Was sich Professoren-Väter für ihre Kinder wünschen
12.02.2010 | 09:46 Uhr 2010-02-12T09:46:00+0100
Essen.Professoren-Eltern haben keinen Standesdünkel, wenn es um die Berufswünsche ihrer Sprösslinge geht. Kassiererin, KFZ-Mechaniker – klar, warum nicht? Doch im Grunde ihres Herzens sähen sie den Nachwuchs gerne in ihren Fußstapfen. Das geben sie aber erst nach dem dritten Glas Wein zu.
Professoren und ihre Kinder – das ist ein Verhältnis voller Klischees. Viele denken bei den Profs und ihrem Nachwuchs an Typen wie den Leipziger Gelehrten Johannes Olearius. Wie die Allgemeine Deutsche Bibliothek zu dem Griechischprofessor des 17. Jahrhunderts mitteilt, „wurden ihm sechs Söhne und sechs Töchter geboren. Drei der Söhne sind ebenfalls Professoren in Leipzig geworden, einer in der theologischen, einer in der juristischen, der jüngste in der philosophischen Facultät“.
Von der Ehefrau und dem Werdegang der Töchter kein Wort. Aber drei Stammhalter – und wiederum Professoren in den klassischen Disziplinen und an der Uni des Papas. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm – einmal Akademiker, immer Akademiker.
Tropfende Windelträger
Hat schon mal jemand gehört, dass einem Professor ein Tischler, Metzger oder Maurer geboren sei? All das wird’s gegeben haben, wird aber nicht erzählt. Die Überlieferung zieht über professoral geborenes Handwerk stillschweigend-verächtlich hinweg.
Nun gilt es aber der Wirklichkeit ins Auge zu blicken. Zunächst einmal die Geburtenraten. Die Zeiten mit sechs Töchtern und sechs Söhnen sind eindeutig vorbei. Akademiker haben deutlich weniger Kinder als der Durchschnitt der Bevölkerung. Und das nicht etwa, weil keine Zeit für die Kinderbetreuung bleibt, sondern weil Wissenschaftler häufig in instabilen Beschäftigungsverhältnissen tätig sein müssen. Also wird ihnen sehr viel später und weniger Nachwuchs geboren.
Und wenn, dann rächt sich oft der Fokus der Eltern auf die Erwachsenenbildung. Durch Rufe gequält, fehlt umzugsbedingt meist die Nähe großelterlicher Unterstützung. Man muss sich eben als Eltern selbst erfinden – wie man es als Prof so gewohnt ist. Man ist ja ein Naturtalent, im Hörsaal, beim Institutsmanagement und eben auch als Vater/Mutter. Und das geht dann oft auch schief. Nicht ohne Grund hört und liest man von dem merkwürdigen Verhalten der Profs ihren kleinen, windeltragend-tropfenden Kindern gegenüber. Man denke nur an das eigenartige Verhältnis der Einstein-Söhne Eduard und Hans Albert zu ihrem Vater, der einen Sohn sogar die geistige Gesundheit kostete.
Und im Netz häufen sich die Klagen über zu strenge Prof-Väter, etwa wie folgt: „Er ist selber ein guter Uniprofessor und stellt deshalb hohe Anforderungen an seine Tochter. Er ist sehr streng und denkt, gute Noten sind neben Freundschaften das Wichtigste im Leben. Wenn Lena eine 2– hat, muss sie jeden Tag eine Stunde mehr lernen.“
Kinder aus Akademikerfamilien an der Uni in der Mehrheit
Und wie sprechen die Profs selbst über ihre Kinder? Ich beobachte es nun schon seit vielen Jahren, das verschmitzte Gesicht der Kollegen, die über ihre Töchter und Söhne berichten: „Mein Sohn wird niemals Jurist; meine Tochter wird nie das studieren, was ich studiert habe. Unsere Kinder machen etwas ganz anderes. Gibt es Spießigeres als Kinder, die nie den Mief der elterlichen Studierbude verlassen haben?“ Ich konnte dies nachvollziehen. Selbst Arbeitersohn, war mir die Nonchalance akademischer Kinderkarrieren ein Dorn im Auge. Wer keinen Lehrer, Arzt oder am besten Professor zum Vater hatte, schien in der deutschen Gesellschaft keine Chance auf eine akademische Karriere zu haben. Kinder aus Akademikerfamilien bilden an Universitäten mehr als 60 Prozent der Studierendenschaft. Ihr Anteil ist seit 2004 um drei und seit 1993 um elf Prozentpunkte gewachsen.
Schon zu Beginn meiner Uni-Karriere, als junger Professor in Münster, war mir allerdings unwohl. Ich kannte den Sog einer schönen Universitätsstadt wie Münster, das Gemütliche, das Behagliche eines Elternhauses, den Gedanken, das zu studieren, was man bei Papa und Mama schon als Professor/-in gesehen hatte. Und deshalb beobachtete ich in einer Art Langzeitexperiment, was sich da so tat. Und die Beobachtung dauerte wirklich lange. Die Kinder der Kollegen wurden größer, gingen ins Gymnasium (natürlich die bischöfliche Schule), gingen in die USA (nicht zu lang und nicht zu kurz), kamen zurück mit wilden Ideen.
Rätselhafte Gespräche
Doch schon einige Jahre später ging es los. Nun gut, die Kinder sollten studieren, irgendetwas – bloß kein Jura. Dänisch, Brauereiwesen, Physik – und weit weg in Passau. Eine Lehre – auch gut, vielleicht vorgeschaltet: Eine Banklehre, da hat man etwas in der Hand, wenn man später studiert. Und wieder Jahre später kam der entscheidende Moment beim dritten Glas Wein, in dem die Kollegen etwas zermürbt, in sich gesackt, nörgelten: Es wäre doch nichts Schlechtes, wenn die eigene Tochter, der eigene Sohn auch Jura studierte. Natürlich nicht in Münster, irgendwo anders. Aber wenn das Kind sich schon einmal so interessiere für das Fach? Es sei doch künstlich, die Kinder wegzuschicken, nur weil man selbst im Fach stecke.
In der Folge eskalieren die Gespräche, werden rätselhaft: „Meine Tochter/mein Sohn ist hochbegabt. 1,0 im Abitur. Von der deutschen Forschungshilfe für ein Stipendium ausgewählt. Vom Bundespräsidenten im Geschichtswettbewerb ausgezeichnet.“ Selffulfilling Prophecy – Kinder von Akademikern wissen meist, wo und wie es Preise, Stipendien, gute Noten gibt.
Und der Koloss wankte. Die nächsten Gespräche werden noch wankelmütiger: „Nun gut, Münster hat doch einen guten Ruf, warum nicht gleich Münster?“ Natürlich zieht das Kind zu Hause aus, sucht sich etwas Eigenes. Natürlich wird die Tochter, der Sohn auch einen Studienwechsel vornehmen. Ob man nicht einmal als Freund des Hauses das Kind inspizieren könne? Mal zu Gericht mitnehmen – man sei ja eine der wenigen Fälle, wo ein Kollege auch einmal Richter beim Oberlandesgericht sei. „Mal in die Mensa mitnehmen, mit jungen Leuten aus dem Institut.“
Professorenväter leben oft in klassischer Rollenverteilung
Natürlich habe ich das gerne organisiert, war mir eine Ehre. Aber auffällig war: Professoren sind nicht die in der Literatur viel beschworenen Rabenväter. Klar, sie leben auch von klassischer Rollenverteilung, werden daher selten als Väter gesehen, vor allem auch nicht als Väter, die Schwierigkeiten haben, wissenschaftliche Karriere und Vaterrolle in Einklang zu bringen. Aber erstaunlich, Professoren sind wie Glucken, die zwar wenig Blick für kleine Küken haben, aber ihren flüggen Nachwuchs gut versorgen, sich im Einsatz für Praktika, Auslandsaufenthalte, Schulaustauschprogramme, Studienplätze geradezu verzehren.
Die Jahre vergingen; meine eigenen Kinder wurden älter. Studium, nein danke, Paps. Die Kinder waren noch klein – und ich war froh, dass sie sich anders entwickelten. Kassiererin wollte sie werden, Postbotin oder Stewardess. Aber ach: Dann kam er, der Tag, als die Älteste vor mir stand. Jura wolle sie nicht studieren, aber studieren auf jeden Fall. Allerdings nicht in Münster, sondern in den Niederlanden.
Und da ist sie jetzt auch, mit niederländischem Abitur, mit Studienplatz in Rotterdam, holländischer als die Niederländer selbst. Es geht noch weiter: Vor Kurzem hatte ich eine Unterredung mit meiner 14-Jährigen. Die fragte nach: Ob ich ihr wohl ein Betriebspraktikum in einer Anwaltskanzlei besorgen könne?
Hier geht’s zur Homepage des duz.
18:49
Nachtrag zum Tazitus-Zitat: (sic!) (...mant oh, Mann!)
Ich weiß, ich weiß, kommt in den besten Familien vor...
Vielleicht bin ich ja auch ungerecht! Sorry.
18:43
Zitat Tazitus: ...Als Professor für Wissensmanagemant kenne nicht mal ich Olearius...
Dabei beachte man die Wortwahl und -folge:
NICHT MAL ICH! Bravo.Verräterische Stilistik! ;-))
Ein Wahnsinns-Dreiergestirn! Graß (äh, Grass, na damit hatte er sich doch schon quasi entschuldigt!). Das ist krass! ;-((
Schiller bleibt eben Schiller. ;-))
18:34
Meierzwei: Und wir können noch ganz anders! ;-))
18:20
NepoMuck: Na und? Woanders etwa nicht?
Aber es gibt auch reichlich Ausnahmen, auch wenn sie die Regel bestätigen!
Und überhaupt: CUI BONO?
07:45
Nepotismus habe ich an Universitäten schon immer erfahren. Klar das andere Bevölkerungsschichten da keinen Fuß fassen können.
00:19
# 9 Meierzwei
Ihrem Volkmar Weiss setze ich einen Vilfredo Pareto entgegen >:-)
23:15
Lieber Herr Th. Hoeren, versuchen Sie Eulen nach Athen zu tragen? oder haben Sie keine Ahnung von Dr. Volkmar Weiss? bzw. seinen Forschungen oder seinem Buch Die Intelligenzfalle? Wahrscheinlich, ist es genau so so der Apfel fällt nicht weit vom Baum. Aber die Vererbung der Intelligenz wird ja vor allem in ideologisch kastrierten Kreisen als böses Tabu für völlig abwegig erklärt, statt die Tatsachen zu akzeptieren. Kluge haben vorwiegend klugen Nachwuchs und Minderbemittelte vererben vorwiegend ihre Defizite, auch wenn man es sich anders wünschen mag.
18:22
Preussische Professoren.
Jetzt fehlt nur noch ein Feature über Preussische Offiziere.
Aber bitte nur über die mit Landjunkerlegende.
18:09
Professoren sind nun einmal die besseren Menschen und deren Brut haben das Recht, Papa auf den Posten zu folgen. Alles Andere ist dummes Gedöns und dient der Verschleierung. Man gönnt sich ja sonst nichts ! Nur C4 (alt) muss es schon für den Nachwuchs sein.
17:32
Wirklich erhellend ;-). Und so ausbaufähig: Ärzte, Juristen, Lehrer ... was werden deren Kinder eigentlich ... und wen interessiert das? Soll man sich nun Mühe geben und den Kindern ab und zu behilflich sein oder doch lieber nicht, damit sie sich selbst durchschlagen oder weil das das Gegenteil bewirken kann ... die Fragen stellen sich natürlich nicht nur Professoren. Und dass man den Kindern dort am ehesten helfen kann wo man sich selbst auskennt ist natürlich auch sehr überraschend. Und so typisch für Professoren ... und Ärzte, Juristen, Krankenschwestern, Sozialarbeiter, KfZ-Mechaniker usw. usw.