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"Herr Professorin" ist für NRW-Hochschulen kein Vorbild

07.06.2013 | 07:07 Uhr
"Herr Professorin" ist für NRW-Hochschulen kein Vorbild
"Liebe Studentinnen und Studenten": Geschlechtergerechte Ansprache ist an Hochschulen längst Praxis. Es ist aber noch nicht zu erwarten, dass es in NRW künftig "Herr Professorin" heißt, wie bald an der Uni Leipzig.Foto: Archiv/Knut Vahlensieck

Düsseldorf/Essen/Bochum/Kleve/Mülheim/Siegen/Dortmund.   An der Uni Leipzig soll es künftig nur noch Professorinnen geben. Der Senat der Hochschule hat jüngst beschlossen, die Grundordnung der Uni zu ändern. Damit sollen künftig auch männliche Lehrstuhlinhaber zur Professorin werden. An NRW-Hochschulen geht das vielen zu weit.

Aus Sicht von Ricarda Bauschke-Hartung ist das, was da aus Leipzig zu hören ist, völlig absurd. So lässt es die Prorektorin der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität jedenfalls über ihren Sprecher ausrichten. Der sich beim Telefongespräch erkennbar in Position setzt, um Bauschke-Hartungs Kommentar dann auch im Tonfall möglichst originalgetreu widerzugeben: "Die Prorektorin Frau Professor Bauschke-Hartung hält das nicht für zielführend".

Worum es geht? Der Senat der Universität Leipzig will künftig jeden dort beschäftigten Professor zur Professorin machen. Das Gremium der Hochschullehrer hat unlängst mit Mehrheit verfügt, dass die "geschlechterspezifische Ansprache" in der Grundordnung der Uni auf die weibliche Form reduziert wird. "Es ist ein symbolischer Akt", erklärte dazu Hochschul-Rektorin Beate Schücking in einem Zeitungsinterview. Und ergänzte: Ja, "wir waren nüchtern" bei dem Beschluss.

"Herr Professorin" - eine gelungene Provokation

Der löst Wirbel aus, bis hin zu anti-feministischen Hasstiraden. Auch an Hochschulen in NRW diskutiert man darüber. "Ich halte das Ganze für eine sehr gelungene Provokation. Der Entschluss der Uni Leipzig konterkariert einen Sprachgebrauch, an dem sich Jahrzehnten angeblich niemand stört - das ,Frau Professor'", sagt Karoline Spelsberg, Rektoratsbeauftragte für Diversity Management und Gleichstellungsbeauftragte der Folkwang Universität der Künste mit Hauptsitz in Essen und Standorten in Bochum, Duisburg, Dortmund.

„Es lässt schmunzeln, dass es die Grundordnung einer Universität in die überregionale Presse schafft, sobald grundsätzliche Fragen der Geschlechtergerechtigkeit auf vielleicht verblüffende Weise angegangen werden", sagt Prof. Barbara Welzel, Prorektorin Diversitätsmanagement an der TU Dortmund. "Die TU Dortmund hat schon lange entschieden, dass sie eine geschlechtergerechte Sprache verwendet und dass sich keines der Geschlechter durch die Nennung des jeweils anderen mitgemeint fühlen muss. Wir sprechen deswegen immer von Studierenden, Beschäftigten, Professorinnen und Professoren etc." Dies sei im Übrigen Teil "eines umfassenden Gleichstellungskonzeptes, das alle Bereiche und alle Gruppen der Universität einschließt." Für ihre Gleichstellungsstandards sei die TU zudem bereits 2011 von der Deutschen Forschungsgemeinschaf tin der bundesweiten Spitzengruppe der Hochschulen verortet worden.

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"Ich bin der Uni Leipzig sehr dankbar, dass sie durch ihren Beschluss das Thema erneut in die öffentliche Diskussion gebracht hat", sagt auch Ute Klammer, Prorektorin der Uni Duisburg-Essen. Geschlechtergerechte Sprache sei ein Problem, meint Klammer. Sie finde es deshalb gut, "möglichst breite Teile der Öffentlichkeit dafür zu sensibilsieren". Zum Vorbild nehmen wolle man sich das an der Uni Duisburg-Essen jedoch nicht.

Hochschulen bemühen sich um geschlechtergerechte Ansprache

Ähnlich ablehnend sieht das auch Elisabeth Heinrich, Gleichstellungsbeauftragte der Universtität Siegen: Die "Herr Professorin"-Einführung an der Uni Leipzig "wird an der Universität Siegen nicht als eine wirkliche Verbesserung der Situation betrachtet. Sie ist wohl eher ein Ausdruck des nach wie vor bestehenden Problems, dass Wissenschaft männlich dominiert ist und die Leistungen von wissenschaftlich hoch qualifizierten Frauen vielfach immer noch nicht adäquat wahrgenommen werden."

Auch an der Ruhruni Bochum ist nicht geplant, dem Leipziger Weg zu folgen, sagt Sprecher Jens Wylkop. Allerdings versuche man - wie in sämtlichen Hochschulen - in allen Publikationen und Statuten beiden Geschlechtern gerecht zu werden. Ob das wirklich in allen Fakultätsbereichen umgesetzt sei, konnte Wylkop nicht sagen.

An der Hochschule Rhein-Waal in Kleve und Kamp-Lintfort versuche man ebenfalls der sprachlichen Gleichbehandlung gerecht zu werden: "Wir sprechen zum Beispiel stets von 'Studierenden'", sagt Sprecherin Christin Hasken. Und in den Statuten sei konsequent von "Professor und Professorin" die Rede. Auf der Hochschul-Website hingegen ist man weit entfernt von einer Leipzig-Regelung: "Sie wollen bei Professoren studieren und lernen, die Sie persönlich und mit Ihrem Namen kennen?" wirbt dort Rektorin Marie-Louise Klotz für ihre Hochschule - und verzichtet dabei sogar auf ein "-in" hinter ihrem Professoren-Titel.

"In Ingenieurin steckt Genie"

Dass Doktorväter jetzt zu Doktor-Müttern werden, ist an NRW-Hochschulen in nächster Zeit nicht zu erwarten. An den meisten Unis gibt es weit mehr Hochschullehrer als -Lehrerinnen, im Durchschnitt dürften es 80 Prozent Männer sein und 20 Prozent Frauen, wie etwa an der Ruhruni, wo sich die Zahl jedoch je nach Hierarchie-Ebene verschiebt: Von den Junior-Professoren sind beispielsweise 42 Prozent weiblich.

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Der Wissenschaftsbetrieb ist mit Blick auf die Hochschullehrerschaft in vielen Fachbereichen eine Männerdomäne. An der Technischen FH Georg Agricola in Bochum sind zurzeit ganze zwei Lehrstühle von 37 mit Frauen besetzt. Professorin Nummer drei wird am 1. Juli erwartet. Und: 87 Prozent der Studierenden an der TFH sind männlich. Sprecher Stephan Düppe würde eine 50-Prozent-Quote als wünschenswert erachten. Aber die Geschlechterverteilung sei eben "unserer Fächerstruktur geschuldet" - unter anderem Geoingenieurwesen, Bergbau und Verfahrenstechnik . Die Hochschule für Gesundheit in Bochum, seit dem Wintersemester 2010/11 im Lehrbetrieb, zählt dagegen 85 Prozent Frauenanteil in der Studierendenschaft. Und: Elf von 19 Professuren sind von Frauen besetzt. Auch dort, sagt Sprecherin Christiane Krüger, erklärt sich die Quote an den noch immer ausgeprägten 'klassischen' Geschlechterrollen. Die Hochschule bietet unter anderem Ergotherapie-, Logopädie- und Pflege-Studiengänge.

An der Hochschule Ruhr-West in Mülheim mag man Männer jedenfalls sprachlich nicht diskriminieren: "Wir werden auch künftig beide Geschlechter ansprechen", sagt Sprecherin Beatrice Liebeheim. Gleichstellung sei auch an der HRW ein wichtiges Thema, obwohl die im Mai 2009 gegründete Hochschule mit den Studienfächern Informatik, Energieinformatik, Wirtschaftsingenieurwesen und Wirtschaftsinformatik einen deutlichen Männerüberschuss hat. Eine der Werbebroschüren werde in Kürze neu aufgelegt - mit einem geänderten Titel: "Vorher hieß es 'In Ingenieur steckt Genie", sagt Liebeheim. Im neuen Flyer stehe dann: "In Ingenieurin steckt Genie".

Übrigens: So frisch die Diskussion um das "Herr Professorin" an der Universität Leipzig ist - eine Präzedenzfall unter deutschen Hochschulen ist das nicht. An der Universität Karlsruhe findet sich bereits seit dem Jahr 2006 eine 'durchgegenderte' Promotionsordnung. Ausgerechnet an der Fakultät Informatik - auch eines der Männer-dominierten Studienfächer. Wie sich das in der Praxis liest? Hier kann man es sehen.  (mit -MarS)

Dagobert Ernst

Kommentare
09.06.2013
23:20
Hochwasser in Leipzig ...
von Tanoebel | #20

.... vielleicht zu Kopf gestiegen? Kann es gröbere Dummbatzigkeiten geben als "Herr Professorin"? Wohl kaum - aber - vielleicht auch ein weiteres...
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2013-06-07 07:07
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