Mehrheit der Studierenden stellt Hochschulen schlechtes Zeugnis aus
16.02.2010 | 18:30 Uhr 2010-02-16T18:30:00+0100
Berlin.Nach den Protesten des vergangenen Jahres belegt nun auch eine Umfrage die Unzufriedenheit unter deutschen Studenten. Viele beklagen die Arbeitsbedingungen an ihren Hochschulen. Das ergab eine am Dienstag präsentierte Studie im Auftrag des Bundesbildungsministeriums.
Die Studierenden in Deutschland sind gestresst. Im vergangenen Jahr gingen sie zu Zehntausenden auf die Straße, um gegen starre Strukturen und eine zu hohe Arbeitsbelastung an ihren Hochschulen zu demonstrieren. Nun belegt auch eine aktuelle Umfrage die Unzufriedenheit der Studenten im neuen Bachelor- und Mastersystem. Die jungen Leute klagen über zu viel Stoff, zu viel Regulierung und zu große Anforderungen. Dabei kommt die ganze Belastung nicht nur von außen. „Die Studenten machen sich auch selbst mehr Druck als früher“, sagt einer der Autoren der Studie, der Hochschulforscher Tino Bargel.
Ein Studium in Rekordzeit, ein gutes Examen und nebenbei jede Menge Praktika und Auslandsaufenthalte, am besten noch Fremdsprachen und soziales Engagement - das gilt als sicherer Weg zum beruflichen Erfolg. Gerade die Bachelor-Studenten legen laut Studie viel Wert auf ein gutes Examen und ein zügiges Studium, weit mehr als früher die Diplom-Studenten. Die Studierenden seien leistungsorientierter, viele sorgten sich schon früh um die Jobaussichten nach der Uni, sagt Bargel. Hinzu komme die „Prüfungshetze“ im neuen Bachelor-System und die „drastisch“ gewachsene Menge an Regulierungen. „Das ist deutlich mehr Druck als früher“.
Mehrheit stöhnt über zu viel Lernstoff
Der Umbau der deutschen und europäischen Hochschullandschaft - der sogenannte Bologna-Prozess - startete vor über zehn Jahren. Die Studiengänge wurden nach und nach auf Bachelor und Master umgestellt, um in Europa ein einheitliches System zu schaffen. Im Auftrag des Bundesbildungsministeriums untersuchten Bargel und andere Wissenschaftler der Universität Konstanz nun die bisherigen Erfahrungen der Studenten mit der Reform.
Zwischen 2006 und 2008 wurden über 17 000 Hochschüler befragt. Drei Viertel der Bachelor-Studenten hält die neue Studienstruktur demnach zwar für sinnvoll, geklagt wird aber über die Umsetzung.
Konkret finden 56 Prozent der Hochschüler den Umfang des Lernstoffs im Bachelor-Studium übertrieben. Viele (42 Prozent) sind unzufrieden mit der Gliederung ihres Studiengangs, 54 Prozent finden die Prüfungsanforderungen unklar. Die Mehrheit der Studenten beanstandet, dass wichtige Lehrveranstaltungen ausfallen. 30 Prozent der jungen Leute müssen sich regelmäßig mit Überschneidungen von Kursen abfinden und deshalb auf wichtige Seminare verzichten. Die Studenten wünschen sich auch mehr Rückmeldungen über ihre Leistungen von den Professoren. 68 Prozent haben selten oder nie direkten Kontakt zu ihren Dozenten.
Studentenwerk sieht keinen Grund zur Entwarnung
Das Bundes-Bildungsministerium sieht nun die Hochschulen in der Pflicht. Die Bachelor-Studiengänge müssten „studierbarer“ werden, sagt der Parlamentarische Staatssekretär im Bildungsressort, Thomas Rachel (CDU). Es gehe darum, die Stoffmenge und die Zahl der Prüfungen auf ein angemessenes Maß zu reduzieren, die Prüfungsanforderungen transparenter zu machen und den Kontakt zwischen Studierenden und Dozenten zu verbessern.
Auch das Deutsche Studentenwerk (DSW) appelliert an die Hochschulen, die negativen Punkte jetzt zügig anzugehen. DSW-Präsident Rolf Dobischat sagt, mit der Studie gebe es nun eine empirische Grundlage für die Debatte. „Das trägt zur Versachlichung bei.“
Seit den Bildungsprotesten im vergangenen Jahr beraten Bund, Länder, Hochschulen und Studenten bereits über Nachbesserungen an der Reform. Am Mittwoch trifft sich Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) erneut mit Studenten in Berlin, im März gibt es eine internationale Bologna-Konferenz zum Thema und im April oder Mai einen „Bologna-Gipfel“ in Berlin. Dobischat sagt, die Studie zeige, dass die Studentenproteste berechtigt gewesen seien. Einen „Grund zur Entwarnung“ gebe es nicht. (ddp)
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