O-Ton für das Abendprogramm organisieren, der Sie für mindestens zwei Stunden aus Ihrer Produktivität reißt. Sie reagieren darauf am besten mit einer retardierenden Finte, die dem Gegner (Journalisten) suggeriert, dass Sie alles mögliche tun, um ihn

a) sofort („ich würde mich freuen … schnell“) und

b) seinem IQ gemäß simpel („zum Punkt kommen“)

zu bedienen. Was sich hinter einigen Dokumenten verbirgt, wird der Fragesteller erst beim Öffnen des umfangreichen E-Mail-Anhangs feststellen. Zögern Sie nicht, fremdsprachige Dokumente zu verwenden. Je nach Fakultät sollte man auch mit Tabellen nicht geizen.

Frage 5: Der Privatsphären-Eingriff

„Das ist eine tolle Idee. Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, dass meine Kinder derzeit an Brechdurchfall leiden und ich ab und zu mit den Kleinen den Raum verlassen muss.“

Das ist die angemessene Reaktion auf den Freizeit- und Privatsphären-Eingriff. Natürlich gibt es am Wochenende Zeitungen und Radioprogramme, aber warum sollten Sie für deren Inhalt verantwortlich sein. Die Frage „Können wir das Freitagnachmittag/-abend aufzeichnen?“ ist an sich schon eine Zumutung, die Ergänzung „Ich komme auch gerne zu Ihnen nach Hause“ eine Perfidie. Wie würde der Journalist wohl reagieren, wenn Sie sich in seinem Heim breitmachen würden. Am einzigen Tag, der die volle Wochenendvorfreude enthält.

Frage 6: Die Anmaßung

„Nein!“

Wie viele Menschen in Deutschland kennen Ihren Namen? Wenn Sie nicht zu den Medienstars der Wissenschaft gehören, also Wirtschaftsweiser oder auf andere Weise öffentlich beratend tätig sind, wird sich die Zahl Ihrer Anhänger vermutlich auf Lehrstuhlgröße begrenzen. Das macht nichts, schließlich haben Sie den Weg in Forschung und Lehre aus hehren Erwägungen gewählt und nicht aus schnöder Ruhmsucht. Verblüffend ist daher, dass der Reporter davon ausgeht („Kennen Sie eigentlich unser Format/unsere Sendung/Zeitung/Rubrik …?“), dass Sie in seiner Lebenswelt gründeln. Die beste Reaktion erreicht man in diesem Fall mit einer ehrlichen Antwort. Das klare „Nein“ zementiert noch einmal deutlich, wer der Koch und wer die Kartoffel ist. Außerdem müssen Sie nach dieser Antwort nicht damit rechnen, dass Sie der Journalist später befragt, wie Ihnen das Interview oder der Beitrag gefallen hat. Und wenn es schlecht gelaufen ist, haben Sie gegenüber Kollegen und Familie eine simple Rechtfertigung. „Hätte ich gewusst, dass das für so eine Zeitung/für so eine Sendung ist, hätte ich natürlich kein Interview gegeben!“

Ach ja, und wenn Sie eine Generalabsolution für diese standardisierten Antworten brauchen, dann bedienen Sie sich bitte bei I. B. Singer. Dem verstorbenen Literaturnobelpreisträger wird folgender Ausspruch zugeschrieben: „Fragen Sie mich, meine Damen und Herren, was Sie fragen wollen. Wenn ich die Antwort weiß, werde ich antworten. Wenn ich die Antwort nicht weiß, werde ich erst recht antworten.“ Besser hätte es ein Pressesprecher nicht sagen können.

Mehr zum Thema:

Patrick Honecker, duz

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Kommentare
03.05.2009
21:19
Wie Profs auf doofe Fragen reagieren können
von manuel85 | #1

So ein Humbug. Obgleich Prof, Minister, Sachverständige oder Nachrichten.
Die Berichterstattung der Medien ist größtenteils eine Vergewaltigung der Sehorgane und hat mit faktenbasierter, unabhängiger Information nichts mehr zu tun.
Tatsachen werden verdreht, verschwiegen, geschnitten oder soweit gebogen, bis selbst der letzte glaubt was da berichtet wird.

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