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Gespräch mit Schülern: „Wir sind eine verwirrte Generation“

24.01.2016 | 15:39 Uhr
Gespräch mit Schülern: „Wir sind eine verwirrte Generation“
Die Schüler Lia Blankenfeldt und Jurek Macher meinen: Handy-Verbote an Schulen seien zwecklos – dann mache man es eben heimlich. Vielmehr sollten die Medien sinnvoll in den Unterricht eingebaut werden.Foto: Volker Hartmann

Essen.   Zwei Schülervertreter über Zukunft, Politik, Lehrer und Medien. Die unendlichen Möglichkeiten bringen zwar Freiheit – aber auch jede Menge Druck.

„Jugendliche Smartphone-Nutzer leiden unter Stress“ heißt es oft. Oder: „Übermäßige Mediennutzung macht krank“. Sind junge Leute Sklaven der Technik? Wissen sie nicht, was sie tun? Unsere Redaktion hat zwei Jugendliche aus dem Ruhrgebiet nach den Sorgen, Nöten und Chancen ihrer Generation gefragt. Die Antworten der Schüler überraschen.

Ihr interessiert Euch für Politik? Ist das normal für 17-Jährige?

Lia: Wir sind nicht typisch für Schüler heute. Wir sind politisch interessiert, und das trifft vielleicht auf 10 Prozent der Schüler zu. Politisch aktiv sind vielleicht 5 Prozent. Ich glaube, in meiner Jahrgangsstufe engagiert sich kein einziger in einer Partei.

Jurek: Wir SV-Mitglieder sind nicht typisch für die Schülerschaft. Die meisten interessieren sich nicht für Politik, mehr für Fußball. Die Griechenlandkrise oder der Terror in Paris – das waren höchstens mal kurze Gespräche auf dem Schulhof. Wir bekommen kaum neue Leute in die Schülervertretung, das ist mit G8 gekippt. Das Interesse an Politik wurde durch meine Eltern geweckt. Wir haben abends über die Nachrichten geredet statt über Bibi Blocksberg.

Über den Umgang von Jugendlichen mit Smartphones, Computern, sozialen Netzwerken wird fast nur negativ berichtet. Gewarnt wird vor Internetsucht, Mobbing und Vereinsamung. Moderne Medien scheinen gefährlich zu sein. Seht Ihr das auch so?

Lia: Alle haben Smartphones, und alle nutzen WhatsApp. Der soziale Druck, diese Dinge zu nutzen, ist groß. Und sie sind praktisch. Wenn du WhatsApp nicht hast, kriegst du viele Verabredungen gar nicht mit. Keiner bringt uns den Umgang mit dieser Technik bei. Es gibt ja leider kein Schulfach dafür. Immer erreichbar zu sein, macht übrigens viel Stress. Ich glaube, dass die Technik nie das echte Treffen von Menschen ersetzen wird. Sie ersetzt vielleicht den Anruf, der dem Treffen vorausgeht. Außerdem: Wenn Erwachsene Technik pauschal verurteilen, dann macht das die Technik erst recht interessant.

Welche Rolle spielt diese Technik in der Schule?

Jurek: Im Unterricht wird das Internet so gut wie nie genutzt. Nur ausnahmsweise dürfen wir auch mal Lektüre im Internet lesen. Wir haben drei Computerräume, aber die Rechner sind alt. Warum sollen wir nicht Tablets im Unterricht nutzen? Wir wollen damit ja nicht heimlich WhatsApp-Nachrichten verschicken.

Findet Ihr Handy-Verbote in Schulen gut?

Lia: Das ist nicht sinnvoll. Schule ist Teil des normalen Lebens, und die Technik ist es auch. Manche Lehrer sehen ihren Unterricht dadurch bedroht, aber die Technik ließe sich viel besser für den Unterricht nutzen. Warum müssen wir in Bücher gucken, die 16 Jahre alt sind? Wir könnten Papier sparen, die Taschen wären leichter. Das alles würde den Alltag enorm erleichtern.

Jurek: Ein Verbot ist sinnlos, dann nutzt man es eben heimlich.

Was macht den Unterschied zwischen WhatsApp-Nachrichten und Mails aus?

Lia und Jurek: WhatsApp ist unverbindlicher. Mails haben einen verbindlicheren Charakter als Whats­App. Und Briefe sind etwas Poetisches, etwas Schönes.

Was macht Eure Generation aus?

Lia: Unsere Generation ist verwirrt. Es gab wohl noch nie so viele Nachrichten, Botschaften, Werbungen, die auf einen einströmen. Du darfst heute Punk sein oder Krawatte tragen. Du kannst unter 10 000 Studiengängen wählen, du hast unendlich viele Möglichkeiten. Das ist alles sehr schön, aber auch verwirrend. Irgendwann blinkt und leuchtet alles. Außerdem habe ich den Eindruck: Es ist ganz egal, was ich mache. Die Welt leuchtet und blinkt weiter.

Jurek: Ja, wir sind eine verwirrte Generation. Früher gab es die Punks oder die Spießer, heute gibt es total viele Strömungen in der Jugendkultur. Die unendlichen Möglichkeiten sind ein enormer Druck. Auf der anderen Seite kann man auch vieles sein.

Wie wichtig ist das Abitur?

Lia: Das Abi ist heute ein Muss, um Chancen im Leben zu haben.Wir haben wohl bessere Chancen als unsere Eltern. Wir können uns über das Internet selbst helfen und uns über alles informieren. Ich weiß mehr als meine Eltern, als sie 16 waren.

Jurek: Wer kein Abi hat, hat es von vorneherein schwer. Es ist ein Muss. Ich möchte später eine Ar­beit machen, die mich erfüllt und die sinnvoll ist. Das ist wichtiger als Geld und Karriere.

Bereitet Euch die Schule gut auf das Leben danach vor?

Jurek: Nein, sie bereitet uns kaum darauf vor. Ich habe mal ein zweiwöchiges Praktikum bei einer Zeitung gemacht, das war toll. Aber insgesamt ist das viel zu wenig, da könnte die Schule mehr machen. Wir lernen viel für die Fächer, aber man weiß nicht, was man davon hinterher brauchen kann.

Zu den Personen:

Lia Blankenfeldt (16), Käthe-Kollwitz-Gymnasium Dortmund, 11. Klasse. Seit 1,5 Jahren in der Landes-Schülervertretung. Zeitaufwand: 10 Stunden/Woche. Pläne: Möchte Politik studieren und Journalismus lernen.

Jurek Macher (17), Jahrgangsstufe 11, Gymnasium Borbeck. Seit drei Jahren in der Bezirksschülervertretung, seit über 1 Jahr in der Landesschülervertretung. Zeitaufwand: 10 Stunden/Woche. Pläne: Nach der Schule ins Ausland, später studieren. Was, weiß er noch nicht.

 

Matthias Korfmann und Christopher Onkelbach

Kommentare
26.01.2016
13:11
Gespräch mit Schülern: „Wir sind eine verwirrte Generation“
von trespass | #17

An der im Artikel geäußerten Vermutung, heutige 16-jährige hätten mehr Wissen als die Elterngeneration, habe ich erhebliche Zweifel. Die Jugendlichen...
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http://www.derwesten.de/politik/campus-karriere/gespraech-mit-schuelern-wir-sind-eine-verwirrte-generation-id11490603.html
2016-01-24 15:39
Schule, Schüler, Abitur
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