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Relative Reife - Abiturienten haben Probleme mit der Rechtschreibung

23.07.2012 | 19:04 Uhr
Relative Reife - Abiturienten haben Probleme mit der Rechtschreibung
Der Laptop wird wie hier in Duisburg zur Selbstverständlichkeit im Hörsaal. Professoren klagen: Das hat das Denken und Arbeiten der Studenten nicht zum Besten verändert.Foto: Bernd Lauter/WAZFotoPool

Essen.   Deutschlands Geisteswissenschaftler klagen, dass immer weniger Abiturienten wirklich reif für die Uni seien. Demnach haben Studienanfänger große Lücken in der Rechtschreibung, Grammatik und in der Lesekompetenz. Schuld seien SMS und Internet. Oder ist es vielleicht die Schule?

Die Qualität der Abiturienten in Deutschland ist gesunken. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage unter Hochschulprofessoren. Ein Resultat der bisher unveröffentlichten Befragung ist, dass Studienanfänger große Lücken in der Rechtschreibung, Grammatik und Lesekompetenz aufweisen. „Über die Anzahl der Klagen waren wir bestürzt“, sagte der Initiator der Befragung, Prof. Gerhard Wolf von der Universität Bayreuth, der WAZ Mediengruppe. Die Mängel in der „Studierfähigkeit“ seien die Folge davon, dass an Schulen die Bildungsstandards nicht mehr beachtet würden.

Auch der Bundesverband der Philologen kritisiert die Entwicklung an den Schulen im Fach Deutsch. „Das kommt davon, wenn über Jahre die Lehre von formalen Regeln zu Gunsten des inhaltlichen Verständnisses vernachlässigt wird“, sagte der Bundesvorsitzende Heinz-Peter Meidinger.

Mangelnde Deutschkenntnisse durch SMS und E-Mails

Schon im frühen 19. Jahrhundert beklagten sich Professoren darüber, dass Schüler studieren durften, die von ihrem Gymnasium mit dem Zeugnis der „Untüchtigkeit“ entlassen worden sind. Ein Grund, warum 1834 zunächst in Preußen und dann im gesamten Deutschen Bund ein „Zeugnis der wissenschaftlichen Vorbereitung zum Studium“ verlangt wurde. Das Abitur. Eine Urkunde der Bildungsqualität, die sich mittlerweile immer mehr Schüler einrahmen lassen können. Fast 50 Prozent der Schulabgänger erreichten 2010 die Hochschul- oder Fachhochschulreife. In den 1950er Jahren waren es gerade sechs Prozent.

Auch wenn die Kultusminister der Länder im aktuellen Bildungsbericht zu dem Schluss kommen, dass die wachsende Menge der Abiturienten nicht an Qualität eingebüßt hat, ist der Philosophische Fakultätentag anderer Meinung. Nach der Umfrage des Vorsitzenden, Gerhard Wolf, ist die tatsächliche Studierfähigkeit der künftigen Studenten gesunken. In der nicht repräsentativen Erhebung an 60 Philosophischen Fakultäten (Rücklaufquote 50 Prozent) kam heraus, dass die Kenntnisse in Grammatik, Satzbau und Rechtschreibung eher schlecht seien. Schuld daran sei auch die neue Form der Kommunikation per Kurzmitteilung auf Handy oder Computer.

Wer nicht weiter kommt, schickt eine SMS an Freunde

„Studenten können sich nur noch kurze Zeit auf ein Thema konzentrieren. Vor allem bei Schwierigkeiten suchen sie gleich die Lösung im Internet oder via SMS bei Freunden“, sagte der Bayreuther Hochschulprofessor im Gespräch mit der WAZ Mediengruppe. Ein weiterer Grund für die Kenntnislücken liege in der mangelnden Beachtung von Bildungsstandards an Schulen. Ob Schüler die Regeln der deutschen Sprache beherrschten, werde laut Wolf nur noch bis zur Mittelstufe geprüft. Dies bereite speziell den geisteswissenschaftlichen Fächern Schwierigkeiten.

Auch die Vertretung der Lehrerinnen und Lehrer, die Schüler auf das Abitur vorbereiten, der Bundesverband der Philologen, sieht dieses Problem: „Das Niveau der Abiturienten ist im Pisa-Vergleich von 2000 zu 2009 schlechter geworden“, sagte der Bundesvorsitzende Heinz-Peter Meidinger. Dies sei die Quittung dafür, dass in den letzten 25 Jahren die Kultusminister die Blöcke Rechtschreibung und Grammatik aus den Lehrplänen herausgenommen haben. „Ein Irrweg. Mittlerweile werden an Grundschulen kaum noch Diktate geschrieben“, führte Meidinger aus.

Oje, wie schreibt man einen ganzen Aufsatz?

Inzwischen verstünden es die Schüler zwar längere Präsentationen zu halten, hätten aber Schwierigkeiten, strukturierte Aufsätze zu schreiben. Zudem habe die Lesekompetenz, insbesondere bei Jungen, nachgelassen. Das Resultat sei in den jüngsten Abiturprüfungen zu sehen. Mittlerweile sei die Quote derer, die im Fach Deutsch scheitern, von einem auf vier Prozent gestiegen.

Meidinger fordert, an den Schulen wieder mehr Schreibtraining einzuführen. Doch dazu müssten auch eine Erhöhung der Deutschstunden pro Woche erfolgen. „Wenn in Bayern in der neunten und in NRW in der zehnten Klasse nur drei Stunden pro Woche Deutsch unterrichtet wird, können die notwendigen Kompetenzen gar nicht erlangt werden“, führte Meidinger aus.

Dem Urteil Wolfs, dass die mangelnde Kompetenz der Schüler auch auf die schlechten Kenntnisse der Lehrer zurückzuführen sei, widersprach der Chef-Philologe heftig.

Gregor Boldt



Kommentare
28.07.2012
13:52
Relative Reife - Abiturienten haben Probleme mit der Rechtschreibung
von tomatenkiller_neo | #27

#24 Ergänzend kann ich noch die Unworte "kriegen" (er , sie, es kriegte ...) oder
"schmeissen" anbringen, die heutzutage jeder Journalist verwendet und bei denen
damals mein Deutschlehrer immer die Krise bekam ....

28.07.2012
07:49
Blockierter Kommentar.
Name von Moderation entfernt | #26

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

27.07.2012
10:13
Es liegt wohl ...
von Partik | #25

... wirklich daran, dass die Anforderungen an das Abitur fast auf Ramschniveau herabgesetzt wurden.

In der Generation der Hochschullehrer, die jetzt über die heutigen Studenten klagt, machten nur eine handvoll Schüler eines Jahrgangs Abitur. Heute kommt Spitzenreiter Hamburg sogar auf 50% Abiturquote.

Das kann doch auch nicht gut gehen. Beschaut man sich die Glockenkurve der Intelligenzverteilung, muss es doch zwangsläufig so sein, dass eigentlich nicht studierfähige Schüler zum Abitur gelangen.

Daraus darf man ihnen keinen Vorwurf machen, denn das Auswahlverfahren müsste eigentlich strenger sein. Das wäre auch zu ihrem eigenen Vorteil, denn viele Abiturienten wären in einem ordentlichen betrieblichen Ausbildung mit bei Bedarf anschließender Weiterbildung deutlich besser aufgehoben als an der Uni.

Wir qualifizieren unsere Kinder quasi per Formblatt für das Versagen an der Universität.

26.07.2012
18:46
Relative Reife - Abiturienten haben Probleme mit der Rechtschreibung
von Juettelchen | #24

Komisch, ich habe acht Jahre die "Volksschule" (so hieß das damals) besucht. Probleme mit der Rechtschreibung habe ich nicht. Und wenn man nicht weiß, wie ein Wort geschrieben wird, dann schaut man mal ins Wörterbuch. Gesprochen wird heutzutage auch sehr merkwürdig, z.B. örgend statt irgend, Körschen statt Kirschen, halt ebend, statt einfach nur eben u.s.w..Die Krönung ist das Wort "bräuchte". Dieses Wort hat sich innerhalb kürzester Zeit wie eine Pest über die ganze Republik ausgebreitet. Entweder brauche ich was, oder ich könnte was brauchen! Bräuchte ist Unsinn. Es sei denn, ich spreche bayerisch.

25.07.2012
20:45
Relative Reife - Abiturienten haben Probleme mit der Rechtschreibung
von tomatenkiller_neo | #23

#17 Auch altbackene Hauptschüler, aus denen ja was geworden sein soll, haben deutliche Probleme mit der Rechtschreibung. Immer wieder augenkrebsfördernd,
die tomschen Elaborate. Da freut sich sicher der Sachbearbeiter bei Finanzamt und Co,, wenn er solche Geschreibsel vorfindet.

25.07.2012
12:36
dass immer weniger Abiturienten wirklich reif für die Uni seien
von eidaisserjawieder | #22


wie denn auch die anforderungen in den schulen werden immer geringer
von wegen die gleich behandlung un so
gebt einem 1 : 1 abiturienten eine abi-klausur von vor 10 jahren

das ergebnis

;o)

24.07.2012
13:44
Relative Reife - Abiturienten haben Probleme mit der Rechtschreibung
von andy_112 | #21

Es liegt bestimmt nicht an der Verkürzung auf 12 Schuljahre. Rechtschreibung und Grammatik lernt man nicht in den letzten 4 Jahren, bis dahin sollte beides sitzen!
Das Problem ist, dass mittlerweile mehr als 50% der Schüler Abitur machen, der Durschschnitt aber nicht intelligenter wird! Also wird der Anspruch so weit heruntergeschraubt, bis Abitur Mittelmaß ist. Ausreißer nach unten gehen auf die Real- oder Hauptschule, Ausreißer nach oben gibt es nicht. Alle werden durch die "Kein Kind darf sitzenbleiben"-Strategie heruntergezogen.
Und da wunder sich doch mal jemand, dass manche Kommilitonen nicht in der Lage sind, einen vernünftigen Praktikumsbericht zu verfassen.
Statt jedem Halbgescheiten das Abitur hinterherzuwerfen, sollte man sich mal wieder darauf besinnen, dass am Gymnasium ursprüglich die Elite ausgebilet worden ist.
Mehr Abiturienten, die nach 3 Semestern ihr Studium hinschmeißen, helfen niemandem weiter.

24.07.2012
13:13
Relative Reife - Abiturienten haben Probleme mit der Rechtschreibung
von Auntie | #20

Ich gebe ehrlich zu, auch ich habe manchmal meine Probleme mit der Grammatik. Aber getreu den Ausspruch eines Lehres "Wenn du nicht weiß, wie man ein Wort schreib - schreib ein anderes." und "Schreib kurze Sätze" - komme ich in meinem Leben (als Nichtstudierte) gut zurecht. Trotzdem lese ich oft "Schriften", bei denen ich verwundert feststelle - das kann ich besser.
"Zu meiner Zeit" wurde schon nicht viel Grammatik und Rechtschreibung durchgenommen. Es kam auf den Inhalt an. Ohne diese Prämisse wäre ich in Deutsch ziemlich abgeka...
Leider wurde auch das Thema Allgemeinwissen in den letzten Jahren vernachlässigt. Tatsache ist - die Lehrpläne wurden wirklich zugunsten anderer Inhalte verändert. Ich komme in meinem Leben (und meinem Beruf) gut zurecht. Es ist nur schade um die, die es nicht anders gelernt haben.

24.07.2012
12:28
Relative Reife - Abiturienten haben Probleme mit der Rechtschreibung
von ducesse | #19

Die Basis für die Rechtschreibung wird in der Grundschule gelegt. Vielleicht sollte man dort nach Mängeln suchen. Lautgetreues schreiben bricht vielen das Genick.

24.07.2012
12:28
Relative Reife - Abiturienten haben Probleme mit der Rechtschreibung
von Vatta | #18

Wenn doch schon 40% der heutigen Mütter keine Berufsausbildung haben:

http://www.welt.de/politik/deutschland/article12582469/Mehrheit-der-jungen-Muetter-ohne-Berufsabschluss.html

Was dachten wir denn alle, wie hoch der Bildungsstand bei deren Kindern sein wird? Jetzt hier nur die Schulen verantwortlich machen ist natürlich sehr einfach: Schuld sind ja sowieso immer die anderen.

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