Das aktuelle Wetter NRW 20°C
Universität...

Wie Privatunis (sich) rechnen

19.12.2008 | 21:15 Uhr

Essen/Witten. Ohne Landesgelder droht der Uni Witten/Herdecke das Aus, nun verhandelt sie mit möglichen Investoren. Andere private Hochschulen finanzieren sich zum Großteil über Weiterbildung oder mit günstigen Nischenfächern.

Einen exzellenten Ruf bescheinigen der Uni Witten/Herdecke selbst Kritiker. Doch der gute Ruf kann die Lücke von neun Millionen Euro in diesem und dem nächsten Jahr auch nicht schließen. Ohne die jährlich 4,5 Millionen Euro des Landes steht die älteste deutsche Privatuni vor dem Aus. Nach WAZ-Informationen sehen sich einige Dozenten bereits nach neuen Arbeitgebern um.

Privatuniversitäten unterliegen wie jedes Unternehmen den Gesetzen der Betriebswirtschaft. Strotznormale Unternehmen sind sie dennoch nicht, kaum eine kommt ohne Stifter, Sponsoren und Staatsgelder aus. Die vom gleichnamigen Kaffee-König mit 200 Millionen Euro gestützte Jacobs Uni Bremen etwa lebt nur noch dank ihres mittlerweile verstorbenen Gönners.

Ohne fremde Hilfe kommt dagegen nach eigener Aussage die Frankfurt School of Finance & Management aus. Sie erwirtschaftet die Hälfte ihres Budgets von rund 60 Millionen Euro mit Weiterbildung. Weitere Millionen kommen aus Firmenaufträgen, nur etwa ein Achtel des Etats decken die Studiengebühren.

Teurer Studiengang Medizin

Ebenfalls ohne Hilfen kommen laut Verband privater Hochschulen (VPH) kleine Fachhochschulen mit wenig kostenintensiven Nischenfächern über die Runden, etwa die FH Nürtingen mit Kunsttherapie. Insgesamt gibt es 82 private Hochschulen. „Finanziell schwerer haben es private Universitäten mit mehreren Fachbereichen und hohem Forschungsanspruch”, sagt VPH-Vorstand Udo Steffens. Witten/Herdecke ist mit 1200 Studenten eine der größten. Doch mit Studiengebühren kann sie nur sieben Prozent des Jahresbudgets von 31 Millionen Euro decken. Nicht einmal die von den Studenten selbst auferlegte Gebührenerhöhung um 60 Prozent kann das Finanzloch stopfen.

Das liegt auch daran, dass sich Witten/Herdecke als einzige Privatuni den teuren Studiengang Medizin leistet. Ein „perfekter Deal” wäre laut Steffens daher die 2007 gescheiterte Übernahme durch die Stiftung Rehabilitation Heidelberg gewesen. Der Klinikkonzern hätte von der Uni profitieren und dafür die Lehre refinanzieren können.

Steffens hat sich auch selbst einen Korb geholt. Er ist Präsident der Frankfurt School of Finance & Management und mit dem Angebot, Witten/Herdecke zu integrieren, abgeblitzt. Er sei nach wie vor gesprächsbereit. Witten sei „profilbildend”, doch es fehle ein nachhaltiges Geschäftsmodell. Die ganze Uni sei vom Talent ihres Gründungsrektors Konrad Schily abhängig gewesen, Spenden einzuwerben.

Der Studienbetrieb läuft in jedem Fall weiter

Schily und seine Nachfolger waren es aber auch, die stets den philantropischen Ansatz der Uni verteidigt haben, um keine „Fachidioten” heranzuziehen, wie Birger Pridatt unlängst sagte. Er nannte Mitbewerber „Zertifikat-Maschinen”. Nun allerdings ist die Uni zu Gesprächen mit potentiellen Investoren gezwungen und führt diese mit Hochdruck, wie Uni-Sprecher Ralf Hermersdorfer sagte. „Wir hoffen, dass wir kurzfristig zu einem Ergebnis kommen werden.” Der Studienbetrieb soll in jedem Fall weiterlaufen.

Auch der kaufmännische Direktor Tom Kirschbaum gab sich kämpferisch: „Ich sehe eine Chance, dass wir der Insolvenz entgehen.” Eine Insolvenz bewusst einzugehen, wäre falsch, weil sie der Reputation schaden würde.

Die Lage ist ernst

Wissenschaftsminister Anderas Pinkwart (FDP) ist ebenfalls „nicht pessimistisch”. Die Landesregierung begleite die Gespräche, sagte er der WAZ. Sofern für die Hochschule eine Perspektive mit Blick auf Verwaltungsstrukturen und Finanzierung gefunden sei, sei das Land bereit, für 2009 wieder Mittel bereitzustellen.

Dem Vernehmen nach soll das Verhältnis von Studiengebühren und Verwaltungskosten neu ausgerichtet werden. Als ungewöhnlich beurteilen Beobachter, dass Beiträge ehemaliger Studenten nicht direkt der Uni zugute kommen. Unklar scheint auch, ob sie aus der Insolvenz heraus saniert werden soll oder ein Partner die Insolvenz vermeiden hilft.

Die Lage ist ohnedies ernst, da derzeit in der Wirtschaftsfakultät drei Lehrstühle ausgeschrieben sind.

Mehr zum Thema:

Stefan Schulte, Claudia Vüllers, Thomas Wels

Facebook
 
Kommentare
31.12.2008
11:14
Wie Privatunis (sich) rechnen
von von Gustav | #11

Dass die Uni Köln oder Hamburg - so gerechnet - praktisch alle fünf Jahre pleite gehen und mit völlig antiquierten planwirtschaftlichen Strukturen Kosten produzieren, die letztlich auch die Allgemeinheit tragen, wird immer völlig vergessen. UWH und andere ehrt der Versuch, es besser zu machen und gleichzeitig die GLEICHEN positiven Effekte für die Gesellschaft hervorzurufen. Und wenn eine Frankfurt School das auch noch profitabel schafft, umso besser. Aber das deutsche, öffentliche universitäre Bildungssystem ist wirklich kein Vorbild, wenn hier in den meisten Fächern mit Methoden, Einstellungen und Inhalten der USA der 50er Jahre gelehrt wird.

31.12.2008
11:13
Blockierter Kommentar.
von daniel.otto | #10

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

29.12.2008
22:38
Wie Privatunis (sich) rechnen
von Matzenberg | #9

Wohin uns die sogenannten wirtschaftlichen Eliten
dieses Jahr geführt haben und mit welcher universitären
Kompetenz sie agierten, hat das Jahr 2008 nun
wirklich deutlich genug aufgezeigt.
Bildung ist einfach zu kostbar um sie Privatinteressen
zu überlassen.

25.12.2008
13:30
Blockierter Kommentar.
von Moderation | #8

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

21.12.2008
07:43
Wie Privatunis (sich) rechnen
von Argus | #7

Staatliche Aufgaben lassen sich eben schlecht privatisieren. Das sollten CDU und FDP endlich begreifen!

20.12.2008
18:43
Wie Privatunis (sich) rechnen
von Christof Jung | #6

Guten Abend,
aus gegebenem Anlass liegt uns viel daran, die Notwendigkeit der Existenz der Universität Witten/Herdecke aus der persönlichen Sicht zweier betroffener Studenten zu schildern.
Wir beide (Christof Jung und Malte Molitor) studieren im ersten Semester Humanmedizin an der Uni Witten/Herdecke und sind von dieser Universität und der Atmosphäre begeistert.

Vor Beginn des Studiums absolvierte einer von uns 2 Semester Biochemie an der Universität Bern (CH), der Andere machte eine Ausbildung zum Rettungsassistenten und arbeitete anschließend einige Zeit im Rettungsdienst.

Die Entscheidung für ein Studium an der Universität Witten/Herdecke wurde von uns beiden sehr bewusst getroffen.

Die Universität vereint in ihrer Lehre Aspekte, die in der deutschen Hochschullandschaft einzigartig und absolut erhaltenswert sind.

Die praxisnahe Medizinerausbildung im Modellstudiengang, die sowohl Problemorientiertes Lernen, wöchentlich stattfindende Untersuchungskurse als auch eine frühe Praxiseinbindung bereits ab dem ersten Semester bietet, gibt es in dieser Form an keiner anderen Universität.
Die Intensität mit der wir hier die Möglichkeit haben, uns auch mit Problemen zu beschäftigen die zentrale Punkte des späteren ärztlichen Handelns sind, macht dieses Studium zu etwas sehr Besonderem. Wir beschäftigen uns mit alltäglichen Problemen aus Bereichen der Gesundheitsökonomie, der Arzt- Patienten- Kommunikation und der Ethik ärztlichen Handelns. Dies gibt uns die Möglichkeit uns nicht nur zu guten Medizinern sondern auch zu guten Ärzten zu entwickeln.

Neben dem bereits Erwähnten wird uns hier durch das ebenfalls einzigartige Studium Fundamentale die Chance gegeben weitere Qualitäten zu entwickeln, die es uns möglich machen Wissen auch außerhalb unseres eigentlichen Studienfaches zu erlangen.
Der so erweiterte Horizont ermöglicht das Einnehmen von diversen Perspektiven und damit das interdisziplinäre Arbeiten im späteren Berufsleben.

Durch jahrelangen interkulturellen Austausch und durch Partnerschaften mit zahlreichen Universitäten anderer Länder gibt es bei uns heute vielfältige Möglichkeiten sein Studium international zu gestalten, dies spiegelt sich auch in der Studentenschaft der Uni wieder.
Es ist ein ganz besonderes Gefühl in diesem Rahmen mit interessanten und hoch motivierten Kommilitonen zusammen dieses besondere Studium, dass zusätzlich durch einen engen Kontakt zu unseren Professoren geprägt ist zu bestreiten.

Nach unseren zuvor beschriebenen Ausführungen ist es uns noch ein besonderes Anliegen den freien Zugang zur Universität Witten/Herdecke hervor zu heben, da ohne diesen freien Zugang alle genannten Argumente für die Uni hinfällig wären. Obwohl es eine private Universität ist, besteht trotz der anfallenden Studiengebühren für JEDEN die Möglichkeit durch das Modell des hier entwickelten Umgekehrten-Generationenvertrags sein Studium zu finanzieren. So findet keine finanzielle Selektion statt und das Studium ist nicht von der Geldbörse der Eltern abhängig. Die Studierenden hier werden ausschließlich durch ein aufwendiges Verfahren ausgewählt, das persönliche Merkmale und die besondere Motivation zum Studium zu Grunde legt.

Mit freundlichen Grüßen,

Christof Jung und Malte Molitor

20.12.2008
18:05
Wie Privatunis (sich) rechnen
von backtotherouts | #5

KORREKTUR
Im ersten Abschnitt muss es heißen:

Der Schwerpunkt der Uni Witten liegt ja nun nicht NUR im Bereich BWL [...]

Sorry!

20.12.2008
17:49
Wie Privatunis (sich) rechnen
von backtotherouts | #4

@manuel85
Der Schwerpunkt der Uni Witten liegt ja nun nicht gerade im Bereich BWL - und dass Idealisten nicht unbedingt mit dem spitzen Bleistift rechnen wollen ist nicht wirklich neu. Ich glaube, die Geschäftsführung der Uni war einfach noch ein wenig blauäugig und muss jetzt sehen, wie der Karren wieder aus dem Dreck kommt. Ob die Fördergelder zu Recht einbehalten wurden wird ja wohl ein Gericht klären.

Dein Hauptvorwurf ist - auf den Punkt gebracht - in den Privatunis würde Geld veruntreut (zumindest moralisch gesehen), d.h. durch die Professoren und Mitarbeiter über ausgegegliederte Projekte abgezogen. Belege für diesen Vorwurf kann ich allerdings nicht finden. An welchem Stammtisch hört man solche Parolen?

20.12.2008
17:43
Wie Privatunis (sich) rechnen
von Niklas Georg | #3

Unter der folgenden Adresse können Interessierte erleben, welche Anstrengungen derzeit im Umfeld der Universität Witten/Herdecke unternommen werden, um die drohende Insolvenz abzuwenden: http://www.deutschlandbrauchtwitten.de/ .

20.12.2008
12:53
Wie Privatunis (sich) rechnen
von hatKeinen | #2

wer brauch schon privatunis, wenn es öffentliche gibt?

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/1090144/create

Aktuelle Fotos und Videos
Simulierte Verhandlung
Bildgalerie
Studenten vor Gericht
Der Medizin-Papst feiert
Bildgalerie
Fotostrecke
Schröder an der Uni
Bildgalerie
TU Dortmund
Dortmunds Hochschultage
Bildgalerie
Universität
Aus dem Ressort
Medienforscher wollen Veranstaltungen sicherer machen
Campus
Die Medienforscher der Uni Siegen sind an einem Projekt beteiligt, das „Bausteine für die Sicherheit von Großveranstaltungen“ schaffen soll. BaSiGo soll praktische Erfahrungen und wissenschaftliche Forschungen miteinander kombinieren, um die Sicherheit bei Musikkonzerten oder Volksfesten zu erhöhen.
Uni Siegen schneidet gut ab im DFG-Förderatlas
Forschung
Im Förderatlas der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) werden die Forschungsleistungen aller Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen in Deutschland untersucht. Der Universität Siegen wird dabei eine hervorragende Positionierung bestätigt.