Angepasst, gleichgültig, unpolitisch
20.02.2009 | 23:00 Uhr 2009-02-20T23:00:00+0100
Essen. Angepasst, gleichgültig, konzeptlos, beliebig, unpolitisch, unsolidarisch – so sind die Studenten von heute. Dieses düstere Bild zeichnet die Studie der Arbeitsgruppe Hochschulforschung der Universität Konstanz, die im Auftrag des Bundesforschungsministeriums knapp 9000 Studenten befragte.
Waren die Studenten der 70 bis 90er-Jahre noch beseelt von politischen und gesellschaftlichen Utopien, bezeichnet die Untersuchung die heutigen Studenten als „die ratlose Generation”. Tino Bargel, Autor der Studie, wertet die Ergebnisse als Aufforderung, die politische Bildung an Schulen und Hochschulen zu stärken.
Teilnahmslos und verstärkt konservativ
Die Befragung der Studenten („Studierendensurvey”) wird seit 1983 im Abstand von zwei bis drei Jahren von der AG Hochschulforschung an der Universität Konstanz im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung vorgenommen.
Insgesamt sind seither fast 88 000 Studenten befragt worden. So sollen verlässliche und über die Zeit vergleichbare Informationen über die Studiensituation und die studentische Orientierung bereitgestellt werden. Die jetzt veröffentlichte Studie „Wandel politischer Orientierung und gesellschaftlicher Werte der Studierenden” ist eine Zusatzerhebung und vergleicht die Daten von 1983 bis 2007.
Seit 16 Jahren befragt die Konstanzer Arbeitsgruppe regelmäßig die Studierenden der Republik. Die neue Überblicksstudie zum Wandel politischer Orientierungen von 1983 bis 2007 belegt eine deutliche Entwicklung. Sie sei gekennzeichnet „durch mehr Teilnahmslosigkeit und den zunehmenden Verzicht auf Alternativen”, so die Studie. Zugleich rücken die Studierenden politisch mehr nach rechts. Die Autoren erkennen in den Antworten „Züge eines verstärkten Konservatismus”.
Was Merkel und Co in Berlin so treiben, interessiert nur noch eine Minderheit der jungen Bundesbürger. Zeigten 1983 noch 54 Prozent ein „starkes Interesse” am politischen Geschehen, sank dieser Wert über 46 Prozent (1993) auf 37 Prozent (2007). Von den Studentinnen sind nur 29 Prozent stark an Politik interessiert. Der Rückzug ins Private vollzog sich zeitgleich: Für 72 Prozent der Studenten ist die Familie sehr wichtig, in den 80er-Jahren galt dies etwa für die Hälfte.
Distanz zur Demokratie wächst
Die Abkehr von den etablierten Parteien ist unter Studenten kein neuer Trend, dafür wurden Umweltschutzgruppen, Menschenrechtsorganisationen oder die Globalisierungsgegner von Attac für die Jugend attraktiver. Aber auch das stimmt offenbar nicht mehr: „Die Beteiligung an Bürgerinitiativen und anderen politischen Gruppierungen hat stark nachgelassen”, stellt die Erhebung fest. Fazit: „Es ist eine gestiegene Teilnahmslosigkeit in allen politischen Feldern zu beobachten.”
Insgesamt stellt die Studie mehr Entscheidungslosigkeit fest, auch die Haltung zu demokratischen Prinzipien sei von wachsender Distanz geprägt. Die Zahl der „sattelfesten Demokraten” sinke, viele Studierende müssten hingegen als „labile Demokraten” bezeichnet werden. Einer Autokratie, also einer Herrschaft durch eine feste politische Elite, „würden die Studierenden keinen Widerspruch oder Widerstand entgegensetzen”, meinen die Autoren, und zwar, weil die Studenten „selbst Träger solcher Entwicklungen geworden sind”.
Bereitschaft zum Protest nimmt ab
Gegenkonzepte oder Alternativen für ein „anderes Leben” oder eine „andere Politik” entwickeln die Studenten kaum noch. Dazu passt: die Protestbereitschaft sinkt, die Anpassungsneigung steigt. Auch der Umweltschutz genießt nicht mehr Priorität, nur noch 51 Prozent sehen das so, 1993 waren es 76 Prozent. Dafür gewinnt die Förderung von technologischen Entwicklungen an Zustimmung.
Den Autoren ist klar, dass eine solche Etikettierung der Jugend problematisch ist. Natürlich gebe es unter den Studenten „auch die anderen mit hohem politischen Engagement und alternativen Ideen”. Doch insgesamt seien die Trendaussagen zutreffend.
Die Autoren fordern von der Politik, diese Befunde als Appell zu verstehen, der Entwicklung mit mehr politischer Bildung an Schulen und Hochschulen zu begegnen. Auch die jüngsten Hochschulreformen hätten die Apathie der Studenten befördert: „Für die politische Partizipation erweist sich die Zuschneidung der studentischen Rolle auf die eines Kunden als besonders nachteilig. Sie drängt ihn geradezu aus der Verantwortung hinaus.” Mit dem Hinweis, der Student könne künftig als Kunde auftreten und von seiner Universität mehr Qualität verlangen, wurde die Einführung der Studiengebühren begründet.
18:22
Ich denke, dass Unpolitischehat auch kulturelle Gründe - die bei den Studenten wie auch in den allgemeinen Verhältnissen liegen.
1.) Zum einen gibt es keine greifbare Alternativ-Ideologie zum Neoliberalismus, die nicht diskreditiert und unglaubwürdig wäre. Wir leben in einer ironischen Epoche, in der große Werte belächeöt werden. Sei es nun Christentum, Sozialismus, Nationalismus ...
2.) Die politisch engagierte Universität war eine Uni künftiger Beamter, die oft aus dem Beamtentum kamen. Da war Geld verdienen verpönt ,und Pflichterfüllung wurde großgeschrieben. Ein jugendlich-romantischer Auswuchs dieses Beamtendenkens war der studentische Linksradikalismus. Durch veränderte Arbeitswelt und Öffnung der Unis dominiert jetzt aber die marktorientierte spätere Angestelltenschaft.
3.) Politische Ideen leben in der Kultur des Worts. Die Gesellschaft glaubt aber eher an eine Kultur der Zahlen. Dementsprechend fällt es vielen schwer, eine Verbindung zwischen Politik und Wissenschaft zu ziehen - eine politische Wissenschaft widerspricht im Grunde den herrschenden erkenntnistheoretischen Positionen.
17:00
@7
Hallo Sebl,
hätten Sie Lust, sich mit mir für einen Bericht in der WAZ über Ihre Studienerfahrungen zu unterhalten? Dann meilen Sie mir bitte an c.onkelbach@waz.de
12:46
Den Jungen Leuten wird es doch vorgelebt! Wie sollten sie anders sein??? Deutschland ist auf vielen Ebenen verkommen, besonders in der niveaulosen Politik. Jetzt wundern wir uns??? Nur ein radikaler Schnitt würde etwas ändern. In Deutschland fehlt aber der Mut. Also wurschteln wir weiter.
01:36
wo ist der Unterschied zwischen den Studis und der FDP?
keiner, beide sind Weltfremd und verachten alle anderen!
20:41
In meiner Teenagerzeit standen Green peace, Tierschutzparteien, ander Organisationen für eine liberale multikulturelle Politik mit ihren Ständen regelmäßig in der City, verteilten Flyer, warben für eine bessere, humanere Welt, amnesty international lernte ich auf diese Weise kennen, ebenso wie unicef. Heute? Trostloses Bild, wenn überhaupt verteilen junge Hüpfer Flyer von Zigaretten - heute verboten - , von freenet, telekom und Sonstige. Oder es trauen sich Studenten Fragen zur MARKTFORSCHUNG zu stellen! Von nichts kommt auch nichts, niemand motiviert niemanden mehr. FETTES BROT Sozusagen, unsere Welt ist Global, die Grenzen sind offen, unsere Gesellschaft ist multikulturell, der Kapitalismus erreicht, Kosmetik ohne Tierversuche gibt es schon - über Integration wird gesprochen - wofür also noch kámpfen? Angesichts der schlechten wirtschaftlichen schlechten Lage vermutlich nur noch jeder für sich und um einen guten Job. Traurig!
19:06
Die Interessenlosigkeit ist durchaus gewünscht. Der ehemalige Rektor der RUB, Prof.BIedenkopf, wollte am liebsten den ASTA abschaffen, da der sich um zu viele politische Sachen kümmerte. Der RCDS, das Jungvolk der CDU, will auch nur die Beschränkung auf Studentenservice, allgemeine politische Probleme sollen draußen bleiben.
Diese Leute (CDU-Typen) interessiert nur das Geld, die Gesellschaft ist ihnen wuscht.
Nur, wenn dann das Land,die Währung,der Wohlstand für sie eines Tages verteidigt werden muß, verlagen sie, daß alle mitmachen sollen zur Verteidigung ihres Vermögens.
17:05
Die heutigen Studenten besteht aus der Generation, die mit dem Privatfernsehen groß geworden ist.
Ich glaube, darin liegt das Übel. Viel zu viel Reklame...Viel zu viel Gute Zeiten-schlechte Zeiten und der ganze big brother-container-Mist.
Die meisten jungen Leute, die ich kenne, denen geht es hauptsächlich darum : Wie sehe ich heute aus, wie liegt die Frisur und dufte ich auch gut ?
Seien wir mal ehrlich: Gab es vor 25 Jahren auch schon Männer, die sich alle Haare abrasierten und Herren-Parfümabteilungen, die so groß wie bei den Frauen sind ?
Aber zumindest unter den armen Studenten, denen es jetzt, durch Einführung der Studiengebühren schlechter geht, gruppiert sich hier und da Widerstand und formieren sich politische Aktionen.
Das lässt hoffen...
mit roten Grüßen
16:14
Es gibt sicherlich solche Studenten/Jugendliche, die sich im Alltag treiben lassen, Online-Spiele bis zum abwinken konsumieren und Ihre Pflichten bzw. Notwendigkeiten vernachlässigen.
Andererseits stelle ich auch die Frage wie sich einige Studenten nebenher engagieren sollen, wenn der Tag mit lernen und dem verdienen des Lebensunterhaltes, Studiengebühren und Lehrutensilien gefüllt ist.
Es ist halt nicht jeder Sohn oder Tochter von Beruf und hat den starken finanziellen Background.
Ich habe nicht studiert, ich habe ein Lehre und anchließende Weiterbildung absolviert.
Mein politisches Denken wurde auch nicht durch meine Schulen geprägt, wie soll man sich auch in jungen Jahren mit Politik befassen, wenn man von der 5 bis zur 10ten Klasse nur mit der Politik des 3ten Reiches konfrontiert wird.
Ich war zur Zeit der Wiedervereinigung in der Schule, alles was wir dazu besprochen haben war: Merkt euch dieses Geschehen, falls Eure Kinder mal fragen wie das war. Bis zur 6ten Klasse wusste ich nicht mal, daß es ne DDR gab.
Fazit: Die immerzu kritisierten Generationen sind das Produkt der Gesellschaft bzw. der vorrangegangen Generationen.
10:42
Welche Wirtschaftsbosse?
10:09
Angepasst, gleichgültig und unpolitisch, also sind die Studenten genau so, wie sie sich unsere Wirtschaftsbosse wünschen.