Bahntramper verärgern die Verkehrsbetriebe
08.09.2009 | 21:40 Uhr 2009-09-08T21:40:00+0200
Essen. Wer Bus und Bahn fahren will, muss tief in die Tasche greifen. Das in vielen Kommunen fehlende Sozialticket ruft bei Studenten das "Bahntrampen" auf den Plan. Offensiv machen sie dafür Werbung, jemanden kostenlos auf ihren Tickets mitzunehmen. Verkehrsverbünde fühlen sich hintergangen.
Mal eben durch die Stadt fahren ist teuer. Schon für eine Kurzstrecke muss der Bus- und Bahnfahrer heute gut 1,70 Euro einplanen. In Düsseldorf beispielsweise kostet eine einfache innerstädtische Fahrt mit einem öffentlichen Verkehrsmittel 2,20 Euro. Was auf den ersten Blick wie eine kleine Summe daher gefahren kommt, summiert sich schnell. Die Forderungen nach einem Sozialticket wird in vielen Kommunen NRWs immer lauter und ruft studentische Kampagnen wie das Bahntrampen hervor. Allerdings prallen dabei Verkehrsverbünde und sozial Engagierte immer öfter aufeinander.
Bahntrampen als Alternative
Viele Kommunen bieten vor allem für Studenten das Semesterticket an. Der Clou: Beispielsweise beim Verkehrsverbund Rhein-Sieg dürfen kostenlos eine Person über 14 oder drei Kinder von 6 bis 14 mitreisen. „Leider wird diese Möglichkeit oft nur auf Familie, Freunde und Bekannte angewendet und deshalb viel zu selten genutzt“, bemängeln die Initiatoren der Kampagne Bahntrampen. Genau das soll ihre Kampagne ändern. Dabei stecken sich die Besitzer eines solchen Tickets deutlich sichtbar einen Button an, damit jeder sieht: Dort kann ich kostenlos mitfahren.
„Durch die hohen Preise für öffentliche Verkehrsmittel ist die Mobilität von vielen Menschen eingeschränkt. Dabei ist Mobilität ein Grundbedürfnis“, moniert Boris, der die Kölner Kampagne Bahntrampen mitinitiiert hat. Entstanden ist sie aus der Bewegung „Geblockt“ heraus. Sie hatte sich 2007 für Protest-Aktionen gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm zusammengefunden.
Rund zwei Dutzend Menschen hat der mit einem Button geschmückte Doktorand bereits kostenlos mitgenommen. Fast schon schwärmerisch berichtet Boris über die spannenden Gespräche, die sich dabei entwickelt haben. „Manche Leute sprechen über Politik, andere schildern ihr persönliches Schicksal.“
3000 Buttons in Köln verteilt
Insgesamt seien im Kölner Raum rund 3000 Buttons verteilt worden. „Wir haben mit der Kampagne etwas ins Rollen gebracht. Das wird noch weitere Kreise ziehen“, prophezeit Boris. Der studierte Volkswirt hofft, dass sich die Studentenaktion zu einer gesellschaftlichen Bewegung in ganz Deutschland entwickelt. Schließlich gebe es auch zahlreiche Abo- und Jobtickets, die derartige Mitnahmemöglichkeiten bieten.
Was tariflich erlaubt ist, soll sozial auch anderen Menschen zugute kommen, die sich die Fahrt nicht leisten können – so der Grundgedanke der Bahntramper. Das sogenannte Sozialticket steht schließlich in vielen Kommunen auf dem Abstellgleis. In großen Städten wie Köln und Dortmund gibt es schon das Ticket, das sich an Menschen mit geringem Einkommen richtet. „Es ermöglicht, Tickets im örtlichen Verkehrsverbund vergünstigt zu erwerben“, erklärt Stefan Pfeifer, Abteilungsleiter für Verkehrspolitik beim Deutschen Gewerkschaftsbund.
„Für einen Hartz-IV-Empfänger sind beispielsweise nur 14 Euro monatlich für Leistungen im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) vorgesehen. Nach fünf Fahrten ist das aufgebraucht“. Im Vergleich zur Preisentwicklung insgesamt seien die Tickets im Preis stark gestiegen. „Auch Arbeitslose müssen zum Arzt, zur Schule oder ihre Kinder in den Kindergarten bringen. Sie werden klar in ihren Möglichkeiten, Bus und Bahn zu benutzen, beschnitten“, empört sich Pfeifer.
Harsche Kritik von den Verkehrsbetrieben
Trotz dieser Umstände hagelt es seitens des Verkehrsverbundes harsche Kritik an der Bahntrampen-Kampagne. „Sie werfen die Diskussion um das Sozialticket und unsere Tarife durcheinander“, muss Isabella Stock, Pressesprecherin des Verkehrverbunds Rhein-Sieg (VRS), feststellen. „Unsere Tarife werden verbundweit so kalkuliert, dass wir zunächst den Bedarf ermitteln. Wo möchten Kunden wie fahren, welche Tickets werden nachgefragt?“ Für Tickets, bei denen Kunden jemanden kostenlos mitnehmen können, habe der Verbund bestimmte Zahlen im Blick. Diese gelten aber für Freunde, Bekannte und Familienmitglieder. Durch eine offensiv beworbene Aktion wie das Bahntrampen könnte die Zahl an Bus- und Bahnfahrern steigen. „Dann ist nicht mehr genug Platz, wir brauchen neue Busse und das kostet Geld“.
Die Spirale bewegt sich noch weiter: Der Ticketpreis wird gleichermaßen von Kunden und Mitteln der öffentlichen Hand finanziert. „Erfahrungsgemäß kommt das Geld in den vergangenen Jahren nicht aus den öffentlichen Kassen, da es viele Kürzungen gegeben hat. Also müssen die Kunden wieder mehr zahlen“, erklärt Stock. Die Konsequenz ist eindeutig: Denn dann werden auch Semestertickets teurer, wodurch die Studenten wieder tiefer in die Tasche greifen müssen. „Wir können nicht im Nahverkehr ein Sozialticket durch die Hintertür einführen, wenn darüber woanders entschieden werden muss“, macht Isabella Stock deutlich.
Keine Umsatzausfälle durch Bahntramper
Kein Verständnis für solche Argumente hat Bahntrampen-Aktivist Boris. „Die Verkehrsbetriebe haben naturgemäß hohe Fixkosten. Ob da eine oder fünf Personen mehr mitfahren ist für die Kostenstruktur nicht relevant“, kontert der Volkswirt die Kritik. Dass durch das Konzept Bahntrampen Umsatzausfälle bei den Verkehrsbetrieben entstünden, hält er für ausgeschlossen. „Die Leute, die wir mitnehmen, wären ansonsten schwarz gefahren oder gar nicht.“ Nur in seltenen Fällen würden Leute sich mitnehmen lassen, die eigentlich Geld für ein Ticket haben. „Dafür ist die Scham zu hoch.“
Für Joachim Berger, Mediensprecher der Kölner Verkehrs-Betriebe bewegen sich Bahntramper-Aktivisten jedoch in einer „Grauzone.“ Jemanden zum Bahntrampen einzuladen sei scharf formuliert „ein Missbrauch. Denn so ist diese Mitnahmeregelung nicht vorgesehen.“
Parallel-Aktionen in Münster
Deutlich harmonischer verlaufen da zwei ähnliche konzipierte Mitnehm-Aktionen von Jusos und den Grünen in Münster. „Meines Wissens hat es bislang keine öffentliche Kritik seitens des ÖPNV-Anbieter gegeben“, so der Sprecher des Grünen-Kreisverbandes, Daniel Sandhaus, zur im Juli gestarteten Aktion „Nimm Mit!“. „Die Mitnahmemöglichkeit ist ja ohnehin in den Tarifbedingungen vorgesehen. Die Studierenden bezahlen das Semesterticket inklusive dieser Leistung.“ Neben dem ökologisch-sozialen Hintergedanken der Aktion, sieht Sandhaus noch einen weiteren positiven Aspekt bei der Kampagne. „Beim Mitnehmen kommt man schnell miteinander ins Gespräch.“ Dies könne zu einem stärkeren Miteinander von Studenten und den übrigen Münsteranern beitragen.
14:31
Bahntrampen finde ich völlig okey.
Wenn ich für ein Monatsticket zahle, mit dem ich eine zweite Person mitnehmen kann, dann ist das gefälligst meine Sache, wen ich da mitnehme.
Da können sie sich meinethalben schwarz ärgern.
Und das Geschwätz dieser Bahn*uschi ist nichts anderes als miese Erpressung!
Gruß
14:36
Jeder Student MUSS ein Semesterticket kaufen, weil es im Semesterbeitrag (Pflichtbeitrag!!) enthalten ist. Viele können es aber nicht nutzen, weil die Fahrt zur Uni -je nach Wohnort- viel zu lange dauern würde. Diese Studenten müssen also gleichzeitig die Kosten ihrer Autofahrten aufbringen.
Wer sich die vollen Uni-Parkplätze anschaut, kann sich leicht vorstellen, dass die Verkehrsunternehmen sich an den bezahlten Leerfahrten eine goldene Nase verdienen! Darüber schweigen sie allerdings lieber!
19:34
BUS - Bin Unterwegs, Schatz!
Erinnere mich leidvoll an eine Zeit, in der ich um 06:30 Uhr einen benutzen mußte, um um 07:30 bei der Arbeit zu sein (regelmäßiger Arbeitsbeginn 08:00 Uhr).
Zum Feierabend, dessen genaue Zeit eher unbestimmt war, wartete ich unter Umständen insgesamt 90 Minuten auf dieses Verkehrsmittel, bei, wie oben zu lesen, etwa 60 Minuten Fahrtzeit, da morgens die Verbindungen und Anschlüsse offenbar besser ausgetüfftelt waren als zum Feierabend hin.
Auf dem Lande im deutschen Mittelgebirge, zugegeben.
Wenn ich mich ärgern will, nutze ich den ÖPNV.
Lieber freue ich mich, ihn nicht nutzen zu müssen.
Zum Thema ... hier sehe ich einen Zug, menschenleer, vorbeifahren, 5 Waggons. Würde einer nicht auch reichen?
11:14
Ich schließe mich Bert in Beitrag 8 an:
Schließlich soll es ja auch immer noch den altgedienten Begriff des Menschenfreundes geben.
Ich fahre nur noch selten mit der Bahn und meistens mit dem extra neu angeschafften Motorroller. Will ich von Dortmund nach Lünen Brambauer sind das über 4 EUR für eine (1) Strecke!!! Das sind über 40 Cent pro KM? Da ist ja fast schon wieder ein Auto inkl. Anschaffung billiger, wenn man täglich fahren muss.
Wie soll sich ein finanziell Benachteiligter so etwas leisten, wenn es der Mittelschicht schon zu teuer ist. Diese Strecke hat sich in den letzten 13 Jahren im Preis vervierfacht!
Tschöö ÖPNV!
10:26
Bus- und Bahnfahren wird für den Durchschnittsbürger faktisch immer weniger bezahlbar so, dass unabhängig von dieser Aktion der überregionale und bundesweite Bahn- und Busverkehr ohnehin auf die Dauer einbrechen wird.
Der Punkt ist schlicht, dass es dann nicht mehr bezahlbar sein wird und mal genau gesehen, überlegt man es sich heutzutage auch öfter als früher dreimal ob 120 € im Abo monatlich zu zahlen sind, wenn das Geld an anderer Stelle fehlt. Geld ist ein kostbares Gut und bei vielen Menschen nicht unbegrenzt vorhanden. Gerade in den nächsten Monaten, wenn die Arbeitslosenzahlen zunehmen, wird das noch deutlich werden.
10:09
Wenn man sich auf einigen Strecken die
70er-Busse ansieht, in denen gerade 2 Leute befördert werden, z B in Vororten abends, dann muss man sich über hohe Kosten nicht wundern. Kann man da nicht einfach Minibusse einsetzen, auf Teilstücken, wo kaum bedarf besteht.
Ich finde diese Aktion sehr gut. Außerdem das gute Recht, eines Ticketinhabers.
09:47
Tolle Aktion ... weiter so
Übrigens - wenn mich jemand kostenlos mitnimmt, dann bezeichne ich den als meinen Freund - also, alles in Ordnung ;-)
09:40
Aber keiner redet davon, dass alle Studenten mit dem Sozialbeitrag (in Bochum sind das € 227,02), den sie noch neben den Studiengebühren zahlen müssen, das Semesterticket zwangsweise verpasst bekommen.
Egal ob sie es benutzen wollen oder können!
Da beschwert sich keiner, wenn es nicht benutzt wird.
09:40
@23, berechtigter Zweifel:
Zum Glück bin ich ja auch des Englischen mächtig. Hab bisher noch jeden
Fahrschein bekommen, jeden Parkschein bezahlt, jede Eintrittskarte
benutzt und jeden Strafzettel vermieden ;-).
07:56
Ich zahle für eine Strecke mit dem Bus von exakt 6 Kilometern einen Monatspreis von € 79 und das deshalb, weil zwei Haltestellen stadtübergreifend sind.
Bei den Preisen muss sich doch der ÖPNV doch nicht wundern, dass die Kunden verärgert sind. Das ist die Rache des kleinen Mannes :-)